Wenn die Götter verrückt spielen...

Staatstheater Darmstadt inszeniert Kleists "Amphytrion"
Mit einem melancholischen "Ach..." von Alkmene, Amphytrions Frau, endet die Komödie um göttlich-menschliche Verwirrungen im alten Griechenland. Nichts wird mehr so sein wie vorher, wenn man einmal von einem Gott geliebt worden ist..... Kleist hat einen alten Stoff von Molière aufgenommen und daraus eine philosophisch geschärfte Komödie um Identität und Selbst- "Bewußtsein" entwickelt. Jupiter/Zeus verliebt sich in Alkmene, die Frau des auswärts kämpfenden thebaischen Feldherrn Amphytrion. In dessen Gestalt besucht er Alkmene noch in der Nacht nach der siegreichen Schlacht. Als Begleiter hat er sich Hermes in der Gestalt von Sosias, des Amphytrions Diener, mitgebracht. Der "echte" Amphytrion hat jedoch gerade diesen Diener vorausgeschickt, um seine Heimkehr am nächsten Tage anzukündigen. Vor dem Hause treffen sich die beiden Sosiasse in der Dunkelheit, und damit beginnt die Komödie.

Man kann sich leicht vorstellen, was zwischen dem echten Ehepaar nach dem Abgang Jupiters und der fast unmittelbar darauf erfolgenden Ankunft - bzw. "Wiederkehr" - des Amphytrion abgeht. Gegenseitiges Unverständnis, Mißtrauen, Enttäuschung, Verstoßung. Der Diener Sosias hat nicht nur Prügel vom gleichgestaltigen Gott Hermes einzustecken, sondern auch noch Beschimpfungen seiner Frau Charys, die ihre Wut über die nächtliche Gleichgültigkeit des vermeintlichen Sosias an ihm ausläßt.

So geht das weiter bis zum glücklichen Ende, in dem sich Jupiter schweren Herzens entschließt, zur Rettung des fürstlichen Hausfriedens seine Identität preiszugeben und gen Olymp zu entfleuchen. Die vorher erboste und entsetzte Alkmene schickt ihm das erwähnte "Ach" nach.....

Kleist geht es hier nicht um eine nette Verwechslungskomödie, wie sie uns das 19. Jahrhundert so mannigfaltig bietet. Er stellt die Frage nach der Identität in den Mittelpunkt, einmal existentiell und philosophisch im Falle Amphytrion/Jupiter, und burlesk bei Sosias/Hermes. Die Situation, plötzlich seines Ichs beraubt zu sein und neben Frau und Vermögen auch die eigene Vergangenheit verloren zu haben, läßt sich bis hin ins politische Umfeld Kleists im frühen 19. Jahrhundert als durchaus treffendes Bild betrachten. Auf der anderen Seite werden die Gefühle von Alkmene mit Füßen getreten, wenn Jupiter sie aus reiner Lust nach Strich und Faden auf die schnödeste Art hintergeht.

Jupiter selbst symbolisiert den Machthaber, der die Liebe der Menschen ersehnt, jedoch nur Ehrfurcht erntet. Permanent ist er versucht, sich zu erkennen zu geben, um endlich als er selbst und nicht als Amphytrion geliebt zu werden, weiß aber, daß er damit nur Distanz schaffen würde.

Hermes versieht einen ungeliebten Job, macht er sich doch nichts aus menschlichen Frauen und muß nur dafür sorgen, daß jede Störung seines Herrn unterbleibt. Die erotischen Avancen von Charys sind ihm lästig, nur die Prügel an Sosias bereitet ihm einiges Vergnügen.

Regisseur Robin Telfer hat das Stück relativ konventionell ohne aufgesetzte Zugeständnisse an den Zeitgeist inszeniert. Kleists Sprache steht bei ihm im Mittelpunkt, und aus der Sprache heraus erklärt sich auch das Geschehen. Trotz der für heutige Ohren ungewohnten Versmaße versteht man die Handlung aus den Dialogen ohne Probleme, dies auch eine Leistung der Schauspieler, die es schafften, der Sprache sowohl ihr eigenes, kleistsches Kolorit zu bewahren als auch einen auch heute noch nachvollziehbaren Handlungsfaden damit aufzubauen. Allein schon das Zuhören war zeitweise ein Genuß. Tempo und Spannung ließen allerdings bisweilen etwas zu wünschen übrig, vor allem zweiten Akt, wenn der echte Amphytrion nach Hause zurückkehrt. Danach jedoch und vor allem im dritten Akt bauten Dialoge und Dramaturgie die diesem Stück gebührende geistige Spannung wieder auf.

Bei den Schauspielern ist an erster Stelle Lutz Zeidler als Diener Sosias zu nennen, der jedoch - wie meist die Dienstboten - auch die dankbarste Rolle zu bewältigen hatte. Er deckte die ganze Bandbreite an Dienstfertigkeit, Überlebenstaktik und Bauernschläue ab und erntete neben vielen Lachern auch den meisten Applaus. Gerhard Hermann verlieh dem Jupiter einen ironisch-wehmütigen Zug. Herrlich die Szene mit Alkmene, wenn er sich eitel über ihr allgemeines Lob des Gottes Jupiters freut und sich dennoch nicht erkennen geben kann. Die Sehnsucht nach Menschenliebe und das göttliche Ego gerannen bei ihm zu einer gelungenen Mischung. Olaf Weissenberg gab einen Schlawiner von Hermes, wie er in der antiken Mythologie ja auch dargestellt wird. Eher dem Moment hingegeben, ohne feste Prinzipien, und immer auf der Suche nach einem schnellen Gewinn oder derben Spaß. Sogar die berühmte Statue des Hermes mit ausgbreiteten Armen und weggestrecktem Bein stellte er gekonnt - wenn auch nur kurz - nach! Nicole Averkamp hatte als Alkmene psychische Schwerarbeit zu verrichten, immer schwankend zwischen hingebungsvoller Liebe, Enttäuschung, Unverständnis und Entsetzen. Diese Wechselbäder stand sie souverän durch und blieb in jeder Szene hochpräsent und der jeweilgen Stimmungslage glaubhaft verhaftet. Sogar das große Gerenne bei dem abschließenden "Showdown" zwischen beiden Amphytrionen überstand sie ohne Blessuren. Iris Melamed mußte lange auf ihren Einsatz warten und schaute vom Bühnenrand dem Geschehen zu. Dann jedoch trat sie als liebende und schimpfende Gattin des Sosias überzeugend in den Ring. Michael Fuchs hatte als Amphytrion die undankbarste Rolle. Wenig psycholgische Varianten, nur Wut und Enttäuschung prägen über lange Strecken seinen Part. Zeitweise wirkte er etwas überanstrengt und artikulierte nicht immer optimal.

Bühnenbildner Siegried Mayer hatte sich für eine karge Bühne aus zwei konzentrischen und leicht gegeneinander versetzten schrägen Ebenen entschieden. Eine Wand mit Zinnen in der Mitte deutete die Burg des Feldherrn an und erleichterte den Schauspielern Auftritt und Abgang. Aufgrund der glanzvollen Sprache vermißte man keinen Moment lang ein realistischeres Ambiente auf der Bühne. Die Kostüme von Monika Frenz waren eher unauffällig und zeitlos. Nahezu identische Kleidung der jeweiligen Doppelgänger markierten deren Identität in Ermangelung eineiiger Zwillinge.

Die Zuschauer bedachten Schauspieler und Regie mit langanhaltendem, teilweise begeistertem Beifall, und bei der anschließenden Premierenfeier ergaben sich noch viele Gespräche mit den Akteuren.