| Molière:
Der eingebildete Kranke |
![]() |
Gespielt wie
ursprünglich gespürt |
Seit einiger Zeit tauscht das Staatstheater Darmstadt mit dem Wiesbadener Theater Inszenierungen aus, um einerseits den Zuschauern Abwechslung zu gönnen und andererseits Kosten zu sparen. Seit Anfang des Jahres läuft im Rahmen dieses Programms die Komödie - grammatisch falsch übersetzt - "Der eingebildete Kranke" von Molière. Natürlich fragt man sich, warum man Molière heute noch aufführen sollte. Etwa für Schüler zur Erweiterung des Bildungshorizonts oder vielleicht, um die Bürger des ausgehenden 20. Jahrhunderts über die Probleme der Gesellschaft kurz vor der französischen Revolution zu belehren? Das Staatstheater Wiesbaden hatte sich diese Gedanken offensichtlich auch gemacht und daraus den Schluß gezogen, daß man ein solches Stück nur noch im - vermeintlich - ursprünglichen Stil aufführen könne. "Vermeintlich" deswegen, weil man leider über keine "Live"-Mitschnitte der ersten Aufführungen verfügt. Kann man Molières "Kranken" heute in einer überhöhten, intellektualisierten Form darstellen? Die Geschichte gibt für eine solche Interpretation eigentlich nicht genug her: Ein Mann mittleren bis fortgeschrittenen Alters fühlt sich sterbenskrank, obwohl er eigentlich kerngesund ist. Um ihn herum scharen sich Personen, die entweder an seinem vorzeitigem Ableben interessiert oder durch konventionelle familiäre Bande an ihn gebunden sind. Natürlich liebt seine Tochter einen anderen als den für sie vorgesehenen Mediziner, der auch gleichzeitig den hypochondrischen Vater versorgen soll. Aus diesem Konflikt ergeben sich die üblichen Verwicklungen, die dem vor-revolutionärem Theater den Handlungsrahmen für die Darstellung gesellschaftlicher Mißstände vorgaben. Da versucht die intrigante zweite Ehefrau des "Kranken", dessen Wahnvorstellungen in der Hoffnung auf eine satte Erbschaft scheinheilig fürsorglich zu fördern. Nebenbei pflegt sie ihr intimes Verhältnis mit dem für eine vorzeitige Testamentsbeurkundung sehr nützlichen Notar. Die pragmatisch-vernünftige Antoinette vertritt den Dienstbotenstand, der bei Molière und seinen Zeitgenossen die Dekadenz des Adels zu entlarven hat. Obwohl Tochter und deren Liebhaber vordergründig im Mittelpunkt zu stehen scheinen , bilden der abgewrackte, schein-kranke Hausherr und sein Hausmädchen das Zentrum des Stückes. Antoinette ist sich seit langem über die Marotte des Alten im Klaren und sagt ihm ihre Meinung unter vier Augen auch ins Gesicht. Nur hilft ihr das angesichts der realen Machtverhältnisse wenig. Daher verlegt sie sich auf eine doppelbödige Taktik, die darauf hinausläuft, dem Hypochonder mittels scheinbarer Zustimmung die Realität in ungeschminkter Form zu präsentieren. Mit einer für das 20. Jahrhundert ungewohnten Naivität tappen die intriganten Verwandten in vordergündig gestellte Fallen und werden von Argan, dem "eingebildeten Kranken", darob in die "Wüste" geschickt. Alles ist in diesem Stück plakativ aufklärerisch angelegt. Jede Situation mitsamt ihrem gesellschaftlichen Hintergrund wird dem Zuschauer - möglichst frontal - überdeutlich vor Augen geführt. Insofern war schon Molière viel revolutionärer als viele meinen, nur hat er das gemeine Volk mangels entsprechender Kommunikationsmittel nicht erreicht. Es ging ihm genauso wie den Kabarettisten des ausgehenden 20. Jahrhunderts, die plötzlich nur noch freundlich applaudierende Vertreter der von ihnen angegriffenen Zielgruppe als Publikum fanden. Das Staatstheater Wiesbaden hat sich mit dieser Inszenierung bewußt auf die vermutlich ursprüngliche Aufführungspraxis besonnen. Die naive und plakative Form der Darstellung gewinnt gerade durch das historische Wissen von Schauspielern und Zuschauern an doppelter Ironie. Alle Darsteller lassen trotz "ernstafter" Darstellung der Charaktere einen deutlichen Hauch von Ironie verspüren. Bernd Ripken gibt den "waidwunden" Argan mit viel Gespür für Ironie, Penny Sybille Michel macht die Dienstbotin Toinette zur energisch-pragmatischen heimlichen Herrscherin des Hauses. Evelyn M. Fabers Angelique ist naiv-lieblich angelegt, während Saskia Fischer deren intrigante, erbschleicherische Stiefmutter geradezu mit diabolischer Freude gestaltet. "So war es, so ist es, so könnte es immer wieder sein, im Prinzip ändert sich der Mensch nie". Dies ist die melancholische Botschaft der nur scheinbar an vordergründigen Motiven orientierten Inszenierung. Zwar endet die Farce im Happy-End, aber dieses Glück ist fragil oder gar vorgespiegelt. Der Sarkasmus der Inszenierung liegt darin, daß sich nie etwas ändern wird. Argan wird immer den Kranken mimen, um sich Aufmerksamkeit zu sichern. Die Liebenden werden sich ihrer Anerkennung nie sicher sein, und die Instanzen wie Justiz und Medizin werden trotz aller Scharlatanerie und Unfähigkeit Ihre Machtpositionen bewahren. Nur die Groteske ist noch in der Lage, diese melancholische Erkenntnis zu vermitteln. Machtlosigkeit äußert sich entweder in Aufruhr oder in der Komödie, dort aber intellektuell zugespitzt. Die Inszenierung des Staatstheaters Wiesbaden weist den großen Vorteil auf, daß sich auch naiv empfindende Gemüter mit der Handlung identifizieren können. Die Doppelbödigkeit ist derart sublim gestaltet, das man sowohl den "Klamauk" genießen als auch die aufrührerischen Elemente verspüren kann. Zwar läuft die Inszenierung in Darmstadt in der Saison 97/98 nur noch ein Mal, man darf aber aufgrund des Erfolgs darauf offen, daß sie in der nächsten Saison wieder aufgenommen wird. Frank Raudszus |