Enda Walsh: "Disco Pigs"

Über das verzweifelte Aufbäumen der Sprachlosen

Die Protagonisten dieses Stücks ziehen durch eine irische Stadt, erinnern sich, trinken, streiten und durchleben dabei viele menschlichen Tiefen und wenige Höhen. Kennen wir dieses Thema nicht irgendwo aus der irischen Literatur? Richtig - "Ulysses" von James Joyce läßt grüßen. Dort erlebt und durchträumt der Annoncen-Akquisiteur Leopold Bloom im Laufe eines Tages und einer Nacht das gesamte menschliche Universum, hier sind es zwei Jugendliche, die als "outlaws" gemeinsam durch die kleine irische Stadt Cork ziehen. Sie nennen sich "Schweinl" und "Ferklin"und haben sich eine eigene Sprache aus Werbe-Slogans, Slang und Alltagssprache geschaffen. Ihre Konversation besteht nur aus abrupten, hingeworfenen Satzfetzen voller Aggression gegen sich und ihre Umgebung. Schweinl (Michael Fuchs) beschützt seine Freundin Ferklin (Karin Klein) zwar, erwartet jedoch von ihr Verfügbarkeit in jedem Sinne. Dafür verprügelt er ansatzlos jeden, der sich Ferklin nähert. So ziehen die beiden ohne Arbeit durchs Land, kommentieren die Welt um sich herum in ihrem Pidgin-Idiom und lassen ihrem aus Minderwertigkeitsgefühlen geborenen Hass gegen die Welt freien Lauf. Ferklin erlebt zwischendurch Anflüge einer Ahnung von einem besseren Leben, so wenn sie am Meer sitzt und sich der Wunsch nach einem geregelten Leben einstellt. Schweinl kann mit diesen Gedanken nichts anfangen und flüchtet sich in den Suff oder die "Action". Als Ferklin in der Disco einen freundlichen und sogar galanten Mann kennenlernt, ahnt Schweinl den existentiellen Rivalen in ihm und bringt ihn um.

Dies die Handlung, soweit man von einer solchen überhaupt reden kann. Im kargen, d.h. nicht vorhandenen Bühnenbild der Werkstattbühne bleiben die anderen Mitspieler Imagination und sind nur aus den Aktionen der beiden Schauspieler zu erkennen. Als einzige Requisite hängt ein reflektierendes Stück Blech im Hintergrund, das mal - blau angestrahlt - als Meer herhalten muß und mal der Agressionsabfuhr der beiden Protagonisten dient. Das lärmt natürlich gewaltig, genauso wie die laute Disco-Musik, die immer wieder eingespielt wird und den akustischen Rahmen setzt. Auf der leeren Bühne agieren Karin Klein und Michael Fuchs unter der Regie von Thomas Krupa im billigsten Unterschicht-Outfit, sie im kurzen Lederröckchen, mit durchlöcherten Strumpfhosen und einem durchsichtigen Oberteil, er in Glanzhose und mit Pudelmütze. Ihre wichtigsten Requisiten sind zwei langstielige Mikrofone, die neben der Verstärkung unterschiedlichster Lautmalereien aus Rachen und Gaumen auch noch als Schlaginstrumente und Phallussymbole herhalten müssen.

Karin Klein und Michael Fuchs leisten verbale und körperliche Schwerarbeit, so wenn sie den schnellen Lauf auf der Stelle imitieren oder abgerissene Wortkaskaden in atemberaubendem Tempo über ihre imaginären Gegner und die Zuschauer ausschütten. Schnelle, unvermutete Schnitte in der chaotischen Handlung stellen hohe Anforderungen an Präsenz und Konzentration. Vor allem Karin Klein besticht als Ferklin durch ihre so kompromißlose wie gestochen scharfe Entäußerung, die ihre innere Verzweiflung widerspiegelt. Auch die kurzen seelischen Lichtblicke ihrer Figur setzt sie glaubwürdig in Szene. Michael Fuchs dagegen wirkt zuweilen etwas zu glatt, nicht immer nimmt man ihm den heruntergekommen, mit Aggression vollgepumpten Asozialen ab.

Nach einer Stunde war der Kauderwelsch-Wirbel vorbei und der Zuschauer suchte etwas verwirrt nach der Aussage. Für eine soziale Anklage fehlte ein nachvollziehbarer Konflikt, die reine Zustandsbeschreibung bleibt ohne zwingende Schlußfolgerung. Wie bei vielen modernen Stücken retten zwei hochmotivierte SchauspielerInnen ein Stück, das bei näherem Betrachten ausser dem publikumswirksamen Sprach-Chaos nur wenige Elemente bot, die zu einer längeren Diskussion motivieren.

Die nächste Aufführung findet am 23. Januar statt.

Frank Raudszus