| Michael
Fritsch: "Wondreber Totentanz" |
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Schuld und
Sühne in bayrisch-katholischer Verdichtung |
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Wer heute die Judenverfolgung und -vernichtung im Dritten Reich auf die Bühne bringt, läuft Gefahr zweifacher Kritik: einerseits wächst das Heer derer, die da sagen, es müsse endlich Schluß sein mit diesen alten Judengeschichten, von Tag zu Tag, andererseits schüren engagierte Kritiker den Verdacht, hier wolle sich der Autor den Erfolg mit einem moralisch vermeintlich unangreifbaren Thema erschleichen. Das Staatstheater Darmstadt hat dennoch die Durchfahrt zwischen "Scylla und Charybdis" gewagt und das 1995 entstandene Theaterstück "Wondreber Totentanz" von Werner Fritsch als Uraufführung auf die Bühne gebracht. Die Premiere fand am 17. Januar im Kleinen Haus statt. Wondreb ist ein realer oberpfälzischer Ort in unmittelbarer Nachbarschaft des berüchtigten Konzentrationslagers Flossenbürg, in dem noch in den letzten Kriegstagen viele bekannte Kritiker und Widerstandskämpfer des Dritten Reiches umgebracht wurden. In diesem erzkatholischen Dorf sind die Hauptpersonen Isidor und Irmgard in der Nachkriegszeit aufgewachsen. Auf ihrer Hochzeitsreise werden sie Opfer eines Unglücks oder Attentats. Irmgard stirbt, und Isidor liegt im Koma. Während eine kleine Trauergemeinde in der Dorfkirche die aufgebahrte Irmgard zur letzten Ruhe geleitet, gehen dem komatösen Isidor sein ganzes Leben, das Grauen der Vergangenheit und wilde Phantasien durch den Kopf. Regisseur Thomas Krupa legt reale und fiktive Handlungsebenen übereinander, wobei eine lebensechte Puppe im Rollstuhl Isidor darstellt. Zwischenzeitlich nimmt Darsteller Michael Fuchs seine Rolle im Rollstuhl ein oder wandert durch das von ihm geträumte Geschehen, es mit Handbewegungen oder lautlosen Reden begleitend. Die Stationen seiner Jugend als Meßdiener gleiten auf der Bühne an Isidor vorbei, sein Werben um Irmgard, die Versuche des aggressiven Nebenbuhlers Otto(Helmut Zhuber), ihm Irmgard abspenstig zu machen. Immer wieder verblassen die Bilder, und der Trauergottesdienst für Irmgard schiebt sich in den Vordergrund. Wie in einem wirklichen Traum werden aus den Trauergästen plötzlich SS-Offiziere in schwarzer Uniform, die über die Lagerinsassen von Flossenbürg raisonnieren oder zynisch-nüchtern über die Vernichtung der Juden diskutieren. In diese Rückblenden und Vorstellungen des Sterbenden mischen sich die Stimmen der Toten, sowohl der ehemaligen Dorfbewohner als auch der im Lager umgebrachten. Diese Stimmen treten als zwei Chöre auf, die mit weißgeschminkten Gesichtern, den Tod markierend, entweder auf einer Galerie das Geschehen kommentieren oder aber durch Seitentüren die Bühne betreten und als unerkannte "Geister" durch die Handlung schweben. Damit ergeben sich drei Handlungsebenen: der Trauergottesdienst, Isidors Erinnerungen und Phantasien und der Chor der Toten. Letzterer ließe sich zwar auch als Phantasie Isidors interpretieren, gewinnt jedoch durch die Inszenierung und den Hintergrund ein solches Gewicht, daß er als eigene Welt zu verstehen ist, losgelöst von Isidor und der - unwichtigen - realen Handlung. Anfangs distanziert sich vor allem der Chor der toten Lagerinsassen durch eher zeitlose und düster-klagende Sprechgesänge, ähnlich dem griechischen Chor, der das Allgemeine im Gegensatz zum Speziellen der Bühnenhandlung zum Ausdruck bringt. Später vermischen sich die beiden Chöre zu grotesken Paarungen aus toten Dorfbewohnern und Lagerinsassen, die wie bei einem Ball durch die Handlung tanzen und sich gegenseitig ihre Schicksale schildern. In diesen Passagen gelingen Autor und Darstellen die eindrucksvollsten Szenen, wenn die Toten, nun nicht mehr zu schrecken, trocken und nüchtern ihre bestialische Ermordung im Lager schildern. Die Verbindung zur aktuellen Handlung erreicht Fritsch dadurch, daß die Väter des Brautpaares - beide gleichnamig wie in einem Dorf durchaus üblich - beide im Krieg bei der SS waren und aktiv an der Ermordung von Juden beteiligt waren. Jedoch geht es dem Autor weniger um die individuelle Schuld der beiden, sondern sie stehen nur als Vertreter einer Generation, die sich anschließend wieder recht gut eingerichtet hat, als sei nichts gewesen. Das ganze Stück durchweht der Mief eines kleinen, erzkatholischen Dorfes in der tiefsten Oberpfalz. Vor allem die Sprache der Chöre rekrutiert sich aus dem Bibeldeutsch, wie es sonntags von der Kanzel ertönt, archaisch, düster und drohend. Werner Fritsch verdeutlicht damit, daß in diesem Umfeld die Jugend ihre gesamte Orientierung nur durch die Kirche erhält, sei es bei der Beichte oder durch die Sprache. Auch die Frauen werden deutlich durch das Marien-Bild der katholischen Kirche geprägt. Irmgard wird nicht nur als demütige junge Frau geschildert, sondern dient auch als Vorlage für eine hölzerne Marienfigur ihres Bruders, die dann ebenfalls Darstellerin Anita Köchl als "stehendes Bild" spielt. Auch die "zwangsverpflichtete" KZ-Prostituierte Sophia aus dem Kreis der Lager-Toten trägt in ihrem Leid marienhafte Züge. Nur Otto, der aus den Gleisen geratene Nebenbuhler Isidors, drückt sich in der derben Sprache der Landjugend aus. Erst verfällt er dem Rauschgift, dann schägt er sich zur politischen Rechten einschließlich Leugnung der Judengreuel und erniedrigt schließlich die Friseuse Elsa, die er ohne jegliche innere Bindung aus Wut über die Zurückweisung durch Irmgard zur Geliebten nimmt. In einer Schlüsselszene tauscht Elsa sich mit Irmgard über ihr Elend aus und beklagt anschließend, bis zur Brust in einem fiktiven Schwimmbad stehend, in einem langen, verzweifelten Monolog den Abgrund des Lebens. Ausgehend von dem alten Aberglauben, daß die Toten in Gestalt des anderen Geschlechts wiedergeboren werden, ertönt ihr Monolog in doppelter Ausfertigung, wobei eine Männerstimme ihre Worte verstärkt und verzerrt. Frank Raudszus |