| Vivisektion einer liebgewordenen Tradition |
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Lessings "Minna von Barnhelm" in einer provokanten Inszenierung des Darmstädter Staatstheaters |
Kunstwerke erscheinen immer dann authentisch, wenn sie die Realität transparent widerspiegeln, das heißt sich nur als Medium einer wie auch immer beschaffenen Wirklichkeit definieren. Nur der Verzicht auf Autonomie ermöglicht diese. Je erfolgreicher solche Werke sind, desto mehr vewandeln sie sich im laufe der Zeit in ihr eigenes Abbild, die Schrecken von Guernica gerinnen zum "Picasso" und das Ringen um die Gestaltung einer neuen musikalischen Idee mutiert zur "Fünften Symphonie". Zunehmend tritt das ursprüngliche Thema in den Hintergrund und "am Abbild haben wir das Leben".
Dieses Schicksal ereilt auch erfolgreiche Theaterstücke, zu denen Lessings "Minna von Barnhelm" sicherlich gehört. Nach dem Ende des siebenjährigen Krieges hat Lessing diese´Komödie mehr aus Ärger über die traurige Verfassung des deutschen Lustspiels
als Lehrstück geschrieben. Daß es sich über Jahrhunderte auf deutschen Bühnen halten würde, hat er wohl selbst nicht erwartet.
Lessing stellt die beiden Themen "Ehre" und "Liebe" in den Mittelpunkt seines Stückes und verbindet sie miteinander. Den Ehrbegriff kondensiert er im übertugendhaften Major von Tellheim und liefert damit auch gleich die ironische Kritik am überzogenen preußischen Ehrbegriff. Wohl um auch der allgegenwärtigen direkten oder indirekten Zensur zu gehen, verpackte er seine Kritik in ein Lustspiel, in dem außer dem Wirt nur gute Menschen auftreten. Vor allem die Vertreter der herrschenden Klasse werden trotz der Kritik eher als intelligente, standhafte und lebensbejahende Menschen dargestellt. Die Dienstboten bleiben tumb - Just - , polternd - Wachtmeister Werner-, und listig - Franziska - und bewegen sich somit in der damals erlaubten Bandbreite ihrer Klasse. Lessing hat das Kunststück fertiggebracht, mit weitgehend systemkonformen Figuren und einer etwas komplizierten Verwechslungsgeschichte eine der wenigen amüsanten Lustspiele der klassischen deutschen Theaterliteratur auf die Bühne zu bringen. Er konnte darauf bauen, daß man die Brisanz der "Moral" aufgrund der Zeitnähe durchaus erkennen und schätzen würde. Führt man dieses Stück über zweihundert Jahre später wieder auf, so entfallen diese Umgebungsbedingungen natürlich, und die Regisseure müssen sich überlegen, mit welcher Berechtigung sie diesen Stoff wieder auf die Bühne bringen. Bernarda Horres hatte sich dafür entschieden, aus der Komödie eine Groteske zu machen und damit das Stück sozusagen zu sezieren. Kein Stein geliebter Klischees bleibt hier auf dem anderen, sämtliche Charaktere werden gezielt ihrer angestammten Merkmale entkleidet. Minna (Gabriele Drechsel) erscheint hier nicht als emanzipierte, kluge und abwägende Frau, die jederzeit die Fäden in der Hand hält, sondern als zeitweise hysterisch kichernde und sich in pubertären Lachsalven auf dem Boden wälzende Vertreterin einer Spaßgesellschaft. Nebenbei liebt sie zwar den Major, aber mehr aus erotischer Langeweile und Spiel denn aus der Inbrunst des klassischen Theaters.
Tellheim(Gerhard Herrmann) zeigt sich als tönerner Ehrpussel, der starren Gesichtes und steifen Gangs durch die Welt stakt und seinen Ehrbegriff wie eine Fahne vor sich herträgt. Als sich das Blatt wendet und er als nun "Gleicher" seine scheinbar verarmte Minna lieben darf, wandelt er sich zum tanzenden Strahlemann, der auf der Bühne kobolzt und Blumen ins Parkett wirft. Hinweggefegt ist der würdig-ernste Major und ein übermütiger Junge kommt zum Vorschein. Auch seine Wutausbrüche sind durchaus nicht preußisch-kontrolliert, sondern er geht seinem Gegenüber schnell an den Kragen.
Just (Jens Ochslast) stolpert als sprach- und denkbehinderter Dienstbote über die Bühne und setzt sich damit auch von dem nur gutmütig-diensteifrigen Diener der üblichen Inszenierungen ab. Nur einmal wird er fast zynisch, wenn er Franziska über den Verbleib der ach so netten ehemaligen Bediensteten des Majors aufklärt. Olaf Weißenberg kann sich als Wachtmeister Werner richtiggehend austoben. Diesmal nur mit nacktem Bauch und nicht im Tanga-Slip ("Wie es euch gefällt"), dröhnt er die Bühne und seine Mitspieler zu und vergißt gegenüber Franziska all die Zurückhaltung, die er in den üblichen Inszenierungen nur langsam überwindet. Auch Franziska(Leonore Endreß) machte vom ersten Moment keinen Versuch, ihre Zuneigung zum Wachtmeister zu verbergen, und macht ihn ziemlich dreist an. Keine Spur von zumindest vorgespielter Zurückhaltung! Ansonsten spielt Leonore Endreß die Franziska mit viel Temperament und Witz. Einzig der Wirt (Christian Wirmer) bleibt im Rahmen des Erwarteten. Schmierig-bucklig schleicht er über die Bühne, versucht Gespräche zu erhaschen und alle übers Ohr zu hauen. Christian Wirmer gelingt es dank seiner unterwürfigen Gestik und einer kriecherischen Stimme, die nur gegenüber den Frauen ("Hier bin ich Mann, hier darf ichs sein") plötzlich an Stärke gewinnt, trotz seinem jugendlichen Alter den Eindruck eines buckligen Alten zu vermitteln. Bernarda Horres verstärkt die sezierende Ironie noch durch deutlich anachronistische Einlagen, so wenn die Protagonisten - herrlich Leonore Endreß und Gabriele Drechsel im Duett - Operettenmelodien oder Schlager des 20. Jahrhunderts singen oder wenn Tellheim plötzlich zur Feier des Tages ein Grammophon mit großem Trichter auf die Bühne schleppt. Der Wirt eröffnet den Abend von seinem Fenster im ersten Stock den Morgen begrüßend, mit den Vögeln Stimmen austauschend und Gymnastik treibend - ein hübscher Einfall. Justens Hund kommt als etwas groß geratene Promenadenmischung auf die Bühne, der man die Einordnung als "Pudel" nur schwer abnimmt, und den gutgenährten Hasen hebt der mit dem Hackebeil bewaffnete Wirt aus dem Käfig, auf daß er auf dem Abendbrotstisch von Minna lande. Als Bühnenbild dient zuvörderst ein großer goldener Bilderrahmen, der die gesamte Bühne umfaßt, Hinweis auf den festen Inszenierungsrahmen, den es zu sprengen galt. Aus dem Hintergrund ergießt sich ein bühnenbreiter, rostrotfarbener Teppich bis nahe an die Rampe, ansonsten stellen die im Darmstädter Schauspiel so beliebten Stühle die Requisiten. Für die beiden Damen kommt extra eine Schaukel aus dem Bühnenhimmel heruntergeschwebt, Minna darf darauf sitzen, Franziska sie dienstbotengerecht in Schwung halten. Der Rest ist Imagination, so die pantomimische Kutschfahrt von Just und Franziska ins Publikum einschließlich überfahrener Katzen und durchlittener Schlaglöcher. Bleibt die Frage nach der Aussagen einer solch skurrilen, ja teilweise schrillen Inszenierung. Hier galt es von vornherein, nicht dem Stück eine etwa aktuelle Botschaft zu entwinden oder aufzuzwingen, sondern das Publikum schmerzhaft mit der eigenen Erwartungshaltung zu konfrontieren. Wenn man ein solches Stück nicht mehr als "ernsthafte" Komödie aufführen kann ohne sich der Belanglosigkeit anheimzugeben, dann muß man es konsequent zur Groteske ausdehnen. Die altpreußischen "Sekundärtugenden" eines Tellheim mögen durchaus zeitlosen Wert besitzen, nur dienen sie heute nicht mehr als Sujet für ein kritisches Lustspiel. Dieses Stück heute ernsthaft aufzuführen, wirkt lächerlich, nicht die Groteske, wie Bernarda Horres sie uns zeigt. Dabei arbeitet sie mit langen Pausen, die immer wieder den flotten Gang der Handlung unterbrechen und die Identifikation mit der harmlos-netten Tellheim-Komödie verhindern. Da lümmelt Tellheim schon mal geschlagene fünf Minuten muffig-verschlossen in einem Stuhl und fummelt nur in seinen Taschen herum. Immer wieder öffnet Bernarda Horres bewußt solche Pausenlöcher, hält die Inszenierung sozusagen an mit einem schrägen Blick aufs Publikum "was nun?". Trotz einiger Längen wirkt diese Inszenierung ausgesprochen spritzig und "gegen den Strich gebürstet". Das Darmstädter Publikum mocht´ es nicht leiden und verabschiedete vor allem die Regisseurin mit kräftigen Buhs. Die Darsteller erhielten verhaltenen freundlichen Beifall. Man ist halt so seine "Minna" gewohnt, und die möchte man nicht missen. |