Jahrhunderthalle: Mariinsky-Theater mit "Othello"

Russisches Orchester gastiert mit Verdis Oper in Höchst
Am 20. Mai gastierte das St. Petersburger Mariinsky-Theater unter der Leitung von Valery Gergiev mit Verdis Othello in der Höchster Jahrhunderthalle. Das Mariinsky-Theater ist eine der ältesten kulturellen Institutionen von St. Petersburg. Bereits 1757 gegründet, erhielt es 1917 - nach der Revolution - den Namen "Kirov"-Theater und nach der "stillen Revolution" Anfang dieses Jahrzehnts den heutigen Namen. Im Laufe seiner Geschichte hat dieses Theater eine Reihe berühmter Werke als Uraufführung auf die Bühne gebracht, u.a. Tschaikowskys "Pique Dame" und Mussorgskis "Boris Godunow". Seit 1988 leitet Valery Gergiev das Orchester des Hauses. Da eine Aufführung von Verdis Oper als musikalisches Bühnenstück den finanziellen Rahmen gesprengt hätte, hatte man sich für eine konzertante Aufführung entschieden, in der die Gesangssolisten ihren Part unter minimalem gestischen Aufwand frontal vortrugen. Die fehlenden Gesten versuchten sie durch Mimik und gesangliche Interpretation zu ersetzen, dies bleibt jedoch grundsätzlich ein Kompromiß. Wer die Handlung des "Othello" nicht im Detail kannte, wird sich schnell im Dickicht der gesungenen Emotionen verloren haben. Liebhabern schöner Stimmen mag die rein akustische Rezeption genügt haben, von dem Rest des Publikums verlangt diese Aufführungspraxis jedoch hohe Konzentration. Aus diesem Grunde hatte man im Programmheft den vollen Text zweiseitig in Deutsch und Italienisch abgedruckt, so daß auch des Italienischen Unkundige der Handlung leidlich folgen konnten.

Nun mögen Musikliebhaber einwenden, daß die Handlung sowieso meist zwischen trivial und kitschig schwanke. Verdi stellt in seinem "Othello" jedoch den Anspruch, elementare menschliche Probleme im musikalischen Drama zu reflektieren, und für eine angemessene Beurteilung der Interpretation ist das Verständnis der Handlung unabdingbar. Othello, als Farbiger vom arroganten venezianischen Adel nur in seiner Eigenschaft als erfolgreicher Feldherr anerkannt, weiß um den flüchtigen Ruhm und den drohenden sozialen Sturz des Außenseiters. Minderwertigkeitskomplexe und Mißtrauen prägen sein Wesen. So sind die geschickt eingefädelten falschen Anschuldigungen gegen Desdemona, die - weißhäutige - Gattin Othellos, für diesen nur Bestätigungen seiner Ängste, und er durchschaut die Intrige des auf seinen Herrn neidischen Jago nicht. Er tötet Desdemona und bringt sich anschließend angesichts ihrer erwiesenen Unschuld selber um. Verdis Musik - das typische Alterswerk eines Siebzigjährigen - ist durchweg düster und mächtig. Heiterkeit und Leichtigkeit wird man in dieser Musik vergebens finden, auch keine befreienden Emotionen. Am rührendsten sind noch das anfängliche Liebesduett zwischen Othello und Desdemona und deren "Schwanengesang" angesichts des bevorstehenden Todes. Der Rest ist Todesahnung und Endzeitstimmung, gewinnt aber gerade durch diese Konsequenz an Eindringlichkeit und Größe. Vor allem in den entscheidenden Momenten des vierten Aktes steigert sich die Musik zu erschütternden Momenten echter Tragik.

Orchester und Solisten haben aus den einengenden Bedingungen das Beste gemacht und das Geschehen weitgehend durch die musikalische Interpretation dargestellt. Allen voran ist hier die Sopranistin Olga Guriakova als Desdemona zu nennen, die nicht nur durch hohe stimmliche Sicherheit, sondern auch durch ihre gesangliche und mimische Interpretation überzeugte. Bei ihren Solopartien spürte man die Bedeutung der Handlung auch ohne Bühnenbild und äußeres Handlungsgerüst. Alexej Steblianko als Othello fiel dagegen sowohl wegen einiger stimmlichen Probleme als auch wegen seines weitgehenden Verzicht auf interpretatorische Ausformung etwas ab. Dies galt auch für die anderen Darsteller, die man mehr im Smoking des Vortragenden als in der Rolle der Bühnenperson vor sich sah. Nur Nikolai Putilin als Jago bemühte sich, dieser Rolle einige intrigante und zynische Züge zu verleihen.

Wenn man diese verständlichen interpretatorischen Einschränkungen einmal außer acht läßt, bleibt ein eindringlicher und musikalisch anspruchsvoller Opernabend, der am Ende zu Recht zu langanhaltendem Beifall führte. Sänger, Dirigent und ein exakt musizierendes Orchester hatten diesen Beifall nach nahezu drei Stunden Aufführungsdauer redlich verdient.