Henrik Ibsen: "Baumeister Solness"

Die Angst des Erfolgreichen vor dem Fall
Henrik Ibsen, der Skandinavier mit dem Hang zur Schwermut, hat sich intensiv mit der bürgerlichen Gesellschaft und deren verkrusteten Strukturen Ende des 19. Jahrhunderts auseinandergesetzt. Da stellt sich natürlich die Frage, welche zeitlose Aussagen ein Stück wie "Baumeister Solness" enthält, um eine Aufführung im nächsten "Fin de Siècle" zu rechtfertigen. Das Staatstheater Darmstadt hat sich mit dieser Frage intensiv beschäftigt und mit der Inszenierung von Regisseur Thomas Jabßen eine schlüssige Antwort gegeben. Dazu hatte man sich der Neuübersetzung so prominenter Vordenker wie Peter Zadek bedient.


Karin Nennemann als Aline Solness und Astrid Rashed als Hilde

Der Baumeister Solness hat als typischer "Selfmade-Mann" sein Bauunternehmen auf Kosten der Konkurrenz und seiner Mitarbeiter erfolgreich aufgebaut. Sein ehemaliger Chef ist heute sein Angestellter. Allerdings basiert sein Erfolg auf einem Brand, bei dem das Elternhaus seiner Frau verglühte und ihm damit ein großes Grundstück schenkte. Diese "Schuld" sitzt ihm im Nacken, vor allem, weil als mittelbare Folge des Brandes die beiden kleinen Kinder des Ehepaares starben. Seine Frau lebt seit zehn Jahren in Trance, während er sein schlechtes Gewissen mit immer höheren Bauten verdrängt.

Mitten in diese erstarrte Seelenlandschaft platzt eine junge Frau, Hilde Wangel, die ihn vor zehn Jahren als Kind hoch oben auf einem Gerüst gesehen und bewundert hat. Im damaligen Übermut hat er ihr versprochen, ihr in zehn Jahren ein Königreich zu schenken, und dies fordert sie jetzt mit aller naiven Konsequenz ein. Solness ist zuerst wie vor den Kopf geschlagen von dieser kindlichen Forderung, erkennt jedoch langsam den visionären und symbolischen Charakter der Aufforderung. Sie verlangt nichts weniger von ihm, als sein bisheriges Leben aufzugeben, anderen Menschen - d.h. seinen jüngeren Konkurrenten - auch eine Chance zu geben und nach vorne schauend das Unmögliche zu versuchen. Sie weiß nicht, daß Solness nicht schwindelfrei ist und seine damalige Turmbesteigung nur der Verzweiflung über den Tod der Kinder zu verdanken war. Da Solness gerade ein neues Haus für seine Frau und sich baut, verlangt sie, daß er selbst den Richtkranz an der höchsten Stelle des Turms auf dem Dach aufhängen soll. Innerlich gewandelt nimmt der von Höhenangst geplagte Solness die Herausforderung an, und so nimmt das Schicksal seinen Lauf

Die Überarbeitung durch Zadek hat dem Stück gutgetan. Die Sprache wurde behutsam der heutigen Diktion angenähert, um die Personen als glaubwürdige Vertreter einer zeitgenössischen Gesellschaft zu präsentieren. Solness selbst wirkt wie der gestreßte Manager eines Industrieunternehmens, mit allen Schattierungen von Ungeduld, Ärger, Härte und Selbstmitleid. Als sein Gegenpol hatte man die junge Hilde mit allen Ingredienzen einer "ausgeflippten" Tramperin ausgestattet. Ungeniert richtet sich die im typischen "Teenie-Look" gekleidete Frau sofort ein, wirft mit schmutziger Wäsche um sich und äußert ihre Meinung ungefragt im echten "ey boah"-Jargon zu allem, was sie um sich entdeckt. Was den anderen schon längst verdrängter Alltag ist, bringt sie zum Staunen oder in Rage. So erkennt sie mit sicherem Instinkt sofort die festgefahrene Situation zwischen den Eheleuten und die Angst des Baumeisters vor der nachrückenden Jugend.

Ibsen-Kennern mag diese grelle Auslegung der Hilde sicher gewagt erscheinen, jedoch ist am Ende dieses Jahrhunderts der Tabu-Bruch nur noch durch eine solche Anlage nachvollziehbar. Wenn Ende des 19. Jahrhunderts allein der Einzug einer jungen Frau ins Haus eines kinderlosen Ehepaar "daneben" war, so muß heute schon mehr zusammenkomnmen, um die "Verhältnisse zum Tanzen" zu bringen.

Wer sich intensiver mit dem Stück auseinanderstzt, entdeckt eine Fülle von symbolbeladenen Handlungssträngen. Da ist die schuldbeladene Solness-Ehe, denn seine Frau glaubt, am Tod der Kinder schuld zu sein, und lebt nur noch einer nebulösen Pflicht. Das Dreiecks-Verhältnis zwischen Solness, der Buchhalterin und dem jungen, in sie verliebten Angestellten bildet eine eigene Geschichte. Solness macht der in ihn Verliebten schöne Augen, um sie und damit den begabten jungen Mann bei sich zu halten. Das Drama des ehemaligen Chefs, der sich als einfacher Angestellter für seinen Sohn zu Tode arbeitet, wird nur angelegt.

Das "Bauen" vorrangig hoher Türme hat für Solness symbolischen Wert. Ibsen verkörpert hierin das "immerwährende Streben" nach dem Unmöglichen (s. "Faust"), das Opfer bei allen erfordert. Solness wird nicht kurzsichtig als Blutsauger dargestellt, sondern als jemand, der über seine Visionen seine Mitmenschen zu kurz kommen läßt. Seine Wandlungsfähigkeit zeigt er jedoch unter dem Einfluß der jungen Hilde: zunehmend erkennt er seine Verstrickung in echte und vermeintliche Schuld und beschließt, diesem Zustand durch einen neuen Anfang ein Ende zu setzen. Er wird künftig - für Hilde und für sich - nur noch Luftschlösser bauen, das heißt das Unmögliche wagen. Den Anfang macht er mit der Besteigung des neuen Wohnhauses - auch wieder so ein Symbol - und scheitert auf dem Höhepunkt des Versuches, das für sich und seine Frau errichtete Gebäude einzuweihen. Der Tod naht als selten einkalkulierter Mitspieler bei allen menschlichen Spielen und fordert seinen Tribut. Wer den Griff nach den Sternen wagt, kann sich daran verbrennen, er muß es jedoch versuchen.

Die Inszenierung ist weitgehend auf Till Sterzenbach als Solness und Astrid Rashed als Hilde zugeschnitten Sterzenbach überzeugt durch variantenreichen Ausdruck in Stimme, Mimik und Gestik, und man nimmt ihm den immer unter Druck stehenden Baulöwen ab, der sich plötzlich mit völlig neuen Herausforderungen konfrontiert sieht. Astrid Rased kommt wie ein Feuerwerk daher und zieht alle Register des naiven, frechen und zielbewußten Mädchens.Auch die Wechsel von Frechheit und Naivität zu Betroffenheit und Anteilnahme gelingen ihr glaubwürdig, und dafür erhielt sie zum Schluß auch verdienten Applaus. Karin Nennemann spielt die erstarrte Ehefrau sehr konzentriert und mit sparsamsten Mitteln und wirkt dadurch bisweilen wie eine Botin des Schicksals, während Aart Veder diesmal als Hausarzt nur eine Stichwortgeber-Rolle besetzte, die ihm nicht viel Gelegenheit zur Entfaltung bot. Iris Melamed spielt die unglücklich verliebte und ungewollt geliebte Buchhalterin mit all der Unsicherheit und Panik, die sich angesichts einer solchen Situation und einer eifersüchtigen Ehefrau zwangsläufig einstellt.

Wer Ibsen für verstaubt hält, sollte die Gelegenheit nutzen, dieses Vorurteil durch den Besuch einer gelungenen zeitgemäßen Inszenierung abzulegen.