| Arnold Schönberg: "Moses und Aron" |
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Beeindruckende Inszenierung einer schwierigen Oper in Darmstadt |
Große Ereignisse pflegen ihre Schatten vorauszuwerfen. So hatte auch die auf den 3. Oktober, dem deutschen Nationalfeiertag(!), terminierte Premiere von Arnold Schönbergs Oper "Moses und Aron" in überregionaler Presse und Rundfunk ein lebhaftes "Vorab"-Echo ausgelöst. Die Aufführung dieses selten gespielten Werkes galt vielen offensichtlich als gewagtes Unterfangen, das man mit großer Spannung erwartete. So war denn die Premiere auch vollständig ausverkauft, vor der Kasse standen Interessenten mit Schildern "Karte gesucht", und die oftmals sogar bei Premieren unbesetzten Plätze suchte man dieses Mal vergeblich. Auch konservative Opernliebhaber wollten sich das Spektakel nicht entgehen lassen, vielleicht in der Hoffnung auf einen rauschenden Durchfall.
Schon das zu Beginn offene Bühnenbild beeindruckte mit einer blutroten Einfassung des gesamten Orchestergrabens, der sich wie ein offener Höllenschlund präsentierte. Darüber bildeten zwei schiefe Ebenen aus spiegelndem Material die Bühne für die kommende Handlung.
Von der rechten Seite naht mit den ersten Tönen Moses (Horst Schäfer) in einfacher, schwarzer Kleidung des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Stimme aus dem brennenden Dornbusch - ein gleißender Lichtfleck in der Bühnenmitte - befiehlt ihm, das israelitische Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft zu führen. Da er sich mangels überzeugender Redekraft hierzu nicht fähig glaubt, wird ihm sein Bruder Aron(Richard Brunner) als "ausführende Kraft" zur Seite gestellt. Gemeinsam versuchen sie in den nächsten Szenen, das von zwei Chören mit insgesamt 80 Mitgliedern dargestellte Volk zu überzeugen. Faszinierend der Moment, als sich die Menge zuerst auf der spiegelnden Fläche zeigt, ehe sie selbst langsam von unten ins Bühnenbild gerät. Moses versucht den reinen Gedanken der bilderlosen Gottheit zu vermitteln, scheitert damit jedoch bei dem Volk, das eine handfeste Vostellung des Gottes verlangt. In dem ausbrechenden Streit zwischen orthodoxen Priestern und idealistischen Gefolgsleuten Moses´ kommt Aron die rettende Idee, mit einigen schnell herbeigezauberten "Wundern" das Volk auf seine (und Moses´) Seite zu ziehen.
Zu Beginn des zweiten Aktes wartet das Volk seit 40 Tagen auf Moses´ Rückkehr vom Berg Sinai und bedrängt Aron und die Priester, endlich etwas zu tun, da man Moses längst tot wähnt. Die schnell zunehmenden Unruhen kann Aron nur durch die Schaffung eines Götzenbildes, des "goldenen Kalbes", dämpfen. Das Volk spendet Schmuck, huldigt dem Götzen, feiert, gerät in einen immer schneller rotierenden, orgiastischen Konsumrausch. Eine Kranke (Elisabeth Hornung) wird durch Berührung des "goldenen Kalbes" geheilt. Die Regie reichert diese Szene durch zeitgenössiche Requisiten wie Fernsehteams, Video-Collagen und großflächige Tourismus-Plakate an. Der Bezug zur Gegenwart ist unverkennbar. Schließlich kippt das Geschehen um ins Anarchische, mit blutigen Opferungen junger Frauen und rituellen Selbstmorden einiger Greise. Plötzlich steigen gasmaskenbewehrte Menschen aus dem Hintergrund auf, Soldaten robben mit Gewehren über die Bühne, und dazu laufen Dokumentarfilme über den zweiten Weltkrieg mit Bombenangriffen und Kampfszenen ab.
Aron hat die Kontrolle längst verloren und schaut sich das Treiben abwartend und fast hilflos aus dem Hintergrund an. Als Moses mit den zehn Gebotstafeln erscheint - in einem grellweiß getünchten Raum im Bühnenhintergrund auf einem Stuhl sitzend - findet er nur noch ein Knäuel von Leichen vor. Er zerstört das "goldene Kalb" und macht Aron heftige Vorwürfe, die reine Idee des Gottes zerstört zu haben. Als Aron ihn darauf hinweist, daß auch die Gesetzestafeln Bildcharakter besitzen, bricht Moses zusammen und verzweifelt an seiner Unfähigkeit, die richtigen Worte zu finden.
Soweit die Handlung, die an dieser Stelle abbricht, da Schönberg den geplanten dritten Satz nur skizziert hat, wahrscheinlich wegen der politischen Ereignisse nach 1933. Schönberg dramatisiert in seiner Oper den Zwiespalt zwischen dem reinen Gottesgedanken, der sich jegliche Äußerlichkeit versagt und damit der Gottesidee am nächsten kommt, und der dem Menschen eingeborenen Sehnsucht nach bildhaften Vorstellungen. Die reine Idee ist nur Wenigen gegeben, und sie bezahlen für diese Gabe mit der Unfähigkeit, sie zu vermitteln.
Regisseur Friedrich Meyer-Oertel hat bei seiner Inszenierung in Darmstadt den Chor in den Mittelpunkt gestellt. Obwohl Moses und Aron scheinbar die Handlung vorantreiben, bewegen sie sich doch nur an der Peripherie der Masse, dies auch oft durch ihren Standort dokumentierend. Das Volk selbst ist der Mittelpunkt und durchbricht immer wieder wie ein unkalkulierbares Naturereignis die Planungen seiner Führer. Konsequenterweise läßt Meyer-Oertel den Chor auch nicht mehr als statische Sängerversammlung im Hintergrund agieren, sondern schickt ihn als agiles Tanz/Theater auf die Bühne. Dabei mußten aus organisatorischen Gründen der zur Verstärkung angeheuerte Polnische Radio-Chor Krakau und der Darmstädter Chor getrennt gesteuert werden. Mit hoher Präzision wurde die Handlung in einen dynamischen Bewegungsstrom der Chöre umgesetzt. Da gehen sich Einzelne direkt "an den Kragen", fliehen voreinander oder zerren aneinander im Versuch, sich gegenseitig vom richtigen Glauben zu überzeugen. Keine Sekunde ist Ruhe auf der Bühne, der innere Konflikt des Volkes und seiner Führer manifestiert sich in den Eruptionen des "Volkes" auf der Bühne. Dabei zeigte sich der erste Akt als wesentlich geschlossener und kompakter als der zweite. Vor allem die ausbrechende Anarchie und die Analogien zu weltpolitischen Ereignissen und Kriegsszenarien wirken aufgesetzt. Hier hat man zwar das Richtige gewollt, aber bei der Umsetzung etwas zu sehr den "Holzhammer" eingesetzt. Weniger wäre hier mehr gewesen, vor allem die zusätzlichen Video- und Fotocollagen wirken eher modernistisch und "trendy". Die Choreographie des Chors reicht als darstellerisches Mittel vollständig und benötigt keine zusätzlichen Verstärkungen. Trotz dieser "kakophonischen" Einlagen im zweiten Akt überzeugte die Inszenierung über weite Strecken. Die Musik kam nicht zuletzt aufgrund des tiefen Orchestergrabens nicht immer gegen den stimmgewaltigen Chor an und konnte sich nur mit den markanten Blechbläsern durchsetzen, aber dies erwies sich kaum als Manko, da der Chor das Publikum vollständig fesselte. Dies mag für viele auch die ungewohnte Zwölfton-Musik erträglicher gemacht haben, die bei einer zurückhaltenderen Bühnen-Inszenierung sicher stärker in den Vordergrund getreten wäre. Neben dem Chor sind besonders hervorzuheben die beiden Protagonisten, Horst Schäfer als Moses mit einem reinen Sprechgesang, der hohe Anforderung an die Konzentration stellte, und Tenor Richard Brunner als schmeichlerischer und verführerischer Aron, dem man seinen großen Einfluß auf das Volk durchaus abnahm. Das Publikum feierte Darstellung und Regie mit begeistertem Beifall, in den allerdings bei der Regie auch einige Buh-Rufe einfielen. Besonders würdigten die Besucher die Leistung des Chors und seiner beiden Leiter, sowie Marc Albrecht stellvertretend für das gesamte Orchester, das durch präzise Interpretation dieser sicher nicht einfachen Partitur überzeugte. |