Guiseppe Verdi: "Othello"

Hohe Gefühle in Musik gegossen und konsequent inszeniert
Mit einem Donnerschlag setzt das Orchester ein, der Vorhang wird geradezu aufgerissen, und dem Publikum präsentiert sich - statt der sonst üblichen einstimmenden Opern-Overtüre - das Volk von Zypern in einer stürmischen, von Blitzen durchzuckten Nacht. Ein stimmstarker Chor erfleht die glückliche Rückkehr der siegreichen, jedoch vom Sturm schwer gebeutelten Flotte und bejubelt schließlich deren Befehlshaber Othello, als er endlich den Fuß sicher an Land setzt. So dramatisch beginnt die Inszenierung von Verdis "Othello" in Darmstadt, und dieses Tempo hält sie bis zum tragischen Schluß durch. Regisseur Meyer-Oertel hatte sich zu diesem Premierentermin - der erste Weihnachtsfeiertag - für eine vom Werk ausgehende Inszenierung entschieden. Liebe, Eifersucht, Treue und Verrat stehen im Mittelpunkt der Aufführung, Versuche einer aktuell-politischen oder sozial-psychologischen Aktualisierung wird man hier vergeblich suchen. Die großen Gefühle werden in Reinkultur dargestellt und ausgespielt. Eine Hommage an Verdi, ohne Zugeständnisse an den intellektuellen Zeitgeist.

Was geschieht? Othello, der farbige Flottenchef, liebt seine -weiße- Frau Desdemona, fühlt sich - als "Mohr"- in der Gesellschaft jedoch ausgeschlossen und nur dank seiner militärischen Erfolge angerkannt. Dieser Minderwertigkeitskomplex macht ihn empfänglich für den intriganten Neider Jago, der erst Cassio, Othellos "rechte Hand", durch einen inszenierten Streit bei diesem in Ungnade fallen läßt und ihm postwendend empfiehlt, bei Desdemona um seine Rehabilitierung zu bitten. Das Treffen der beiden hinterbringt er Othello mit eindeutiger Färbung. Als weiteren Beweis bemächtigt er sich eines Tuches Desdemonas und schiebt es Cassio unter, nur um es später als seinen eigenen Fund Othello zu präsentieren. Das Gift wirkt, Othello verfällt rasender Eifersucht und erwürgt schließlich Desdemona. Als die Intrige unmittelbar danach aufgedeckt wird, ersticht er sich selbst. Jago jedoch, der eigentliche Übeltäter, entkommt.

Verdis Oper konzentriert sich auf das Dreigestirn Othello, Desdemona und Jago und charakterisiert alle drei in ausgedehnten Auftritten. Diese Schwerpunktverlagerung auf einzelne Protagonisten wird durch den kopfstarken Chor kompensiert, der als Volksmenge sowohl den Hintergrund für die Handlung gibt als auch dramaturgisch das psychologische Kammerspiel der drei Hauptfiguren auflockert.

Regisseur Meyer-Oertel hat den Solo-Auftritten und Duetten der Hauptdarsteller großes Gewicht zugemessen. Besonders beeindruckend gelang das Liebesduett Othello-Desdemona im ersten Akt, das die Einzigartigkeit und Tiefe der Liebe zwischen den beiden glaubwürdig und ohne jede Spur falscher Sentimentalität widergab. Hier hatten Sergej Naida (Othello) und Anne Mary Kruger(Desdemona) ihren ersten großen Auftritt. Das Gegenstück dazu bildete das Solo von Jago, der sich in einem zynischen Monolog selbst als machtbesessenen Intriganten charakterisiert. Anton Keremidtchiev präsentierte die Mischung aus falscher Freundlichkeit und Hinterhältigkeit ohne grobschlächtige Bosheit und plakativen Zynismus. In den späteren großen Auftritten überzeugte vor allem Anne Mary Kruger mit ihren lyrischen Fähigkeiten. So beim Gebet im Schlafzimmer oder in der anschließenden Mordszene. Geradezu bezwingend wirkte ihre musikalische Zwiesprache an der Rampe mit dem Dirigenten Marc Albrecht am Pult. Solistin, Dirigent und Orchester verwuchsen geradezu zu einer musikalischen "Performance". Anton Keremidtchiev überzeugte sängerisch durch sein Stimmvolumen. Die Eifersucht, Unsicherheit und Verzweiflung Othellos setzte er in viel Gestik und abrupten Bewegungen um und legte damit die den labilen seelischen Zustand dieses Außenseiters offen dar.

Erfreulich und erstaunlich, daß die Aufführung keine Spur falschen Pathos´ oder aufgesetzter Sentimentalität aufwies. Dies ist einerseits auf die hohen schauspielerischen Fähigkeiten der Protagonisten zurückzuführen, andererseits auf das Tempo und die Dichte der Inszenierung, die keine falschen Töne aufkommen ließen. Bis zum Schluß herrschte höchste Konzentration auf der Bühne und im Orchestergraben. Auch die Musik Verdis kommt dieser Inszenierung sehr entgegen, verzichtet sie doch weitgehend auf "Ohrwürmer" und eingängige Motive, ja sie wirkt in vielen Passagen geradezu modern und verweist fast schon auf das nächste Jahrhundert. Marc Albrecht hatte das Orchester hervorragend auf dieses Werk eingestellt. Klar und präzise, nie nur laut und dennoch in den wichtigen Momenten mit vollem Einsatz, in den lyrischen Momenten geradezu zart, deckten die Musiker die gesamte Bandbreite ab und ko-interpretierten auf ihre Weise die Handlung auf der Bühne.

Das Bühnenbild von Harald B. Thor bestand aus einem großen Rundbau, Mischung aus Kolosseum und Parkhaus. Viele Szenen spielten in diesem Gemäuer und nutzten dabei geschickt die fensterartigen Durchbrüche. Das drehbare Gebäude, das mal die abweisende Außenseite, mal die nicht wesentlich wohnlichere Innenseite präsentierte, zeigte sich im Beton-Look und war damit der einzige äußere Fingerzeig auf die Zeitlosigkeit der menschlichen Tragödie, die sich hier abspielt. In seiner kalten Distanz ließ sich dies Bühnenbild auch als eine Metapher auf die Gleichgültigkeit des Schicksals interpretieren, das über alle menschlichen Tragödien hinwegschreitet.

Die Kostüme von Heidrun Schmelzer harmonierten in ihren gedeckten Farben und dem ebenfalls und angedeutet historischen Stil mit der kalt-düsteren Kulisse, nur Othello und Desdemona stachen mit ihren auffälligeren Kostümen hervor.

Der begeisterte Beifall nach den letzten Worten Othellos galt Sängern, Orchester und Dirigentem gleichermaßen. Bravo-Rufe brandeten als Breitseiten auf die Bühne, so begeistert hatte man das Darmstädter Publikum lange nicht mehr erlebt. Vielleicht spielte dabei auch die Weihnachtsfreude mit.

Die nächste Aufführung findet am 30. Dezember 1998 statt, weitere folgen im Januar.