"Zauberflöte" - Dauerbrenner mit Tücken

Staatstheater Darmstadt wagt sich an ein Kultobjekt der Opernfans
 
Wie sagte doch eine Dame nach der Premiere so schön:" Die Inszenierung litt darunter, daß die Königin der Nacht statt eines schwarzen oder dunkelblauen Kleides ein rotes trug"!

An diesem Grundraster der Rezeption muß sich eine jede Inszenierung gerade der "Zauberflöte" messen. Jeder anderen Oper gesteht man einen mehr oder weniger breiten Spielraum der Interpretation zu, nur das heimliche Kultobjekt der deutschen Opernfans darf sich kaum einen Millimeter vom herkömmlichen Inszenierungs-"Trott" entfernen, will man nicht den Unmut des Abonnements-Publikums wecken.

Regisseur Friedrich Meyer-Oertel, dem es nach eigenen Bekenntnis Spaß macht, dieses Singspiel immer neu zu inszenieren, hatte sich der Aufgabe gestellt, dem Darmstädter Publikum eine neue Inszenierung vorzustellen, und war sich natürlich darüber im Klaren, daß er sowohl die eher auf Wohlbekanntes eingestimmten Erwartungen eines konservativ gestimmten Publikums treffen als auch dem Stück neue Nuancen ent- und verleihen mußte, wollte er sich nicht mit der reinen Reproduktion eines bewährten Unterhaltungs-Repertoires begnügen.

Wir ersparen uns an dieser Stelle die Kurzfassung der Handlung, da sie zu genüge bekannt ist. Die reichliche Trivialität des Librettos mit seiner gefährlichen Nähe zum Kitsch läßt jeden ernsthaften Interpretationsversuch schnell zur Farce gerinnen, die unverkennbaren chauvinistischen und nahezu frauenfeindlichen Botschaften - "die Frau möge ihren Wirkungskreis nicht verlassen" - erschweren einen solchen Versuch zusätzlich. Nicht umsonst haben Mozart und Schikaneder diese Oper als "Singspiel" für die Wiener Vorstadt im Sinne eines einfachen Volkstheaters entworfen, und der freimaurierische Hintergrund mit dem plakativen Hinweis auf Weisheit und Tugend muß bereits damals auf das gehobene Publikum etwas platt gewirkt haben.

Mozarts Musik jedoch übersteht völlig unbeschadet das einfältige Libretto und gewinnt eine Autonomie, die das eigentliche Handlungsgerüst immer wieder vergessen läßt.

Meyer-Oertel hat das Interpretationsproblem durch eine ironisierende Inszenierung gelöst. Ein "Guckkasten" auf der Bühne als "Theater im Theater" entlarvt die Handlung als nicht ganz ernstzunehmendes Märchen, das der Zuschauer bitte sehr nicht mit übermäßiger Interpretation belasten solle. Für die großen Szenen mit Sarastros Priestern ist dann doch die ganze Bühne erforderlich. Gerade hier bewegt sich die Oper gefährlich nahe an der Grenze zu einer pseudo-tiefsinnigen Aussage, aber dieser Gefahr begegnet Meyer-Oertel durch kleine ironische Einschübe, so wenn zwei Priester mit leutseligem Blick ins Orchester den Vorhang zum nächsten Akt öffnen und damit wiederum den Scheincharakter hervorheben.

Die Werktreue jedoch verletzt die Inszenierung zugunsten eines programmatisch-intellektuellen Effekts nie. Meyer-Oertel gelingt der Kunstgriff, die "Zauberflöte" als einen herrlichen Unsinn in berückender musikalischer Darstellung zu präsentieren. Dazu läßt er mal die Knaben, mal Papageno und mal die Königin der Nacht auf dem schmalen Steg zwischen Orchester und Publikum sozusagen außerhalb des Geschehens agieren, und bei letzterer hat man das Gefühl, sie beäuge eher die Aufführung als die gesungenen Weisheiten des Sarastro mit ihrem kritischen Blick.

Ein weiterer humoristischer Einfall amüsiert das Publikum gleich zu Beginn: Da retten die drei Damen Tamino vor einer roten Kreppschlange und schlagen sich anschließend nahezu in giftiger Eifersucht um die körperliche Pflege des bewußtlosen schönen Jünglings. Nichts von jenseitigen, ätherischen Feen, sondern handfeste Frauen, die offensichtlich zu lange bei der Königin der Nacht in asketischer Zucht gestanden haben.

Den eigentlichen Mittelpunkt der "Zauberflöte" stellen nicht Pamina und Tamino, nicht Königin und Sarastro dar - alles blutleere Kunstgestalten. Papageno und Papagena sind die heimlichen Herrscher der "Zauberflöte". In Papageno charakterisiert Mozart sich selbst, ja man kann Papageno fast als das letzte Vermächtnis eines vom Tode Gezeichneten betrachten - nicht umsonst redet Papageno immer wieder vom Tode, will sich umbringen - und liebt doch das Leben, den zweckfreien Unsinn und - die Musik seiner kleinen Flöte. Auf diese Figuren hat auch die Regie viel Mühe verwendet. Der Holländer Peter Bording gibt einen schelmischen und doch sehr weltklugen Papageno, gegen den Tamino - als Rolle - bisweilen recht hölzern wirkt.

Papagena kommt daher wie eine Puppe aus der Pappschachtel, und tatsächlich reißt Papageno schließlich mit seinem Selbstmörderstrick unwissentlich den Deckel von dieser Verpackung, der dann Papagena entsteigt. Obwohl das Vogelhändler-Pärchen nicht die anspruchsvollsten gesanglichen Partien zu bewältigen hat, stehlen sie den anderen immer wieder die "Show" - ironische Rache Mozarts an einer arroganten und intriganten Wiener Gesellschaft?

Bleiben die "großen" Rollen. Anette Luig als "Königin der Nacht" erhielt zu Recht den meisten Beifall wegen ihrer makellosen Koloraturen in den beiden großen Arien. Die "Parade"-Arien waren noch immer der Prüfstein für große Sopranistinnen - siehe Florence Foster-Jenkins. Daneben mußte sie noch ein wenig "femme fatale" spielen, was ihr ausnehmend gut gelang.

Akiko Nakajima als Pamina überzeugte sowohl in den lyrischen als auch in den expressiven Passagen, und in den Duetten mit Tamino übertönte sie diesen streckenweise dank ihres starken Stimmumfangs. Auch schauspielerisch bemühte sich Akiko Nakajima mit Erfolg, dem einfach gehäkelten Libretto Leben einzuhauchen, so daß sogar zeitweise so etwas wie Identifikation mit dieser armen jungen Frau aufkam.

Andreas Wagner hatte als Tamino wohl den undankbarsten Teil zu bewältigen. Natürlich durfte er mit Arien wie "Dies Bildnis ist bezaubern schön" und anderern glänzen und tat dies auch. Ansonsten bleibt er jedoch ein Tenor, der Arien singt, eine glaubhafte dramatische Rolle ist ihm nicht vergönnt. Als Prinz alle Prüfungen zu bestehen und alle Anweisungen der Priester gehorsam zu befolgen, um anschließend die Prinzessin zu erringen, ist zwar ein schöner Traum, aber auf der Bühne sterbenslangweilig. Desungeachtet entledigte sich Andreas Wagner dieser Aufgabe in bester solistischer Manier und erhielt dafür am Schluß den hochverdienten Applaus.

Jyrki Korhonen als Sarastro verbreitete zwar aus der Höhe Weisheiten über Entsagung und Tugend, war dafür jedoch in den tiefen Baßlagen etwas "schwach auf der Brust". Man hätte sich hier etwas mehr Stimmfülle gewünscht". Sein flatterhafter Mohr Monostatos (Wolfgang Lange) dagegen gefiel durch lebendige schauspielerische Leistungen. Er brachte mit klaren Worten zum Ausdruck, daß bereits Mozart auch den Farbigen Herz und Verstand zubilligte, was damals eigentlich eine kleine Rebellion gegen eingefahrene Dünkel gewesen sein muß.

Das Orchester unter der Leitung von Franz Brochhagen trat nicht mehr als nötig in den Vordergrund und verstand sich immer als musikalische Begleitung des Spetakels auf der Bühne. Das ist eigentlich das höchste Lob, das man einem Opernorchester aussprechen kann.

Bühnenbild und Kostüme schwelgten wieder einmal in Farben. Blau und Rot spielten entscheidende Rollen in der Farbgebung der Kulissen und der weiblichen Darsteller. "Königin der Nacht" siehe Einleitung, ihre drei Damen bevorzugten ebenfalls Rot, während Pamina etwas unglücklich im weißen Negligé mit rotem Morgenrock über die Bühne eilte. Papagenos Köstüm bewegte sich im Rahmen des Gewohnten: viel Vogelfedern - während man Tamino in ein eher unauffälliges Kostüm gesteckt hatte.

Bühnenbildner Hans-Martin Scholder hatte sich viele kleine Gags ausgedacht, so die Taube, die während Papagenos erster Arie am Bühnenrand hin- und herwackelte, oder die Zauberflöte, die aus dem Himmel hinabgeliefert wurde. Sarastros Priester selbst schoben als Bühnenarbeiter den variablen Guckkasten auf der Bühne herum, und ein arg zerbrechlicher, farbiger Pappmaché-Baum am Orchestergraben ließ Zweifel an seiner Eignung als Papagenos Galgen aufkommen. Ironischer Höhepunkt war das Erscheinen der "Königin der Nacht" unter Blitz und Donner in einer großen Blumenblüte hoch über dem Bühnenboden, deren Blätter sich öffneten und die zu diesem Zeitpunkt noch positiv vermarktete Dame zu ihrem ersten gesanglichen Solo freigaben. Dazu glänzten Hunderte roter Sterne am schwarzen Nachthimmel über ihr.

Regisseur Meyer-Oertel hat bei dieser Inszenierung in erster Linie auf Farbe und Humor gesetzt, die ironische Distanz mag einer erkennen oder nicht. Auf jeden Fall ist ihm eine "Zauberflöte" gelungen, die sowohl zu Bravos des Premieren-Publikum führten als auch die neue Inszenierung dieses "Dauerbrenners" in vollem Umfang rechtfertigt, ohne daß man von einer Routine-Aufführung sprechen müßte.

Frank Raudszus