"Da kennt ja jeda kimma!"

Bayerischen "Nestbeschmutzers" Gerhard Polt in Darmstadt
Drei "bayerische Buam" im volksnahen "Outfit" und ein grantiger Mann mittleren Alters mit zu enger Trachtenjacke schlurfen auf die Bühne. Die drei Begleiter von Gerhard Polt - er ist der Grantler - greifen zu Trompete, Tuba und Gitarre und fangen an bayerische Volksmusik zu spielen. So scheint es, doch die Texte wollen so gar nicht zum bayerischen Volksgut passen. Respektlos werden die alten Volksweisen umgewidmet auf aktuelle politische und gesellschaftliche Zustände. Nach dem musikalischen Auftakt begrüßt der "Bürgermeister" Polt die anwesenden Kurgäste seines fiktiven Kurstädtchens Bad Hausen und erklärt in gestanzter Weitschweifigkeit die Geschichte und die nicht besonderen Besonderheiten des Kurortes. Polt bleibt seiner Linie treu, die - meist bayerische - Realität so realitätsgetreu nachzuspielen, daß die naiveren seiner Landsleute überhaupt nicht den Witz erfassen würden. Engstirnigkeit, Stammtischgehabe und Geschwätzigkeit gehen Hand in Hand mit Gemütlichkeit und plötzlich aufbrechender Aggression.

Da der Bürgermeister nebenbei auch noch Gastronom ist, äußert er sich nebenbei auch noch über die günstige - wenn auch halblegale - Beschäftigung von "Bangladeschi" als billige weil lebendige Spülmaschinen und begeistert sich über die "zentrale Massenfritteuse". Weiter geht es zum bierernsten Interview mit dem Sprecher der Scherzartikel-Industrie, der offensichtlich das Wort "Scherz" anders buchstabiert als der durchschnittliche Zeitgenosse und den Scherzartikel als einen bitterernste Wirtschaftsfaktor betrachtet.

Die Musiker dienen bei Polt nicht nur der Auflockerung, sondern sind selbst ausgemachte Kabarettisten. Der Trompete spielt den tumben Bauernlümmel so überzeugend, daß man ihm gar nicht sein hervorragendes Trompetenspiel abnehmen will. Wenn er dann mal zu Wort kommt, findet er kein Ende und verhaspelt sich in endlosen Litaneien über Kanalisation oder Musikstücke. Mit hintergründigem Witz spielen sie die etwas zurückgebliebenen oder geschwätzigen Dorfmusikanten, und durch den Kontrast zwischen schlichtem Gemüt und bissigen Texten entfalten letztere ihre Wirkung umso mehr.

Das Quartett hatte sich sehr gut auf den Darmstädter Auftritt vorbereitet und alle lokalen Possen in das Programm eingearbeitet, sei es die "unendliche Geschichte" der Straßenbahn nach Kranichstein, das Verhältnis zu den Roßdörfern oder die Wahlschlacht zwischen Benz und Gehrke...Zwischendurch wies man Darmstadt mit dem "Datterich" auch den kulturellen Ort zwischen Mailand und New York zu.

Nach der Pause lief Polt als ein bayerisches Abbild von Peter Graf in einer jetset-gefärbten Tennis-Tirade und als vergangenheitsverklärender und fremdenfeindlicher Kriegsveteran noch einmal zu großer Form auf. Seine Musiktruppe bot dazu neben einem wahrhaft rasanten Schuhplattler musikalische Kunststücke auf verschiedensten Instrumenten wie Trompete, Drehleier und Harfe und sekundierte Polt bei seinem nur scheinbar improvisierten Redeschwall.

Als Zugabe bot die Truppe dem Publikum neben einem Alphorn-Trio noch eine Tanzeinlage von Gerhard Polt(!) und eine musikalische Madrigalen-Farce.

Wer deftiges Kabarett mit bissigen Seitenhieben auf die deutsche und speziell bayerische Mentalität liebt, lag bei dieser Veranstaltung richtig. offensichtlich hat Gerhard Polt auch in Hessen viele Fans, denn das Große Haus war restlos ausverkauft an diesem Abend. Schade nur, daß dies eine einmalige Veranstaltung in Darmstadt war!