| Thomas Jonigk:"Rottweiler" |
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Beckett/Jandl-Verschnitt im Werkstatt-Theater Darmstadt |
Es führt ein schmaler Pfad zwischen Karikatur und Kalauer, Tiefsinn und Trivialität, Sprachspiel und Stammtisch hindurch. Der Autor Thomas Jonigk, Jahrgang 1966, hat in seinem Stück "Rottweiler" diesen Pfad zwar mutig betreten, rutscht jedoch des öfteren zur abschüssigen Seite ab.
Zur Handlung, soweit es sie gibt: Eine herrschsüchtige, immer noch auf Attraktivität bedachte Mutter (Karin Nennemann) besucht ihre unselbständige Tochter(Katharina Hoffmann). Nach einem längeren, einseitig von der Mutter in bester Egozentrikermanier geführten Dialog taucht der Freund der Tochter auf. Nun beginnt ein Kampf der beiden Frauen um die Aufmerksamkeit des Mannes, bei dem die junge Frau von Anfang an keine Chance hat. Die ihr zugedachten Blumen landen bei der Mutter, die sich nach allen Regeln der Kunst in Szene setzt. Der junge Mann brüstet sich pausenlos mit seiner Potenz, und schließlich begleitet er die Mutter zu ihrer nahen Wohnung, man ahnt zu welchem Zweck.
Das Stück lebt allein von der grotesken Zuspitzung der Charaktere und dem teilweise platten Witz von Alliterationen, Stabreimen und anderen Sprachspielereien. Die anfängliche rituelle "Hinrichtung" der Tochter durch die Mutter spielt sich noch in realistischer Manier ab. Hier rächt sich die alternde Mutter an der eigenen Tochter für die verlorene Jugend. In logischen Bocksprüngen kritisiert sie an der Tochter genau die Eigenschaften, die sie von ihr verlangt, wohl wissend, daß die Tochter der Unlogik hilflos gegenübersteht - reinster Sadismus. Die Tochter wiederum suhlt sich geradezu im Masochismus, versucht vergeblich, den geistigen Volten der Mutter hautnah anzupassen, und erhält dafür die Abstrafung.
Peter, der Verehrer, nähert sich dem weiblichen Duo als spastischer Motorradfahrer mit Helm. Helmut Zhuber überspitzt die Verklemmtheit des jungen Mannes bis zur Groteske, wobei das Spezifische der Verklemmung verloren geht. Der junge Mann wirkt eher wie ein körperlich und geistiger Behinderter. Offensichtlich bezweckt die Regisseurin Kirsten Uttendorf, mit dieser Karikatur eine männliche Grundeigenschaft offenzulegen, wie auch bei Mutter und Tochter. Durch die Übertreibung jedoch gewinnt Zhubers Rolle einen eher dinglichen, in seiner Lächerlichkeit nicht mehr mit normalen menschlichen Erfahrungen vergleichbaren Charakter. Dieser mit seiner angeblich maßlosen Potenz und seinen Sex-Phantasien prahlende Mann taugt nicht mehr als bissige Kritik an einer sicherlich fragwürdigen Realität. Weniger wäre hier mehr gewesen.
Zur Sprache hat Thomas Jonigk ein ebenso spielerisch-karikierendes Verhältnis wie zu seiner Umwelt. Jeder Satz enthält einen syntaktischen oder semantischen Reim oder eine Alliteration. Ob man "zu fragen wagen" darf, ob die "Welt wählt" oder "Peter später kommt"(mit doppelbödigem "kommt"), immer steckt ein Hintersinn in den Wortkombinationen. Viele davon sind hübsch geistreich und entlocken dem Zuschauer ein Schmunzeln, in der Masse jedoch wirken die Wortspiele angestrengt und gleiten schließlich in Kalauer ab. Bisweilen ebtsteht der Eindruck, hier tobe sich der Autor in billiger Spracherotik aus wie sein männlicher Hauptdarsteller in der physischen Variante. Um auf der politisch korrekten Seite zu bleiben, läßt Jonigk die Mutter eine groteske Apologie auf die Generation der Nazizeit herbeten, mit dem üblichen "wir haben ja nichts gewußt" und "es hat doch auch schöne Seiten gehabt". Dieser politische Einschub wirkt aufgesetzt, da er mit der sowieso kaum vorhandenen Handlung eigentlich nichts zu tun hat. Den Zuschauer beschleicht das Gefühl, man fordere hier seinen politisch folgsamen Beifall ein. Außerdem dürfte die Mutter sowohl von der Rolle als auch von der Darstellerin her ein Nachkriegskind sein! Die Darsteller versuchten mit äußerstem Engagement, diesem Stück schauspielerische Glanzlicher aufzusetzen. Vor allem Karin Nennemann brillierte als narzistisch-grausame Mutter, die nichts auslassen kann. Sie zog alle mimischen und stimmlichen Register und war allein schon den Besuch der Aufführung wert. Katharina Hoffmann hatte das Pech, die etwas tumbe und meist schweigsame Tochter zu spielen, die verzweifelt um etwas Anerkennung buhlt, während Helmut Zhuber die Karikatur des "potenten Peters" - regiegewollt? - etwas übertrieb. Dennoch leistete auch er ein außergewöhnliches Pensum an Konzentration und vor allem Stimmeinsatz. Das Publikum dankte den Darstellern durch langanhaltenden Beifall. Man hatte dieses Stück offensichtlich mehr als Farce denn als kritisches Zeitstück aufgefaßt und genoß die groteske Zuspitzung der Charaktere. Auch das ist Theater. Weitere Aufführungen finden am 20. und 28. Juni sowie am 1. Juli statt. |