| 1. Kammerkonzert 98/99: Cello und Klavier |
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Ein dichtes Programm mit Saint-Saens, Debussy und Brahms |
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Am 1. Oktober begann im Staatstheater Darmstadt die neue Kammerkonzert-Saison. Dazu hatte man das Duo Mischa Maisky(Violoncello) und Daria Horova(Klavier) engagiert, die das Publikum musikalisch ins ausgehende 19. und beginnende 20. Jahrhundert versetzten.
Zu Beginn erklang Camille Saint-Saens Sonate für Cello und Klavier Nr. 1 in c-Moll, deren ersten Töne bereits ein fulminantes Zeichen setzen. Im Folgenden zeichnet sich der ersten Satz vor allem durch "Frage/Antwort"-Sequenzen zwischen Cello und Klavier aus, bei denen die Pianistin die vorgegebenen Motive des Cellos aufnimmt. Bereits hier fiel das fein abgestimmte Zusammenspiel von Cello und Klavier auf, das jedem Instrument seinen Spielraum ließ und nie zu einem "Solokonzert mit Begleitung" mutierte.
Der zweite Satz nahm fast Note für Note die Eingangsstrophe des Volkslied "Der Mond ist aufgegangen" auf und führte es in fließender und ausgewogener Stimmführung aus. Dieser Satz nimmt den meisten Raum ein und bildet eindeutig den Schwerpunkt der Sonate. Hier kam besonders die kantable Spielweise von Mischa Maisky am Cello zum Tragen.
Der dritte Satz beginnt expressiv-kraftvoll und zeichnet sich durch Temporeichtum aus. Immer wieder beeindruckten der volle, geradezu "satte" Klang des Cellos und die dynamische Spielweise des Cellisten, die sich auch in seinem körperlichen Einsatz manifestierte. Der Körper schien mit dem Instrument zu verwachsen, so eng umfaßte er es, um ihm die letzten Klangnuancen zu entlocken.
Zum zweiten Stück - Claude Debussys Sonate für Cello und Klavier in d-Moll - erschien der wohl in bewußter Abkehr vom konservativen schwarz-weißen Konzert-"Look" modisch-ausgefallen gekleidete Mischa Maiky mit neuem Hemd. Debussys Sonate lebt im Gegensatz zur gerade verklungenen Musik von Saint-Saens vor allem von den unterschiedlichen Klangfarben, die sich bereits in den einleitenden Passagen des ersten Satzes zeigen. Die Harmonien "verengen" sich, Spannung schaffend und der Musik neue Reize entlockend. Immer wieder variiert Debussy die harmonische Färbung und erzeugt damit neue Stimmungsbilder. Maisky und Horova sprürten den einzelnen Klängen bis in die letzte Verästelung nach. Der zweite Satz, eine "Sérénade", zeichnet sich vor allem durch experimentelle Harmonien und bisweilen geradezu "zerrissene" Themen aus. Pizzicati-Passagen vermitteln zeitweise den Eindruck von Gitarren-Musik. Erst im dritten Satz kehrt wieder so etwas wie harmonisches Gleichmaß und eine gewisse Heiterkeit ein, die jedoch zwischendurch plötzlich in einen fast depressiven "Morbidezza"-Einschub umschlägt. Nach der Pause leiteten Mischa Maisky - abermals mit neuem Hemd - und Daria Horova den zweiten Teil mit Brahms-Liedern ein, von denen Johannes Brahms zwei selbst für Cello und Klavier bearbeitet hat. Die "Sapphische Ode" von Hans Schmidt - frei nach der antiken griechischen Dichterin Sappho - mit ihrem erotisch-somnambulen Text fand eine sehr einfühlsame Interpretation durch das Cello, ebenso das Lied "Wie Melodien zieht es mir" von Klaus Groth. Der alttestamentarische Text "Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh" nach Prediger Salomon, Kap. 3 (Übersetzung von Martin Luther) atmet endzeitliche Stimmung. Der archaisch-statuarischen Tenor spiegelte sich in der getragenen und dennoch eindringlichen Interpretation durch Mischa Maisky und Daria Horova überzeugend wider. Den Abschluß bildete die Sonate für Klavier und Violoncello Nr. 1 e-Moll von Johannes Brahms. Der expressiv erste Satz zeichnet sich durch vielfältiger Thematik und dichte Stimmführung aus. Schon hier zeigten sich die hohen technischen Anforderungen besonders im Klavierpart, die Daria Horova jedoch souverän meisterte. Der zweite Satz beginnt leicht und tänzerisch, wie ein Menuett, und bringt sogar so etwas wie Beschwingtheit in die Musik. Der dritte Satz kehrt jedoch wieder zu ernsteren Strukturen zurück und kulminiert in einer Fuge, Reverenz sowohl an Brahms´großes Vorbild Beethoven und seine Sonate Opus 69 als auch an Bachs Kunst der Fuge. In diesem Satz manifestiert sich eine weltverlorene, ja geradezu resignative Stimmung, die eigentümlich für die Zeit der Jahrhundertmitte war, nachdem die Restauration alle Träume der Aufklärung und der Revolutionen entzaubert hatte. Der nun nicht mehr dem Hofe als Auftragsmusiker zugeordnete Musiker wandelt sich zum "autonomen" Künstler, jedoch in einer gesellschaftlich noch vagen und ungefestigten Rolle. Dies führt zum Rückzug in die Innerlichkeit und zur musikalischen Auseinandersetzung um die Position der Musik und des Musikers. An diesem Abend gelang den Musikern die Umsetzung dieser "Befindlichkeit" des spätromantischen Musikers Brahms außerordentlich eindrucksvoll. Das Publikum honorierte die große Leistung der beiden Künstler mit langanhaltendem Beifall, den die beiden mit vier(!) Zugaben von Jules Massenet, Gabriel Fauré und Maurice Ravel beantworteten. |