| Henrik Ibsen: "Gespenster" |
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Wahrheit als Befreiung und Selbstvernichtung |
Das nahende Ende des Jahrhunderts und gar Jahrtausends motiviert die Intendanten offensichtlich, die Götterdammerungsdramen des letzten "fin de siècles" wieder auf die Bühne zu bringen. Parallelen sind oder scheinen zumindest unübersehbar, so der Verweis auf den allgegenwärtigen Verfall und die Beschwörung der nahenden Katastrophe. Das Staatstheater Darmstadt hat nach der Inszenierung des Familiendramas "Baumeister Solneß" des Norwegers Henrik Ibsen im letzten Jahr die neue Theatersaison wieder mit einem Stück des selben Autors eingeleitet: "Gespenster".
Nun mag man sich fragen, worauf diese Häufung von Ibsen-Inszenierungen in einer so kurzen Zeitspanne zurückzuführen ist, zumal die Thematik Ibsens bei aller Allgemeingültigkeit auch sehr viele zeit- und gesellschaftsspezifische Elemente enthält. Angesichts der breiten Palette anerkannter Autoren vor allem der Vergangenheit wäre eher eine Diversifizierung zu erwarten gewesen.
Im Hause Alving wird die Einweihung eines Asyls zum Gedenken an den vor zehn Jahren gestorbenen Kammerherrn Alving vorbereitet. Die Witwe Helene Alving (Karin Nennemann) empfängt den Pastor Manders(Jo Kärn), um geschäftliche Details und den Ablauf der Veranstaltung zu besprechen. Im Laufe dieses Gesprächs holt der starr in den Moralvorstellungen von Kirche und Gesellschaft gefangene Pastor zu einem moralischen Rundumschlag gegen Helene aus. Sie habe gegen ihre Pflicht nach kurzer Ehe ihren Mann verlassen und sogar ihn, Manders, in Versuchung geführt. Unabhängig von den damaligen Gründen habe sie sich an ihrer heiligen Pflicht als Ehefrau versündigt und nur an ihr eigenes Glück gedacht. Weiterhin habe sie ihren Sohn Osvald früh ins Ausland geschickt und sich damit an Ihren Mutterpflichten versündigt.
Manders Worte triefen vor Bigotterie und inhumaner Moraltheologie, und er steigert sich zunehmend in eine Ankläger- und Richterrolle hinein. Helene hört anfangs zu, wenn auch mit sarkastischem Lächeln, um dann zurückzuschlagen. Ihr Mann sei nicht der noble Herr Kammerherr Alving gewesen, sondern ein versoffener Schürzenjäger, der noch in seinem eigenen Hause - erfolgreich - dem weiblichen Personal nachgestiegen sei. Die bei Helene Alving angestellte Regine sei in Wirklichkeit seine und eines ehemaligen Dienstmädchens Tochter. Man habe dieses Mädchen schnell an den haltlosen Handwerker Engstrand verheiratet, weil dieser der einzige gewesen sei, der zu dieser Heirat und zur Annahme des Kindes bereit gewesen war. Pastor Manders ist über diese Eröffnung entsetzt, sein gesamtes Weltgebäude stürzt in sich zusammen. Noch mehr ist jedoch seine pastorale Eitelkeit getroffen, daß hier im Ort jemand all diese skandalösen Details ein Leben lang vor dem Seelsorger verheimlicht hat. Auch dem Tischler Engstrand wird er später diese einem klerikalen Allmachtswahn entsprungenen Vorwürfe ins Gesicht schleudern, die dieser mit einfachen Worten zum Ehrenwort einer Frau gegenüber entkräftet.
Helene Alving hat bis zum Tode ihres Mannes die Fassade der Wohlanständigkeit nur ihrem Sohn Osvald zuliebe aufgebaut und erhalten. Dieser sollte von der Lebensweise des Vaters nicht verunsichert oder gar verführt werden sondern immer das Ideal eines vollkommenen Elternhauses vor sich sehen. Osvald(Jens Ochslast) ist vor kurzer Zeit aus Paris zu seiner Mutter zurückgekommen, um sich eine künstlerische Pause - er ist Maler - zu verordnen. Ohne Wissen seiner Mutter umgarnt er sofort mit Erfolg das vermeintliche Dienstmädchen Regine(Nicole Averkamp), das sich natürlich eine gute Partie verspricht.
So sind die Karten für den großen Showdown verteilt und werden jetzt konsequent bis zum bitteren Ende ausgespielt. Helene bekommt zufällig das Techtelmechtel der beiden Halbgeschwister mit und erstarrt. Osvald gesteht ihr, daß er an einer unheilbaren Krankheit leidet, die laut einem Pariser Arzt vom lockeren Lebenswandel der Väter auf die Söhne niederkomme - Syphilis! Da der Vater jedoch ein Idealmensch gewesen sei, habe er sich diese Schuld selbst zuzuschreiben. Er kann nicht mehr arbeiten und erwartet mit Todesangst den finalen Anfall. Helene Alving will und kann dieses nicht hören. Ihr ganzes Leben mit allen bürgerlichen potemkinschen Dörfern hat sie nur diesem einzigen Sohn gewidmet, den verhaßten Ehemann ihm zuliebe zum Ehrenmann gestempelt. Verzweifelt weigert sie sich, der unerbittlichen Wahrheit ins Gesicht zu sehen, ja, sie gesteht Osvald sogar die Liebe zur Halbschwester zu und verbirgt die Wahrheit über die Verwandschaft, nur um seinen Wunsch zu erfüllen. Um jedoch Osvald von seinen Schuldgefühlen zu entlasten, teilt sie schließlich ihm und Regine die ganze Wahrheit mit. Daraufhin weigert sich Regine, als Krankenschwester einen Todkranken zu pflegen, und verläßt das Haus, um aus ihrem kläglichen Leben noch etwas zu machen.
Pastor Manders hat in der Verzweiflung über das Gehörte heimlich das Asyl angesteckt und ist dabei vom Tischler Engstrand beobachtet worden. Ausgerechnet der Tischler erteilt dem Pastor Absolution, indem er Stillschweigen gelobt, und der bigott-feige Pastor nimmt diese Rettung mit hündischer Dankbarkeit entgegen.
Osvald rechnet in der letzten Szene mit seiner Mutter und seinem Leben ab und eröffnet ihr, daß an diesem Ort immer die Lebensfreude gefehlt habe und er hier nicht leben sondern nur sterben könne. In Helene Alving reift in diesem Moment die schreckliche Erkenntnis heran, daß ihr Mann in Wirklichkeit an der freudlosen und pflichtbesessenen Gesellschaft erkrankt und zerbrochen ist und daß sie an diesem Leichentuch mitgewirkt hat. In einem verzweifelten letzten Ausbruch versucht sie, mit Champagnerflasche in der Hand zur Musik tanzend, ihrem Sohn Lebensfreude vorzuspielen und zu vermitteln. Dieser ist jedoch längst über den "Point of no Return" hinaus und verlangt von ihr, ihm bei seinem nächsten Anfall die tödlichen Morphiumtropfen zu geben, damit er nicht als debiler Trottel dahinvegetieren muß. Als dieser Anfall kurz danach einsetzt, verreckt er buchstäblich in wilden Krämpfen, die seine Mutter mit den Tropfen zu beenden nicht in der Lage ist. Am Ende liegen zwei Leichen auf der Bühne, von denen jedoch eine atmet. Ibsen hat mit diesem Drama die Wahrheit über die totenähnliche Erstarrung der Gesellschaft und die bigotte Pflichtfrömmelei vor allem der Kirche schonungslos ausgesprochen. Das katastrophale Ende vernichtet jegliche Illusion bürgerlicher Wohlanständigkeit und Konvention. Die Wahrheit ist unerträglich, weil hinter ihr die Erkenntnis steht, das ganze Leben falsch gelebt zu haben. Wer sie schließlich ausspricht, erkauft sich die Freiheit der eigenen Person mit der Vernichtung seiner Umgebung. Aber ohne die Eröffnung der Wahrheit hätte der Untergang im Rahmen der bürgerlichen Fassade nur länger gedauert. Regisseur Davud Bouchehri hat das sprechlastige Stück konsequent von der Sprache her aufgezogen. Da die eigentliche Handlung eher karg zu nennen ist, muß er die Dialoge zur Handlung machen, und das gelingt ihm ausgezeichnet. Vor allem die Gespräche zwischen Helene und Manders sind voller Spannung, die vor allem aus den langen Pausen erwächst. Beide, Manders und Helene, haben ihre Illusionen verloren, wobei sich Manders an seine Theologie und Helene an ihren Sohn klammert. Die Dialoge zwischen diesen beiden entwickeln sich nach dem Fugenprinzip, die Initiative wechselt nach einem genau komponierten Muster zwischen ihnen hin und her. Jo Kärn trifft sehr gut den unglaubwürdigen weil völlig verklemmten Ton des bigotten Pfarrers, der seine Worte mehr sich selbst zwecks Erhaltung seines Weltbildes als seiner Umgebung predigt. Bis zum atavistischen Zorn steigern sich seine Tiraden, um dann nach der Eröffnung der realen Hintergründe wie ein Kartenhaus zusammenzubrechen. Karin Nennemann spielt überzeugend die vom Leben enttäuschte und doch äußerst willensstarke Frau, die zwar von den lebensfremden Vorwürfen des Pastors getroffen ist, diese aber dann mit der Wahrheit auskontert. Sie leidet zunehmend an der Sinnlosigkeit ihres ganzen Tuns angesichts der vergeblichen Bemühungen um ihren Sohn. Karin Nennemann gelingen die teilweise ansatzlosen Übergänge zwischen kalkulierender Frau und abgöttisch liebender Mutter bis hin zur verzweifelnden Erstarrung am Schluß. Jens Ochslast hat als Osvald am Anfang eine eher verhaltene Rolle, die sich erst im zweiten Teil und vor allem in der großen Schlußszene zu dramatischer Tragik steigert. Die emotionellen Ausbrüche und vor allem der akrobatische Todeskampf mit gut einstudierten Sprüngen über das Sofa und durch die Fenster befriedigten vor allem das spektakuläre Bedürfnis des Publikums, brachten sie ihm doch am Ende Bravo-Rufe ein. Nicole Averkamp gab eine glaubwürdige Regine auf dem schmalen Grat zwischen dem Dienstmädchen und der Geliebten des jungen Herren, mit aller lauernden Taktik des Underdogs, sich ein kleines Stück aus dem großen Kuchen herauszuschneiden, wobei der gesellschaftlich unpassende - vermeintlich - eigene Vater eiskalt ausmanövriert wird. Mit ihrem Auszug symbolisiert sie ein Stück Hoffnung, daß die "underdogs" die erstarrte bürgerliche Gesellschaft verlassen und außerhalb ihrer Konventionen ihr Glück suchen. Klaus Ziemann gab den Tischler Engstrand in einer Art Ruhrpott-Dialekt einfältg und doch schlitzohrig und vermittelte bisweilen den Eindruck, er sei in der ganzen "Bagage" der einzige Mensch mit gesundem Menschenverstand und schlichter Menschlichkeit. Das Bühnenbild besteht aus einer drehbaren Anordnung zweier durch einen großen Fensterrahmen geteilter Räume - Wohnzimmer und Eßzimmer. Die Drehung erfolgt unmerklich während der Szenen und führte dadurch zu Szenenfolgen ohne Brüche. Die drei Akte gestalten sich so - von der Pause abgesehen - zu einem einzigen, kompakten Auftritt und verleihen der Aufführung zusätzliche Spannung. Die Verteilung der Personen über Vorder- und Hinterzimmer nimmt dem Stück außerdem die drohende Langeweile sesselgestützter Sprechstücke und spannt den Gesprächsbogen über die gesamte Bühne. Man mag über die Aussage von Ibsens Stück für das späte 20. Jahrhundert streiten, wenn man diese Inszenierung jedoch als ein Abbild der Auseinandersetzung des ausklingenden letzten Jahrhunderts mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten nimmt, dann ist sie auf jeden Fall als Erfolg zu bewerten. Das Publikum sah dies wohl auch so und dankte den Akteuren durch anhaltenden Beifall und Bravo-Rufe für die spektakulärsten Protagonisten. |