| Thornton Wilder: "Unsere kleine Stadt" |
![]() |
Regenfrische Freiluft-Aufführung eines modernen Klassikers |
|
Thornton Wilder(1897-1975) gehört zu den anerkannten Romanciers und Dramatikern dieses Jahrhunderts, obwohl - oder weil(?) - seine Werke weder expressionistische noch avantgardistische Züge aufweisen. In seinen Romanen und Theaterstücken (z.B. "Die Brücke von San luis Rey" oder "Unsere kleine Stadt") beschäftigt er sich intensiv mit dem Tode, jedoch durchaus aus einem konservativ-realistischen Blickwinkel.
Die Bregenzer Festspiele inszenierten jetzt zusammen mit dem "Theater von Vorarlberg" das Theaterstück "Unsere kleine Stadt". Sinnigerweise hatte man die Aufführung auf einen kleinen, von älteren und nicht unbedingt rechtwinkligen Häusern umstandenen Platz in der Altstadt von Bregenz verlegt. Mit diesem zum Titel passenden Hintergrund konnte man auf ein Illusionen schaffendes Bühnenbild verzichten und behalf sich für die Verdeutlichung der einzelnen Szenen mit multifunktionalen Holzkisten, die mal als Eßtisch, mal als Küchenschrank oder auch als Kirchengestühl dienen mußten.
Ein Erzähler(Bruno Felix) - das "Alter Ego" des Autors? - führt die Zuschauer durch die einzelnen Szenen, diese dabei kommentierend und sogar bisweilen aus der Sicht des Autors wertend.
Das Stück schildert den Alltag in einer beliebigen, durchschnittlichen Kleinstadt in New Hampshire zu Beginn dieses Jahrhunderts in drei Akten: Vorstellung der Personen, Beziehungen und Eheschließung der nachwachsenden Generation sowie Tod und Grablegung einzelner Protagonisten. Der dritte Akt läßt dabei die in den dreizehn Jahren des fiktiven Ablaufs verstorbenen Bürger der Stadt wieder auftreten und ihre innere Distanz zum Treiben der -noch - Lebenden darstellen. Hier eröffnet sich die traurige Erkenntnis über die Verschwendung der knappen Lebenszeit für die Nichtigkeiten des Alltags, die wahre Beziehungen zwischen den Menschen nicht zulassen. Da muß selbst der verzweifelte Versuch einer jung Verstorbenen scheitern, noch einmal einen beliebigen Tag ihres Lebens nachträglich bewußt und glücksbringend nachzuerleben. Regisseur Hans-Peter Horner hat die Aufführung des über lange Strecken gemächlich dahinfließenden Handlungsstromes durch eine enge Verzahnung von Erzählung und szenischer Darstellung aufgelockert. So spricht der Erzähler die Darsteller zwecks Überleitung in die Szene auf zwei Ebenen direkt an, mal als Personen des Stückes, mal als Darsteller, oder Darsteller bzw. Personen und Erzähler tauschen gespielte (?) Korrekturen und Ermahnungen über den Ablauf der Szene aus. Dieses mehrschichtige Spiel mit der Fiktion reißt die Handlungs immer wieder auf und läßt die Differenz zwischen Schein und Sein verschwimmen. Der dem Publikum zugewandte Erzähler bezieht über diesen Wechsel der Ebenen die Zuschauer in das Geschehen mit ein und macht sie damit sozusagen zu Bewohnern der "kleinen Stadt". Der Schluß des Stückes erzeugt zwar eine gewisse Betroffenheit, dennoch kann die Aufführung nicht ganz den Unterhaltungs-Charakter ablegen. Die Personen sind zu liebenswert-bodenständig gezeichnet, um ausreichendes kritisches Potential zu entwickeln. Fast möchte man schmunzelnd meinen "Ja, so ist halt das Leben". Ob dies an der bisweilen etwas sentimentalen Grundströmung und der etwas kurz geratenen Philosopie des Schlusses liegt oder an einer mehr auf das Komödiantische abgestellten Inszenierung, sei dahingestellt. Auch wenn die Aufführung vornehmlich auf die unterhaltsame Wirkung zielte, gehört sie damit zur gehobenen Kategorie, weitaus vielschichtiger als viele zeitgenössische Komödien und mit einigen Impulsen zum Nachdenken. Die Schauspielern zeigten durchweg überzeugende Leistungen und ließen die Zuschauer die durch einen längeren Regenguss aufgenötigte Zwangspause schnell vergessen. Bruno Felix führte als Erzähler souverän und humorvoll durch die Handlung und sparte auch nicht an kritischen Seitenhieben auf einig fotografierwütige Zuschauer. Wer seinen Urlaub am Bodensee verbringt oder dort lebt, sollte sich die Atmosphäre dieser Freiluft-Aufführung nicht entgehen lassen. Weitere Aufführungen finden am 4., 5.,7. und 8. August statt - auch wenn es regnet.. Tel.:(+43) 5574/407-407; Fax:( +43) 5574/407-400 |