| Virtuosität und klare Strukturen |
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Winfried Apel spielt Schubert und Mussorgski in Darmstadt |
Wenn Klaviermusik von Franz Schubert auf dem Programm steht, lieben es die Interpreten gerne breit und gefühlvoll, wobei oft die Strukturen der Kompositionen verloren gehen. Am 8. April konnte man im 7. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt sehen, daß es auch anders geht: der Thüringer Winfried Apel, Professor in Dresden, trat mit Werken von Schubert und Mussorgski auf.
Den Beginn machten vier "moments musicaux", Nr. 1 in C-Dur, Nr. 2 in As-Dur, Nr. 5 in F-Moll und Nr. 6 in As-Dur. Bereits hier zeigte Apel seine besondere Anschlagskunst. Leicht, fast sparsam präsentierte er das erste Stück, ohne jedoch deshalb Intensität zu opfern. Der Mittelteil geriet voller, wirkte streckenweise jedoch etwas unverbindlich. Im zweiten "Moment" zauberte Apel eine getragene, geradezu jenseitige Stimmung aus dem Flügel, baute einen langen Spannungsbogen auf, der sich plötzlich förmlich in einem Aufschrei entlud, um dann wieder in wehmütige Stimmungslage des Anfangs zurückzukehren. Die dritte Komposition zeichnet sich durch wilde Entschlossenheit aus, die Apel bei einigen kleinen Fehlgriffen konsequent ausspielte. Bei den leise verklingenden Tönen erwischte er manche Taste nur noch halb. Dies tat der Gesamtwirkung jedoch keinen Abbruch, die sich im letzten "moment" noch einmal voll entfaltete.
Den Mittelpunkt des Programms bildete zweifellos Schuberts "Wanderer Fantasie", die den Übergang von der Klassik zur Romantik markiert. Obwohl viersätzig angelegt, gibt sie den klassischen Sonatensatz auf und präsentiert in den einzelnen Sätzen eine wesentlich freiere Abfolge und Variation von Themen. Apel schaffte es durch seinen Vortrag, bei aller emotionellen Intensität dieser Komposition dennoch Strukturen aufzuzeigen. Kein Motiv kam bei ihm zu kurz, jede thematische Idee spielte er aus und präsentierte sie mit viel Augenmaß für die Tempi. Er brachte Schuberts Komposition förmlich zum "Sprechen". Sein sparsamer Anschlag trug zusätzlich dazu bei, daß die Figuren der linken und rechten Hand jederzeit klar zutage traten. Trotz der vorwärtsstürmenden Dynamik weiter Passagen blieb immer eine gewisse Leichtigkeit in Apels Spiel, auch in den Fortissimo-Stellen wirkte die Fantasie nie nur breit und laut.
Dabei glänzte Apel gerade in den technisch anspruchsvollen Passagen des ersten und letzten Satzes durch seine Perfektion. Auch die schnellsten Läufe kamen - bei einigen kleineren Fehlgriffen - klar und präzise. Zum Schluß steigerte sich das Spiel zu einem wahren Feuerwerk aus Virtuosität und Expressivität.
Nach der Pause präsentierte Apel Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung", die dieser zum Andenken an seinen früh verstorbenen Freund Viktor Hartmann angesichts verschiedener konkreter Biler komponiert hatte. Da tummeln sich spielende Kinder in hellen Läufen, Fischweiber streiten sich auf dem Markt von Limoges und zwei Juden - ein reicher, "dickbramsiger" und ein armer, jiddisch jammernder, streiten miteinander. Die Hexe Baba-Jaga jagt in einem infernalischen Hexentanz durch die Lüfte und zum Schluß breitet sich majestätisch das " große Tor von Kiew" vor uns aus. Alle diese Skizzen werden durch das wiederkehrende, schreitende Motiv verbunden, das den Betrachter symbolisiert.
Apel konturierte die einzelnen Episoden sehr individuell und kostete die musikalische Bandbreite dieses Werkes voll aus. Die Strukur trat dabei deutlich hervor, und auch in den einzelnen Passagen bewahrte er immer eine hohe Transparenz.
Das Publikum dankte ihm für einen beeindruckenden Klavierabend mit begeistertem, lang anhaltendem Beifall, der ihn auch sehr schnell zu - nur - einer Zugabe bewegte. |