| Varieté-Theater "Chamäleon" |
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Das etwas andere Varieté-Theater in den Hackeschen Höfen |
Nach der Wende hat sich Berlins Mitte um die Prachtstraße "Unter den Linden" zum Kern einer internationalen Metropole gewandelt. Abseits der sich nur zögernd mit Großstadtleben füllenden Konsumparadiese hat sich jedoch vor allem im Ostteil eine alternative Szene gehalten und im Verborgenen entfaltet, die auch kulturell zunehmend von sich reden macht. Nahe dem Hackeschen Tor hat sich mit den "Hackeschen Höfen" eine moderne Hinterhof-Landschaft aus Geschäften und Kulturangebot entwickelt, der zwar der Lack und das Weltstadtflair der Malls ums Lafayette fehlen, die aber umsomehr Atmosphäre und einen besonderen "Berliner Geist" versprühen.
Im liebevoll renovierten Jugendstil-Hof hat sich das Varieté-Theater "Chamäleon" etabliert. Über eine großzügige zweizügige Freitreppe mit geschwungenem Geländer gelangt man in den familiär wirkenden Saal des Theaters, der sich auch an normalen Wochentagen bereits frühzeitig füllt. Das neue Programm "Paaranoia" lockt vor allem jüngere Besucher an, die das "Chamäleon" bereits als eine Art Kontaktbörse betrachten. Wie der Name schon nahelegt, gruppiert sich das Programm um Paarauftritte, wobei die einzelnen Paare für bestimmte Sparten wie Gesang und Deklamation, Akrobatik, Tanz oder Slapstick stehen und darüber Paarbeziehungen persifilieren, parodieren und pointieren. Gleich zu Beginn klagt der Pianist Bodo Wartke musikalisch über seine Schüchternheit und läßt sich selbst von der hinreißenden Cansonette Blanche Elliz trotz ihrem beherzten musikalisch-erotischen Einsatz nicht hinreißen. Später wird er das Ödipus-Drama in einem "Einmann"-Auftritt mit wechselnden Rollen deklamieren. Das Akrobaten-Ehepaar Meyer spielt anfangs zwei verhärmte Büromenschen, die vor allem und jedem Angst haben und sich vor Schüchternheit fast verstecken möchten, er mit verkrampften Lächeln und nervösem Kloß im Hals, bei einer kurzen Mikrofon-Ansage seine Hosennaht mit der linken Hand fast zerreibend, sie mit ausdruckslosem Gesicht und spießigster Kleidung bis zum Hütchen und Täschchen. Wenn die beiden dann aber völlig unerwartet eine Trapeznummer in dieser Kleidung und diesem Habitus hinlegen, rast das Publikum vor Vergnügen. Die rundliche Hausmeisterin Daniele Drobny läßt sich in schönstem Schwäbisch über das Leben aus und drangsaliert ihren Partner Christoph Merg, der sich als balancierender und jonglierender Meisterkoch entpuppt. Der schüchterne und immer etwas verzweifelte Zauberer Sergey und seine von ihm angebetete doch unerreichbare Assistentin Marie glänzen nicht nur durch unfreiwillig entlarvte Zaubertricks, sondern sie beherrscht auch die Seilakrobatik perfekt. Für humoristische Tanzeinlagen sorgt immer wieder das Paar "Los Hermanos Rabiatos" mit ihren gekonnten Parodien auf die Eitelkeit der Tänzer, nach denen er grundsätzlich den Abgang verpaßt und verzweifelt mit verzerrtem Lächeln und improvisierten Tanzschritten einen Ausgang sucht. Als Kontrapunkt durchbricht von Zeit zu Zeit Bernhard Vitti als aggressiv-dümmlicher Vorstadt-Macho mit seiner "Püppi" und einem nicht ganz nachvollziehbaren Naturtick die Aufführung, wild schwadronierend und dunkle Drohungen ausstoßend. Das Programm atmet von Anfang bis Ende alternatives "Querdenken", weg von ernst-akrobatischem Leistungsdenken und perfekter Show hin zu chaotischer Menschlichkeit und menschlichem Chaos. Hier hat der Mensch mit all seinen Schwächen Vorfahrt vor dem glatten, makellosen, ewig lächelnden Artisten. Hier sieht man wirklich "wie´s dahinter aussieht", und "es geht einen auch was an". Das Programm "Paaranoia" läuft noch bis zum 10. Januar 1999, Tickets sind unter der Nummer 030/282 71 18 und an allenn Theaterkassen erhältlich:. Über eine Homepage verfügt das "Chamäleon" leider nicht! |