"Sylvia" von Leo Delibes

John Neumeier mit "Traum-Ballett" in der Jahrhunderthalle Höchst
Das Wort Traum ist hier durchaus im doppelten Sinn zu verstehen. Einerseits trägt das Ballett "Sylvia" mit der Musik von Leo Delibes viele Züge eines Traums, andererseit ist das Gastspiel am 29./30. Januar 1998 - das sei gleich vorab gesagt - nur als traumhaft zu bezeichnen.


Szenenphoto mit Sylvia und Aminta

Das Libretto des 1876 in Paris uraufgeführten Balletts ist denkbar simpel, um nicht zu sagen kitschig (wie auch so manche Oper): Die Jägerin Sylvia, beste Bogenschützin im Gefolge der Jagdgöttin Diana, verliebt sich unsterblich in den sterblichen Schäfer Aminta. Diana überrascht sie und trennt das Paar. Angerichtet hat das Ganze der Gott Eros, der sich heimlich in den heiligen Wald der Diana eingeschlichen hat und seine Pfeile verschießt.

Um Sylvia für Aminta zu gewinnen, verkleidet sich Eros als der "Schwarze Jäger" Orion und führt sie in sein Reich der Sinnlichkeit ein. Jahre danach treffen sich Sylvia und Aminta wieder in demselben Hain. Als die erzürnte Diana sie entdeckt und ihren Bogen auf sie anlegt, entwaffnet sie Eros, und am Schluß bleibt Diana allein und verlassen im Wald, d.h auf der Bühne. Das ganze Geschehen überlagert die Erinnerung Dianas an ihren früheren Geliebten Endymion, der als ewig Schlafender präsent ist und sich in die Träume und Vorstellungen der Personen einmischt.

Schon bei der Uraufführung hieß es, daß nur die Musik Leo Delibes das Libretto gerettet habe, und so ist das Stück bis heute auf den Spielplänen der großen Theater geblieben, wenn auch immer in weitgehend herkömmlichen - realistisch-sentimentalen - Inszenierungen. John Neumeier hat jetzt diesen Stoff völlig überarbeitet und mit dem Hamburger Ballet eine neue Form einstudiert, die den Tanz und die Musik in den Mittelpunkt stellt. Wichtig ist nicht mehr der logische Ablauf einer sowieso fragwürdigen Handlung, sondern der tänzerische Ausdruck der jeweiligen Gefühle. Dazu hat der Grieche Yannis Kokkos ein überzeugendes Bühnenbild geschaffen, das die Vorstellungen Neumeiers nahtlos ergänzt.

Der erste Akt zeigt angedeutete blaue Bäume vor einem grünen Hintergrund. Eine helle Türöffnung mit wechselnden, komplementären Farben - mal ein weiches Gelb, dann ein leuchtendes Rot - setzt einen Kontrapunkt in diesen Hintergrund. Durch die Tür gelangen die Darsteller auf die Bühne und entschwinden wieder, hinter der Türöffnung schweben Tänzer wie ferne Fabelwesen vorüber. Auf der weiten Bühne davor spielt sich die eigentliche Handlung ab. Hier treffen sich Sylvia(Elisabetz Loscavio) und Aminta(Lloyd Riggins) zum ersten Mal und werden von Diana(Anna Grabka) und ihren Jägerinnen aufgestöbert. Die Ereignisse und Gefühle spiegeln sich im Tanz wider, so die erst scheue dann freiere Annäherung der beiden Liebenden, bei der sich die Bewegungen fließend und harmonisch in die Musik fügen. Kunstvoll umgesetzt ist auch der plötzliche Auftritt Diana und ihr Ärger über die verbotene Verbindung. John Neumeier reduziert die Handlung auf einige wenige Grundelemente, die der Zuschauer auch ohne weitere Hilfsmittel allein aus dem Tanz versteht. Den Wald symbolisieren im Hintergrund tanzende Paare, wobei die Tänzerinnen oftmals wie Schaufensterpuppen von ihren Partnern getragen werden. Der Tanz drückt sowohl das Wiegen der Baumkronen als auch den sperrigen Charakter der Bäume aus.

Die Choreographie überrascht immer wieder mit Bewegungsabläufen, die man vom klassischen Ballett nicht kennt. So werden kleinere Stolpereien oder Unebenheiten eingebaut, die der Zuschauer erst bei der Wiederholung als organischen Bestandteil der Bewegungsabläufe begreift. Der Mensch und seine Gefühle lassen sich nicht durch "perfekte" Bewegungen charakterisieren, sondern seine Schwächen und Unsicherheiten finden sich auch in der Choreographie wieder. Dabei sind diese "Stolpereien" mit äußerster Genauigkeit weit ab vom Clownesken inszeniert. Sie bringen jedoch einen Hauch von Humor und Augenzwinkern auf die Bühne, so als amüsierten sich Choreograph und Truppe über ihr eigenes Metier.


John Neumeier als Bogenschütze

Ein weiterer Höhepunkte war neben den Szenen zwischen Sylvia, Diana und Aminta der Verführungstanz des Jägers Orion (alias Eros), der in kurzen Hosen und Frackschößen Sylvia in mephistophelischer Weise umgarnt. Man sieht seinen Bewegungen an, daß er nicht sterblich verliebt ist, sondern alle Register eines ironisch über die Menschenliebe lächelnden Gottes zieht. Wie eine göttliche Parodie auf männliche Verführungskünste wirkt dieser Tanz, den Gamal Gouda in unnachahmlicher Weise auf die Bretter brachte.

Das "Reich der Sinne" im zweiten Akt stellt Neumeier als moderne Partylandschaft mit weißen Kulissen und einem überlebensgroßen griechischen Torso dar. Um ihn herum schweben in schwarzen Gesellschaftsanzügen blasierte Machos und umgarnen professionell die von Eros "abgeschleppte" Sylvia. Dieser Akt ist dank fehlender dramatischer Entwicklung wohl der schwächste des ganzen Stückes und dient weitgehend der Überleitung zum Schlußakt, in dem sich die beiden Liebenden wiedertreffen, Sylvia im Kostüm des 19. Jahrhunderts und mit einem Koffer ausgestattet - Abschied symbolisierend.

John Neumeier hat diesem "klassischen" Ballet durch konsequente Entschlackung wieder neues Leben eingehaucht. Die Reduzierung auf tänzerischen Elemente und die Einführung neuer, teilweise humoristischer und ironischer Figuren verleiht der Inszenierung Frische und überraschende Momente. Hervorzuheben ist jedoch vor allem die perfekte Umsetzung der musikalischen Ideen in fließende, nie fremd wirkende Bewegungsabläufe, die vor allem in den Paar-Figuren höchste Intensität annehmen.

Zu bemängeln waren eigentlich nur zwei Dinge: erstens, daß viele Zuschauer wegen des Abfahrstaus in Mißachtung aller Höflichkeit den Darstellern gegenüber noch vor dem begeisterten Schlußapplaus davoneilten, und zweitens, daß die Truppe mit dieser Inszenierung nur zwei Tage in Frankfurt gastierte.