"Lola Blau" - ein heimatloser Underdog

Georg Kreislers "Mini-Musical" im Staatstheater Darmstadt
Der Österreicher Georg Kreisler ist für seine satirisch bis bösartigen Chansons mit der immer treffenden Zuspitzung bekannt, z.B. den "Musikkrrritiker" oder "Gehn wir Tauben vergiften im Part". Gern hat er dabei vor allem die Eigenarten und den Dialekt der eigenen Landsleute aufs Korn genommen. Das Staatstheater Darmstadt hat nun Kreislers Ballade von der jüdischen Schauspielerin Lola Blau inszeniert und am 17. Juni im Kleinen Haus präsentiert.

Im Jahre 1938 bereitet sich die junge Schauspielerin Lola Blau in ihrem ärmlichen Wiener Zimmer auf ihr erstes Engagement in Linz vor, während sie am Volksempfänger nur halbwegs den Anschluß Österreichs mitbekommt. Ihr jüdischer Freund muß Hals über Kopf fliehen, ihr Vermieter überbringt ihr die politisch bedingte Absage des Theaters und fordert sie in schmieriger Weise auf, die Wohnung wegen ihrer Herkunft umgehend zu räumen. Lola flieht in die Schweiz, tritt dort in drittklassigen Nachtclubs als Sängerin auf, bevor sie als unerwünschte Person ausgewiesen wird. Doch erhält sie - Glück im Unglück - ein Visum für die USA und lernt dort - wiederum als Sängerin - die Glitzerwelt des Showbusiness kennen. Als sich nach Kriegsende ihr totgeglaubter Freund meldet, geht sie zurück nach Wien, nur um dort wieder den alten Muff und denselben latenten Antisemitismus vorzufinden.

Die Handlung ist zwar historisch korrekt und so gesehen aktuell, sie dient jedoch nicht als "dramaturgisches" Rückgrat, sondern lediglich als Leitfaden für die Chansons der Lola Blau. Mal kommentiert sie das Zeitgeschehen als Lola Blau sozusagen aus der Rolle hinaus, mal tritt sie als schauspielernde Sängerin auf und charakterisiert quasi im Stück die jeweilige Gesellschaft. Herrlich Grotesk der Auftritt als billig aufgetakelte Nachtclubtänzerin mit einem Song, der die Männer in all ihrer Eitelkeit und ihrer Egozentrik entlarvt. Dieser Song läßt kein gutes Haar am männlichen Geschlecht und wirkt doch - leider - nie als feministische Übertreibung, da von einem Mann getextet und komponiert. Veronika Nickel bezieht bei diesem Song das Mikrophon recht eindeutig ein.

Auf dem Schiff lernt sie die anderen jüdischen Auswanderung und deren Not kennen. Dies gibt den Anlaß zu einigen bewegenden jiddischen Liedern, z.B. das "herrliche Weib".

In den USA mutiert Lola Blau zur Kopie von Marylyn Monroe. Rauchige Stimme, Disco-Blitze und Palletten und überhaupt viel Sex in Stimme und Text. Veronika Nickl gelang die Wandlung vom naiven Mädchen zum mondänen "showbiz"-Star überzeugend. Aber auch die Schattenseiten dieser Existenz mit Einsamkeit und Alkohol bleiben nicht ausgespart.

Zurück in Wien erlebt sie noch einmal die Perversion der europäischen Bürokratie, wenn sie bei dem Versuch, den Theaterdirektor anzurufen, wie in einem Kafka-Roman von Stelle zu Stelle weitervermittelt wird, bis sie schließlich selbst alles durcheinanderbringt. Ihr Versuch, dem Theaterdirektor vorszuspielen, wird einerseits zu einer "Tour d´horizont" durch die Schauspielerei - anspruchsvoll-künstlerisch, volkstümlich-österreichisch und feurig-ungarisch - und andererseits zu einer Demonstration der Unterwürfigkeit und Anbiederung des Novizen an die Theater-Hierarchien.

Veronika Nickl gestaltete als Lola Blau den Abend nahezu im Alleingang, unterstützt von Michael Erhard am Klavier, der auch schon mal in die Handlung mit einbezogen wurde. Gerd K. Wölfle repräsentierte Lolas jeweilige gesellschaftliche Umgebung, so den schmierigen Vermieter in Wien - in herrlichem breiten Weanerisch -, den armen jüdischen Emigranten auf dem Dampfer, den aufdringlichen "Balina" des Wirtschaftswunders oder den engstirnigen Schweizer Postboten. Durch ihre vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten vermittelten die beiden einen lebendigen Eindruck dieser Epoche und brachten damit die satirisch zugespitzten Texte Georg Kreislers um so mehr zur Geltung.

Weitere Vorstellungen finden am 28. Juni und am 3. Oktober statt.