1. Sinfoniekonzert 98/99: Eine seltene Mischung

Schostakowitschs Cellokonzert und Beethovens "Fünfte" in einem Programm
Seltsame Programm-Zusammenstellungen findet man von Zeit zu Zeit in den Konzertprogrammen. Wer hätte gedacht, daß man so unterschiedliche "Zugpferde" wie das teilweise spröde und selten gespielte 2. Violoncellokonzert des Russen Schostakowitsch aus den 60er Jahren dieses Jahrhunderts ausgerechnet mit der in der Rezeption der Hörer leider bereits zum "Ohrwurm" verwursteten 5. Sinfonie von Ludwig van Beethoven zusammenspannen ("da-da-da-daaaaa") könnte? Nun, Generalmusikdirektor Marc Albrecht vom Hessischen Staatstheater in Darmstadt ging das Risiko ein und - "venit, vidit, vincit". Am 21./22. September präsentierte das Orchester unter seiner Leitung dieses Programm in einer eindrucksvollen Form, die vielen so schnell nicht aus der Erinnerung schwinden wird. Der Berliner Cellist Michael Sanderling (s. Bild) interpretierte Schostakowitschs 2. Violoncello-Konzert in g-moll mit einer ergreifenden Intensität, die selbst hartgesottene Gegner des 20. Jahrhunderts beeindrucken mußte. Bereits die einleitenden Striche des Largos zielten ins Innere des Instrument und der Musik. Bei aller Verinnerlichung kam jedoch nicht der Hauch vordergründiger Sentimentalität auf, das verhinderte schon die strenge Komposition. Nach diesen verinnerlichten aber hochkonzentrierten Passagen des Beginns wirkten die einsetzenden Bläser geradezu befreiend, langsam steigerte sich die Musik zu einem Crescendo, in das die Flöten klar und schneidend einfielen. Besonders reizvoll wirkte das akzentuierte Wechselspiel zwischen Cello und Pauke. Leider störte vor allem in den spannungsvollen vorgetragenen leisen Passagen der obligatorische Husten aus dem Publikum erheblich.

Der zweite Satz beginnt tänzerisch leicht. Besondere Klangeffekte bezieht das Werk aus der Kombination von Cello, Harfe, Xylophon und Hörnern, die das Thema in verschiedenen klanglichen und rhythmischen Variationen umspielen. Das Echo der beiden Hörner scheint aus der linken Wand zu kommen, so daß man dort anfangs irritiert die Quelle suchte. Der Solist bestach vor allem durch seine äußerst feinfühligen Intonationswechsel, so wenn er plötzlich aus einem tanzenden Thema in einen satten, tiefen Strich überwechselte, ohne daß ein Bruch zu erkennen war. Er kniete sich buchstäblich in sein Instrument hinein, umarmte, streichelte und liebkoste es - kurz, er schien eins mit seinem Cello.

Fast übergangslos kündigt sich der dritte Satz an, der sich vor allem durch die Virtuosität des Soloinstruments und durch schnelle Tempowechsel auszeichnet. Zum Schluß versiegt die Musik wie ein dünner Wasserfaden im Sand, wenn am Ende nur noch das Cello in leisesten Tönen schwingt, unterstützt von tropfenförmigen kleinen Pizzicato-Elementen des Schlagzeugs. Nach dem Verklingen der letzten kaum zu erahnenden Figuren des Cello benötigte das Publikum endlos scheinende Sekunden, ehe es sich aus dem Bann befreite und erst verhalten, dann frenetisch applaudierte. Der anhaltende Beifall motivierte den Solisten schließlich, noch die Sarabande e-moll von J.S. Bach als Zugabe zu spielen.

Nach der Pause präsentierten Marc Albrecht und das Orchester dann das Kontrastprogramm für den eher konservativen Konzertbesucher. Hier konnte man sich zurücklehnen und genießen, schließlich kannte man nahezu jeden Takt nach jahrzehntelanger Konzerterfahrung. Dabei erliegen die Orchester gern der Versuchung, Repertoirestücke dieses Bekanntheitsgrades eher routinemäßig abzuspulen, wobei oft Spontaneität und Genauigkeit leiden. Nicht so das Darmstädter Orchester an diesem Abend. Nach einigen überhastet klingenden synkopischen Überleitungen zwischen den wiederkehrenden Schlägen des Grundmotivs zu Beginn zeichnete sich das Ensemble in der Folge durch außerordentliche Schärfe und deutliche Kontraste aus. Das Tempo lag im ersten Satz etwas höher als normalerweise üblich, was der Aufführung jedoch zugute kam. Die Pianostellen waren so leise, daß man die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können, und dabei doch exakt bis in den letzten Ton. Bei den Fortissimo-Stellen wußte man, wozu Pauken und Blechbläser da sind, hier galt keine falsche Bescheidenheit. Durchgängig war jedoch die genaue Zeichnung der einzelnen Stimmen und Instrumentenlinien. Bei genauem Studium der Themen und Harmonien wird unvermittelt klar, daß diese Komposition wesentliche "moderner" ist als man sie üblicherweise einschätzt. "Die Fünfte" ist pure Klassik - weil bekannt! Nimmt man jedoch die insistierenden Wiederholungen einzelner Themen, die abrupten Wechsel und Einfälle unterschiedlicher Instrumentengruppen und die teilweise an die Grenzen üblicher Hörgewohnheiten gehenden Harmonien, so ist diese Komposition näher am 20. Jahrhundert und damit dem Programmvorgänger als man gemeinhin annehmen würde. Marc Albrecht eröffnete dem Publikum an diesem Abend die Möglichkeit, diesen "Ohrwurm" einmal anders als vom klassischen Wunschkonzert gewohnt zu rezipieren.

Besondere Erwähnung verdienten an diesem Abend die Bläser, vor allem die Flöten und die Klarinetten, die mit ihrem melodischen und doch gestochen scharfen Klang einen deutlichen Gegenpol zum mächtigen Streicherblock bildeten.

Bis zum nicht enden wollenden Schlußakkord-Trauma bewahrte das Orchester die hohe Spannung und die Klarheit der Interpretation. Dafür ernteten Dirigent und Ensemble lang anhaltenden, mit Bravo-Rufen durchsetzten Beifall des Hauses.

Fürwahr ein rauschender Start in die neue Konzertsaison!