| Tanz/Theater: "Junge Projekte" |
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Skurril, schrill, satirisch, anrührend - avantgardistisches Tanz-Theater |
Das Darmstädter Tanz/Theater unter der Leitung von Birgitta Trommler ist bekannt für seine avantgardistischen Versuche mit den Medien Körper, Sprache und Ausdruck, z.B. in Produktionen wie "Grenzgänger".
Zu Beginn der Saison 1998/99 stellte sich die Tanz/Theater-Truppe mit einem neuen Programm "junger Projekte" vor. Verschiedene Mitglieder des Darmstädter Ensembles hatten eigene Choreographien erarbeitet und präsentierten sie teilweise selbst, teilweise zusammen mit ihren Kollegen.
Zu Beginn begrüßte Choreographin Christina Czetto die Gäste als Notarin im stilisierten Rokkoko-Kostüm und kündigte eine "Auktion" an, im Französischen auch "La vente à la bougie" genannt. Dabei bieten die Teilnehmer angesichts dreier brennender Kerzen, wobei das aktuelle Gebot beim Erlöschen der letzten Kerze gewinnt. Während dieser Ankündigung hörte man außerhalb des Theaters laute Stimmen. Der Unmut über störende Nachbarn und nicht zugezogene Vorhänge legte sich schnell, als klar wurde, daß hier vier weibliche Bieter nahten, die das "Chateau" eines verstorbenen oder bankrott gegangenen Grafen ersteigern wollten.
Eine alte Dame(Martina Bittner) mit Stock und Dünkel plaziert im Geiste schon ihren Flügel, eine "Business Women" fängt an, das Schloß sofort zum Fitness-Center umzugestalten, eine junge Naive stolziert fragend durch die imaginären Räume, und eine resolute Blondine zeichnet sich vor allem durch aggressives Gehabe aus. Die vier Damen belauern einander in fratzenhaft verfremdetem "Smalltalk", Wortfetzen wiederholen sich stereotyp. Zwischendurch erstarren die vier Frauen zu gestellten Bildern wie zu einem Fototermin. Dann schiebt die Notarin das Diner aus echten Speisen herein, und die Damen beginnen im wahrsten Sinne zu fressen und zu saufen, zerreißen die Poularde mit geradezu tierischer Agressivität, spielen Billard mit den Tomaten oder zerquetschen sie mit der Hand. Nach diesem "Grande Bouffe" ziehen sie sich zurück in ihre Gemächer, lassen vereinsamte Töne auf dem Klavier ertönen oder führen belanglose Wortgeplänkel aus Dusche und Fitness-Räumen. Die Leere zwischen ihnen wächst zunehmend, dramaturgisch durch die freie Bühnenmitte symbolisiert. Nur am Rande ragen Beine in Rot oder Blau aus der Kulisse, die Naive ruft "Maikita" in den Rückraum, die alte Dame krümmt sich halb glatzköpfig über dem Klavier, am Ende herrscht die Sinnlosigkeit. Den Schlußpunkt setzt die Notarin mit der nüchternen Feststellung, die Versteigerung falle aus, da "die Damen alles zerstört haben". Christina Czetto charakterisiert unter Mithilfe von Alain Guillon vier sich fremden Frauen, die plötzlich in eine zugespitzte Konkurrenzsituation geraten. Dabei setzt sie sparsam auch die Sprache ein, ein im Tanz-Theater nicht unbedingt übliches Ausdrucksmittel. Das birgt natürlich die Gefahr, den Ausdruck der Einfachkeit halber in Worte zu verlegen statt in Körpersprache. Christina Czetto kann dieser Gefahr nicht immer entgehen. So ist z.B. das Gespräch hinter dem Duschvorhang schon halb Schauspiel und enthält nur noch angedeutete Tanzelemente. Schön dagegen die Beinspiele in den farbigen Gewändern oder die Gruppendynamik am Anfang. Im Ganzen fehlt dieser Choreographie jedoch etwas die Leichtigkeit, das Strenge überwiegt.
Das zweite Projekt wurde von der Choreographin Amelia Poveda selbst vorgetragen. Eine Figur - Mann oder Frau? - in Ninja-artigem Dress und Gesichtsmaske schläft bei mattem Licht, vorne steht ein großer Wecker, der aus den Lautsprechern hinter den Zuschauern tickt. Ein kleines trojanisches(?) Holzpferd rollt herein und weckt die Gestalt, die aus einem Lichtstrahl "Kraft zu tanken" und zu tanzen beginnt. Das Holzpferd ist offensichtlich ein Traumobjekt, das den folgenden (Alb-)Traum auslöst. Glockentöne untermalen den pantomimischen Tanz, immer wieder bohrt sich die Gestalt im Patchwork-Kostüm mit dem Finger in die Schläfe - Symbol für Erschießen oder Selbstmord? Offensichtlich spielt hier die politische Situation in der südamerikanischen Heimat der Choreographin eine Rolle. Auch versucht sie immer wieder vergeblich, sich die Maske vom Gesicht zu reißen. Nur kurz kann sie sie lüften und spanische Sätze hervorstoßen. Das ganze wiederholt sich wie ein Ritus, wie es in Albträumen der Fall zu sein pflegt. Im Vordergrund steht dabei das Spannungsfeld zwischen dem strahlenden, "heilenden" Licht und den Ängsten des Traums.
Dieses Projekt bestach vor allem durch die tänzerische Ausdruckskraft der Darstellerin und die kompakte Umsetzung des Themas.
Nach der Pause leitete eine Video-Installation den zweiten Teil ein, in der nahezu alle Beteiligten des Abends sich und ihre Körper eingebracht hatten. Großaufnahmen von Augen, Mündern, Händen und Bewegungen vermittelten völlig neue Ansichten des menschlichen Körpers. Tanz, Körperberührungen, Hell/Dunkel-Effekte und der Gegensatz zwischen Ruhe und Bewegung charakterisieren dieses Video, das durch verschiedene Musiktitel unterlegt ist, mal aufreizend laut, mal nur begleitend. Der gebürtige Kanadier Richard Taylor trat in seinem Projekt "Gestutzte Flügel" als Choreograph und Tänzer auf. Ein junger Mann robbt über die Bühne, an einem Seil eine Kiste hinter sich herziehend. In der Folge behindern ihn Seil und Kiste in seinen freien Bewegungen - Symbol klar! Er tanzt akrobatisch um und über das Seil und schwingt sich schließlich auf die Kiste. Dort hört er - aus dem Lautsprecher - Vogelschreie und versucht verzweifelt, mit den Vögeln davonzufliegen. Er schlägt mit den Armen, imitiert alle Flugbewegungen, nur um zum Schluß von der Kiste zu fallen. Enttäuscht entnimmt er dieser sein Fixer-Besteck und setzt sich einen Schuß. Der Rest der Szene vergeht in einem delirierenden Tanz zu einem musikalischen Crescendo, das den Drogenrausch auch akustisch markiert. Tanz und Musik steigern sich aneinander, so daß am Ende der Zuschauer selbst in einen Rausch zu verfallen glaubt. Dann plötzlich, als es kaum noch zu ertragen ist, kippen Musik und Tanz um, und der Rausch ist vorbei. Es naht der schwarze Katzenjammer. In diesem Projekt überzeugte vor allem die tänzerische, teilweise akrobatische Leistung von Richard Taylor.
Abschluß und Höhepunkt bildete die Choreograpie "Für Iris" von Guido Markowitz, ausgeführt von Amelia Poveda, Patricia Schmid, Dörte Stöß und Mauricio Motta. Dieses Projekt bot eine gelungene Mischung aus Humor, Satire, Parodie und Frivolität, alles dargestellt mit viel Tanz und wenig Worten.
Zu Beginn präsentiert eines der Mädchen "Weiße Rosen aus Athen" im Playback vor einem fiktiven Meereshintergrund, die beiden anderen Tänzerinnen untermalen die Schnulze parodistisch-tänzerisch. Wellen, Wasser, Möven werden auch akustisch in den Vordergrund gerückt. Dann plötzlich Zahnarzt-Geräusche - offene Münder, stille Schreie. Die Akteure beginnen, sich in das bühnenbedeckende weiße Tuch, das wohl das Wasser symbolisieren soll, einzuwickeln, seltsame Statuen zu bilden, Arme und Beine aus dem Tuch zu recken und immer wieder nach "Iris" zu rufen. Jeder will Iris sein, auch der Mann - Heiterkeit beim Publikum. Der parodistische Charakter verstärkt sich, bis das Ensemble schließlich den Sprechtext eines kruden Pornos tänzerisch sekundiert, diskret und ohne direkte sexuelle Parallitäten. Man konnte manche tänzerische Aktion extrapolieren, ohne daß es je obszön wurde. Auf jeden Fall war das Projekt mit dieser Satire auf der politischen Höhe der Zeit , wenn auch nicht unbedingt "politically correct".
Beeindruckend war hier vor allem das Zusammenspiel von Raumnutzung und Thematik. Das weiße Tuch diente nicht nur als Symbol für das Verbergen aller möglichen Tätigkeiten, es ermöglichte auch raumgreifende Aktionen. Die verschiedenen Themen wurden in diesem Umfeld tänzerisch und körperlich überzeugend umgesetzt.
Das Publikum fand besonders an diesem letzten Projekt viel Spaß und dankte den schweißnassen Akteuren zum Schluß mit langanhaltendem Beifall. |