| Tanz um Angst und Gewalt |
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Premiere von Scream Factory des Tanz/Theaters in Darmstadt |
Der Film "Scream" stellt einen Höhepunkt für Gewalt- und Horror-"Cinéasten" dar und ist mittlerweile fast zu einem Kultfilm geworden. Birgitta Trommler, die Leiterin des Darmstädter Tanz/Theaters, hat diesen Film und die hinter ihm stehende Welt als Hintergrund ihrer neuen Inszenierung "Scream Factory" gewählt. So wie man von Hollywood gern als "Dream Factory" bezeichnet, skizziert Birgitta ironisch-satirisch eine "Scream Factory", in der Angst, Schrecken und Gewalt als selbständige Phänomene ohne jegliche gesellschaftliche Rechtfertigung vorgestellt werden.
Auf der leeren Bühne stehen zu Beginn ein paar alte Fässer als einzige Requisiten. Blaues Licht fällt in Streifen von rechts und links zwischen hohen Stellwänden ein. Fünf Tänzerinnen beginnen obsessive, scheinbar sinnlose Figuren zu tanzen. Mal springen sie wie mit einem imaginären Hüpfseil, dann wieder rutschen sie auf einer Zeitung über die Bühne oder zelebrieren eindrucksvolle Sterbeszenen. Jede tanzt für sich allein, Einsamkeit und Angst drücken sich in ihren Bewegungen aus. Schließlich schält sich eine einzelne Frau(Christina Czetto) heraus und beginnt mit einer männlichen Stimme aus dem "Off" zu reden, die sie wie ein obszöner Anrufer mit indiskreten Fragen in Deutsch und Englisch bedrängt. Es entwickelt sich jedoch keine zielgerichtete Handlung, alles verharrt in einem scheinbar statischen Dialog über die Einsamkeit und die Angst.
Vom Bühnenhimmel schaut aus drei Monitoren ein übergroßes Menschenauge mal vor Angst geweitet, mal blutunterlaufen mit Mörderblick um sich. Dabei scheinen die Augenbewegungen der Handlung auf der Bühne zu folgen. In der Folge werden alle Arten der Gewalt zwischen Menschen von fünf Paaren tanzend interpretiert. Von der "simplen", alltäglichen Gewalt zwischen Mann und Frau bis hin zu subtilen und perversen Spielen mit und um die Gewalt werden alle Varianten vorgestellt. Von der erotisch-sexuellen Annäherung mit dem plötzlichem Umschlagen ins Schlagen über subtile psychische Gewalt bis hin zum Verkleben der Gesichter mit Plastik bis kurz vor dem Erstickungstod kommt alles vor. Besonders eindrucksvoll ist der Tanz mit den Messern, bei dem ein Paar die gegenseitige Annäherung mit dem Einsatz von Messern verbindet. Die Bedrohung mit den Messern steigert sich stetig und unaufhaltsam, der anfangs nur spielerische Einsatz der Messer verwandelt sich zunehmend in ein mörderisch-pervertiertes Spiel mit dem scharfen Metall. Spaß wird zum Schrecken, und dennoch nocht ohne eine gewisse Lust an der Angst.
Wie im Fernsehen vor dem Werbeblock verabschieden sich die Frauen aus der gewalttätigen Zweisamkeit mit dem Ausruf "I will be right back!", nur um anschließend in einem großen Video-Clip auf der Rückseite in ihrem persönlichen Albtraum wieder aufzutreten. Ein einsamer Gang durch eine nächtliche, heruntergekommene Stadt oder eine einsame Tiefgarage, die Klaustrophobie in einem Fahrstuhl, dessen Wände sich aufeinander zubewegen, der enge Irrweg durch dicht an dicht aufgehängte Rinderhälften in einem Schlachthaus - typische Albtraumsituationen, die alle in der Konfrontation mit dem befürchteten Schrecken und in einem letzten Schrei - "Scream" - enden.
Während die Frauen in diesen Gewaltszenen immer die Rolle der Opfer einnehmen, treten die Männer in einer getanzten Revue militärisch-aggressiv auf. Mit angedeutetem rhythmischen Steppen wirken sie wie eine Truppe von Kämpfern, die schließlich in einem kollektiven Wahn mit imaginären Maschinenpistolen um sich schießen. Wenn alle Frauen tot auf der Bühne liegen, jammern die Männer in stereotypen Wortfetzen um die Dahingegangenen, ihre eigenen Agressivität und Schuld vergessend. Die Frauen erheben sich noch einmal und tanzen einen letzten einsamen Tanz hinter den Männern, dann endet die Szene in Dunkelheit. Birgitta Trommler ist mit der "Scream Factory" eine dichte und eindrucksvolle Inszenierung gelungen. Trotz einiger Längen - so in dem "Monolog" der Frau zu Beginn und bei den jammernden Männern - bilden die einzelnen Szenen eine konsistente und nachvollziehbare Szenerie um Angst und die Lust an dieser Angst. Die Ambivalenz aller Gewalt, wie sie sich im Phänomen des Sado-Masochismus zeigt, wirkt in den getanzten Bildern erschreckend deutlich. Auch dieVerzahnung zwischen den Szenen und den Videoclips gelang eindrucksvoll. Die Clips wirkten nie wie zeitgeistige Zugaben, sondern als integrierte Höhepunkte des Geschehens.
Besondere Erwähnung verdient die körperliche Leistung der Akteure (Frauen: Rachel Blum, Berit Jentzsch, Amelia Poveda, Christina Czetto, Eun Mi Kuk, Dörte Stöß; Männer: Guido Markowitz, Tsutomu Ozekl, Adrian Torres, Mauricio M. Motta, Richard Taylor) in den teils akrobatischen "Kampfszenen", die einem Zirkus Ehre gemacht hätten. Sprünge, Überschläge und spektakuläre Stürze gehören genauso zu diesem Programm wie eine rasante Rolltour in einer Tonne über die ganze Bühne. Am Schluß wundert man sich, daß niemand Blessuren davongetragen hat.
Zu erwähnen bliebe noch die Musik, die zeitweise wie aus verschiedenen Horrorfilmen entnommen klang. Das Grundmuster bildet ein dumpfer Rhythmus, der wie angstvoller Herzschlag klingt. Dazu kommen spannungsgeladene Musik-Collagen, die das Gespenstische der verschiedenen Gewaltsituationen akustisch hinterlegen. Wie im Film beschränkt sich diese Musik auf einfache, wiederkehrende Muster mit eindringlicher Wirkung. Leider honorierte das Publiukum die tänzerische und darstellerische Leistung nur mit höflichem Beifall. Nur einige jüngere Leute in den hinteren Reihen zeigten ihre Begeisterung lautstark, dem Rest des Premierenpublikums erschien diese Inszenierung wohl doch zu "schräg". |