Adolphe Adam: "Giselle"

Biederes, braves Ballett aus Wiesbaden
"Übrigens ist es mit diesem Ballett wie mit allen andern; man tanzt gut, man macht artige Musik..." Diese Worte von Richard Wagner über das Ballett "Giselle" treffen die Wiederaufnahme der Wiesbadener Inszenierung "auf den Kopf". Das hochromantische Libretto frei nach Théophile Gautier und Heinrich Heine mit Herz, Schmerz, Tod und Geisterunwesen fand bei seiner Uraufführung 1841 begeisterte Aufnahme und gehört seitdem zum Standard-Repertoire europäischer Ballett-Truppen. Die Handlung ist schnell erzählt: Giselle lebt allein mit ihrer Mutter und wird von zwei jungen Männern umworben, einem Wildhüter und einem Herzog "inkognito". Natürlich verfällt sie dem Herzog, eine durchreisende Jagdgesellschaft entpuppt sich jedoch bald als gräflicher Schwiegervater und zukünftige Ehefrau des geliebten Mannes. Der eifersüchtige Wildhüter bringt alles ans Licht und Giselle stirbt an gebrochenem Herzen. Im zweiten Akt erscheinen nacheinander beide Männer nächtens am Grab Giselles um zu trauern. Die "Wilis", Geister jungfräulich verstorbener Frauen, beherrschen jedoch diese Stunden. Sie wollen Giselle in ihren kalten Kreis aufnehmen und bringen jeden Mann ums Leben, der sich dazwischendrängt. Hilarion fällt diesen unfreundlichen Elfen zum Opfer, Giselle jedoch rettet mit einem letzten Einsatz den geliebten Herzog vor dem Tode, bevor in der Morgendämmerung die Wilis wieder verschwinden und sie zurück ins Grab steigen muß.

Daß Libretti zumal aus den vorangegangenen Jahrhunderten nicht gerade unter intellektueller Schärfe leiden, nimmt man als Tatsache hin, schließlich geht es hier ums Ballett. Während die meisten Choreographien heute jedoch versuchen, den Tanz auf die Darstellung innerer Prozesse und Konflikte zu konzentrieren, tanzen die Darsteller in dieser Inszenierung mehr oder weniger die Handlung nach. Vor allem im ersten Akt wird dies konsequent bis ins Detail durchgehalten. Bis zur kleinsten Geste dient alles der bildlichen Darstellung des Geschehens - Pantomime mit Tanz. Zumindest hatte dies den Vorteil, daß man auch ohne Programmheft die Handlung verstand. Auch Emotionen wurden so vordergründig - nicht zu sagen "platt" - dargestellt, daß jede weitere Reflexion sich erübrigte. Bisweilen wirkte es wie ein vorgezogenes Weihnachsmärchen für Kinder und Alte.

Der zweite Akt entschädigte für die "Schlichtheit" des ersten ein wenig. Hier wurden keine trivialen Handlungen nachgestellt, sondern das Wesen der Nacht, der in der Hochromantik hoch gehandelten Geister und Elfen und die Welt der Toten in den Vordergrund gerückt. Der Tanz gewann dadurch an Aussagekraft und Vielfalt, einige schöne choreographische Einfälle lockerten den Ablauf auf, so wenn die Elfen immer wieder in die mondbleichen Kulissen entschweben oder zwischen ihnen umhergeistern. Auch dienten die Solo-Einlagen hier weniger dazu, wie im ersten Akt einzelne tänzerische Glanznummern mit hauchdünnem Handlungsbezug einzubauen, sondern der wenn auch etwas geisterhaften Aussage Nachdruck zu verleihen.

Natürlich sind technisch perfekte tänzerische Leistungen zu vermelden, wenn auch teilweise offensichtlich mit etwas gebremstem Engagement - eben eine Routine-Aufführung. Der Funke zum Publikum sprang nicht über, des öfteren erklang an dafür eingeplanten Stellen kein Szenenapplaus!

Das Bühnenbild zeigte im ersten Akt ein naturalistisches Ambiente mit "Hexenhäuschen", Bäumen und Wolkenhimmel im Hintergrund, fast wie ein Gemälde aus dem 17. Jahrhundert.Gelungen war die Jagdgesellschaft mit den lebenden Jagdhunden, die durch ihre unvorhersehbaren Aktivitäten die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zogen und etwas zur Belebung der Szenerie beitrugen. Im zweiten Teil herrschte ein nächtlicher Wald mit fahlem Mondschein vor, der gut zu den weißen Kleidern der "Wilis" kontrastierte.

Fazit - man muß dieses Ballett nicht gesehen haben, für Freunde des klassischen Balletts bietet es jedoch einen Abend lang nette Unterhaltung.