Maskerade um Liebe, Eifersucht und Tod

Verdis "Maskenball" auf der Seebühne in Bregenz
Die Bregenzer Festspiele haben sich in den letzten Jahren zu einer der herausragenden Sommer-Attraktionen des Bodensee-Raumes entwickelt, nicht zuletzt wegen der imposanten Seebühne und der überaus erfolgreichen Inszenierung von Gerwhwins "Porgy und Bess". Im Zuge des zweijährigen Programmwechsel haben in diesem Jahr Richard Jones und Antony McDonald Giuseppe Verdis Oper "Ein Maskenball" neu inszeniert. Die Seebühne war zu diesem Zweck in Form eines monumentalen, aufgeschlagenen Tanzbuches gestaltet, in dem ein überdimensionales Skelett liest. Zwischen diesen Buchseiten -sozusagen als fiktives Tanzspiel - spielt sich das Drama um den verliebten König und seinen - beinahe - gehörnten besten Freund ab. Gustav III., König von Schweden, liebt heimlich Amelia, die Frau seines besten Freundes, Graf Ankarström. Dieser trägt ihm Gerüchte einer politischen Verschwörung zu, aber Gustav denkt nur an seine Liebe. Im Scherz geht er verkleidet - "maskiert" - zu der Wahrsagerin Ulrika und erlebt, wie diese einem armen Matrosen schnellen Reichtum weissagt. Scheinbar im Scherz steckt er diesem einen großen Geldbetrag zu und ahnt nicht, daß er genau damit die Prophezeiuung erfüllt. Als plötzlich die geliebte Amelia auftritt und von der Wahrsagerin ein Mittel gegen eine unglückliche, weil verbotene Liebe zu einem Mann - Gustav?? - verlangt, schickt diese sie um Mitternacht zum Galgen, um dort ein seltenes Kraut zu pflücken. Dem skeptischen König schließlich sagt sie den Tod von der ersten Hand voraus, die er nach der Wahrsagung drücken wird. Dies ist ausgerechnet Graf Ankarström, und Gustav lacht sie daher als falsche Prophetin aus.

Um Mitternacht geht er zum Galgen und gesteht der nur mühsam widerstehenden Amelia seine Liebe. Auf dem Höhepunkt der gegenseitigen Liebesschwüre erscheint Graf Ankarström, seine rasch verschleierte Frau nicht erkennend, und warnt Gustav ein zweites Mal vor den Verschwörern, die sich angeblich diesem Ort nähern. Gustav verschwindet, und einer der nahenden Verschwörer reißt Amelia den Schleier vom Gesicht. Entsetzt und zutiefst gedemütigt wendet sich Ankarström den Verschwörern zu und beschließt, Gustav zu töten. Zynisch zwingt er Amelia, per Los den Mörder zu bestimmen - ihn selbst.

Noch während die Verschwörer planen, ruft Gustavs allgegenwärtiger Page Oskar zum Maskenball, und Ankarström erkennt sofort die einzigartige Gelegenheit. Gustav und Amelia suchen sich in der Menge der gesichtslosen Maske und Gustav verabschiedet sich in einer letzten großen Szene mit einem mehrfach wiederholten, entsagenden "Addio" von ihr. Zu spät, hinter ihm lauert schon Ankarström und erdolcht ihn. Sterbend erkennt Gustav die Maskerade seines eigenen Lebens und besingt es in einer letzten, versiegenden Arie.

Der Maskenball beschränkt sich nicht auf die letzte Szene der Oper, sondern steht als Metapher für das Leben der Protagonisten. Nahezu jeder trägt eine Maske, bewußt oder unbewußt. Gustav spielt den Lebemann und versteckt dahinter die Angst vor Macht und Verantwortung, Ankarström trägt die Maske des bedingungslos loyalen Gefolgsmanns, die jedoch in dem Moment fällt, in dem seine persönliche Eitelkeit - denn mehr ist es nicht - verletzt wird. Die Verschwörer führen naturgemäß ein maskiertes Leben und zeigen sich erst zum Erfolg verheißenden Attentat. Amelia maskiert sich als treue und liebende Ehefrau, obwohl sie Gustav weit mehr als ihren eher langweiligen Mann liebt. Erst unter den Liebesschwüren Gustavs fällt ihre Maske, die sie jedoch nur aus anerzogenem Rollendenken und nicht aus Kalkül trägt. Die einzige authentische Person ist Ulrika, die Wahrsagerin, die ihren Beruf im wahrsten Sinne des Wortes ausübt. Sie sagt nichts als die ummaskierte Wahrheit, doch niemand als das einfache Volk glaubt ihr. Durch ihre dramaturgisch zentrale Position beherrscht sie die gesamte Handlung und kann durchaus als Metapher für das unabänderliche Schicksal genommen werden. Der Page Oskar spielt eine nur scheinbar nebensächliche Rolle. Bei genauerem Hinsehen tritt er jedesmal als Katalysator des Geschehens auf, auch wenn es nur in Form eines Hinweises ist, sei es, daß er den König animiert, zur Wahrsagerin zu gehen, sei es, dass er zum finalen Maskenball ruft. Wie der Narr in Shakespeares Dramen springt er scheinbar absichtslos um die Protagonisten herum, löst jedoch immer wieder den nächsten Handlungsstrang aus und lenkt mit seiner Partnerin Ulrika unbewußt(?) das Geschehen.

Obwohl Liebe, Eifersucht und Tod im Vordergrund der Handlung stehen, weitab jeder politischen Aussage, spielt doch hintergründig diese Ebene mit hinein. Die Verschwörer treten nicht als tumbe Bösewichter auf, sondern als eine drohende, subversive Macht, die die herrschende Ordnung bedroht und der nicht Einhalt zu bieten ist. Wie eine Epedemie breiten sich die Verschwörer immer wieder über die Bühne aus, mal lautlos, mal aggressiv. Auch die Leichtlebigkeit Gustavs als König und die Lynchmentalität des vermeintlich betrogenen Ehemanns weisen auf eine dekadente und aus den Fugen geratene Moral der herrschenden Schicht hin. Drastischer konnte Verdi zu seiner Zeit den politischen Bezug nicht herstellen, zwang ihn doch schon bei der Premiere die Zensur, aus dem schwedischen König einen amerikanischen Baron zu machen - weit weg von Europa.

Die Bregenzer Inszenierung zeichnet diese Doppelbödigkeit deutlich nach und beschränkt sich nicht auf eine opulente Darstellung des emotionellen Dramas. Die Personen bleiben immer auch Vertreter ihrer Gesellschaft und ihrer Zeit, und auch die vermeintlichen Randfiguren werden noch deutlich als handelnde Menschen konturiert.

Das Trio Gustav (Stephen O´Mara), Ankarström (Pavlo Hunka) und Amelia (Elizabeth Whitehouse) überzeugte sowohl stimmlich und schauspielerisch, wobei Elizabeth Whitehouse vor allem in ihrer großen Soloszene beeindruckte. Ildiko Szönyi gab eine sehr stimmkräftige Ulrika, der man die unheimliche Wahrsagerin durchaus abnahm, und Elena de la Merced sprang und tanzte als Page Oskar in eher doppelbödiger Lustigkeit temperamentvoll über die Bühne.

Der Bregenzer Festspielchor und der Kammerchor Moskau füllten die weite Bühne mal als Volk, mal als Matrosen und zum Schluß beklemmend als stereotype Ballgesellschaft, die Herren mit identischen übergroßen Köpfen und die Damen in archaisch-steifen Kostümen. Wie ein Uhrwerk, konformistisch und mechanisch, bewegten sich die Tanzpaare zu der sich anbahnenden Katastrophe, um anschließend fassungslos auseinanderzufallen. Auch ihnen hatte der Mord die Masken vom Gesicht gerissen.

Durch den Chor gelang es den Regisseuren, die weite, offene Bühne zu füllen, was nur mit den handelnden Personen schwer gewesen wäre. Intime Duette lassen sich auf einer geschlossenen Opernbühne effektvoll inszenieren, im weiten Rund der Seebühne mit dem gesamten Bodensee als Hintergrund verlieren sich Stimmen und Bewegungen leicht. Insofern hatte es "Porgy and Bess" mit der großen Zahl handelnder Personen leichter. Auch bezüglich der Musik muß man sich in Bregenz umstellen: das Orchester unter der Leitung von Marcello Viotti spielt nicht im offenen Orchestergraben, sondern im angeschlossenen Raum unter der Bühne. Die Musik kommt über Lautsprecher ins Publikum.

Dennoch darf man den Versuch, den "Maskenball" auf die Seebühne zu bringen, als gelungen bezeichnen, und wenn das Wetter weiterhin so mitspielt wie am 24. Juli, dürfte der Erfolg sicher sein.