| "Shakespeares gesammelte Werke" in zwei Stunden |
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Slapstick-Fassung aller Werke in "leicht gekürzter" Fassung |
Im Zeitalter der Informationsflut und der komprimierten Wissensvermittlung hat es sich als äußerst unrationell erwiesen, die ausufernden und redundanten Werke der Weltliteratur, besonders die eines Vielschreibers wie Shakespeare, einzeln und in voller Länge zu rezipieren. Im Sinne eines "lean cultur managements" bot es sich daher geradezu an, das überbordende Material zu straffen und für eine schnelle Aufnahme neu aufzubereiten. Die Autoren Adam Long, Daniel Singer und Jess Winsfield haben sich dieser schwierigen Aufgabe gestellt und eine zweistündige Kurzfassung der gesammelten Werke von William Shakespeare erarbeitet. Das Staatstheater Wiesbaden hat das Stück inszeniert und präsentierte es als Austausch-Premiere in Darmstadt. Die allgemeine Rationalisierungswelle hatte jedoch nicht nur zu der bereits erwähnten Textstraffung, sondern auch zu einer Ausdünnung des Ensembles geführt, so daß die drei Schauspieler Bernd Rademacher, Vilmar Bieri und Markus Scheumann unter der Leitung von Kaspar v. Erffa die Last der Darstellung aller auftretenden Charaktere alleine tragen mußten.Auch das Programmheft kam mit Kurzfassungen aller Shakespeare-Stücke in einer Sparversion(siehe Abbildungen in Originalgröße).
Der Prolog vor dem Theater (geklaut vom "Faust") lieferte eine kurze Werkanalyse des berühmten Shakespeare-Forschers Johann Patrick Melchior (Vilmar Bieri), der in seinem Leben bereits zwei Bücher über Shakespeare gelesen hatte und feststellte, daß Shakespeare eigentlich ein Schweizer gewesen sei. Die moderne Sammelfassung begann mit einer äußerst reizvollen Aufführung von "Romeo und Julia", die vor allem von der kongenialen Interpretation der Julia durch einen männlichen Schauspieler geprägt war. Beeindruckend die Szene, in der Julia/Julius die Balkonszene durch Erklimmen einer wackligen Kulissen-Säule plastisch gestaltet und dabei hängenbleibt. Auch Mord- und Totschlag und vor allem der abschließende wechselseitige Gifttod mit viel Geschluchz und Tremolo rührte das Publikum im wahrsten Sinne des Wortes zu Tränen. Über Othello entspann sich unter den Darstellern eine Grundsatzdiskussion wegen des nicht vorhandenen Mohren, und so entschied man sich kurzerhand für einen "Othello-Rap" in schwarzem Outfit mit Adidas-Knopfhosen, T-Shirts und Pudelmütze zu Disko-Dampf und -Musik. Recht kurz und blutrünstig erschien "Titus Andronicus" als modernes Küchendrama um einen armamputierten Küchenchef, der Bösewichter zu Gratin verarbeitet. Vor der Pause werden noch schnell sämtliche - wirklich sehr ähnliche - Komödien in einem Sprechchorus in ein einziges Plot amalgamiert und anschließend die Königsdramen sehr eindrucksvoll als Fußballspiel mit Hinausstellungen und Fouls interpretiert. Als dann die Dreier-Truppe abschließend noch schnell "Hamlet" nachschieben will, schnappt sich einer der Schauspieler in einem Tobsuchtsanfall eine männliche Geisel aus dem Publikum, und der übriggebliebene Mime entläßt die Zuschauer ratlos in die Pause. Als der Flüchtige nach der Pause wieder eingefangen ist, kann Hamlet beginnen. Mitten in der Aufführung jedoch befällt die Truppe die Sinnkrise, und man beginnt die Psyche Hamlets und Ophelias freudianisch auszuleuchten. Zur besseren Darstellumng schnappt man sich einfach zwei Zuschauer und verdammt sie u.a. zum Ophelia-Urschrei. Zur Unterstützung wird das Publikum aktiviert, und - oh Wunder - dieses macht mit und schreit sich nach den Anweisungen der Schauspieler die Seele aus dem Hals. Die Szene gerät zum Klamauk! Danach stürzt alles schnell dem blutigen Ende entgegen, alle entleiben sich gegenseitig und häufen sich in einem dreileibigen Leichenhaufen übereinander. Das Ganze wird als Zugabe zweimal mit erhöhter Ablaufgeschwindigkeit und ein letztes Mal zur Erheiterung des Publikums noch rückwärts ausgespielt - der Rest ist Schweigen.... und dann heftiger Beifall.
Zwar gab es in dieser Aufführung viel Anlässe zum Gelächter, das Niveau rutschte jedoch oft in Kalauer und Klamauk ab. Sicher hätte man das Thema "Shakespeares gesammelte Werke in zwei Stunden" mit mehr lterarischem Esprit abhandeln können, wie andere Parodien auf Werke der Weltliteratur durchaus gezeigt haben. Leider hat sich das Autoren-Trio aufs Handfest-Burleske beschränkt, und Regie sowie Darsteller sind diesem Ansatz mit ganzem Herzen gefolgt.
Fazit: Ich habe gelacht, aber unter meinem Niveau... |