3. Sinfoniekonzert im Staatstheater Darmstadt

Klangmächtige Musik mit strahlender Violine
Das 3. Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt stand unter einem besonderen Stern. Der Dirigent Peter Ruzicka präsentierte zu Beginn eine eigene Komposition, um anschließend Max Bruchs Violinkonzert Nr. 1 und zum Schluß Carl Nielsens 5. Symphonie zu dirigieren. Ruzickas "Fünf Bruchstücke für großes Orchester" stehen in der Tradition Mahlers. Laut dem Komponisten sind sie als ein "Konzentrat einer Symphonie" zu verstehen. Der fragmentarische Charakter soll die Illusion eines durchgestalteten Ganzen zerstören und auf den "weglosen" Charakter zeitgenössischer Musik verweisen. Nicht mehr kann Musik den Eindruck einer in sich geschlossenen und daher letztlich "heilen" Welt vortäuschen, sondern sie reißt Themen und damit Fragen an und auf, die sie nicht fortführt und nicht beantwortet. Das Bruchstück ist die Metapher für die Unvollständkeit künstlerischen Schaffens und verweigert die Fixierung auf eine "sinnvolle" Aussage.

Das erste Bruchstück schwingt sich aus leisesten Anfängen zu einer wahren Kakophonie aus Schlagzeug und Orchester hoch, um dann langsam und schließlich fast unhörbar zu verklingen. Das zweite Stück ist durch kurze, atemlose Passagen von Harfe und Xylophon geprägt. Die Streicher untermalen dies mit intensiven, fast schrillen Klängen, und die Pauken zerstören jeden Ansatz eines erkennbaren Motivs. Auch im dritten Stück dominiert wieder das Schlagzeug mit Pauken und einem großen Gong, die nach einer langsamen, fast largo-artigen Streicher-Eröffnung abrupt einsetzen. Das vierte Bruchstück lebt von "fernen Glockenklängen" der Celesta und von langgezogenen Holzbläser-Sequenzen, während im fünften Stück Streicher und Bläser - hier vor allem die Tuba - im "Forte"-Einsatz rhythmisch und thematisch gegen das Schlagzeug agieren. Der Beifall des Publikums kam höflich aber verhalten und zeigte, daß doch noch erhebliche Rezeptionsprobleme gegenüber dieser Art Musik bestehen.

Ganz anders dagegen die Reaktion auf Max Bruchs Violinkonzert und die junge Solistin Mirijam Contzen. Gleich die ersten Bogenstriche strotzten geradezu vor Selbstvertrauen und verströmten Musikalität und Temperament. Das "Paradestück" der romantischen Violin-Literatur besticht durch ausgeprägte Emotionalität mit weit ausholenden Themenbögen, die in ihrer Steigerung bisweilen an den Rand der Sentimentalität geraten, aber nicht darin versinken. Den Solisten bietet dieses Konzert viel Raum zur Selbstdarstellung, beschränkt sich das Orchester doch über weite Strecken auf eine zurückhaltende Begleitung. Nur selten tritt es in den Vordergrund und diktiert den Fluß der Musik. Die Solistin Mirijam Contzen brillierte in allen Passagen dieses eingängigen Konzerts, sowohl in den lyrischen des Adagios als auch in den technisch höchst anspruchsvollen des dritten Satzes. Nie glitt sie ins bloß Schöne ab, sondern gewann diesem hochromantischen Stück künstlerischen Ernst ab. Die technischen Anforderungen des letzten Satzes meisterte sie mit erstaunlicher Souveränität, ohne daß der Klang jemals darunter zu leiden hatte.

Das Publikum brach förmlich in Beifall aus, und die Bravo-Rufe mehrten sich von Auftritt zu Auftritt. Schließlich legte Mirijam Contzen als Zugabe noch ein Thema mit Variationen höchsten technischen Anspruchs nach, das sich würdig an die Leistung des Solo-Konzerts anschloß.

Die 5. Symphonie von Carl Nielsen stellt einige Anforderungen an die Aufnahmebereitschaft des Musikpublikums, fehlen ihr doch jegliche eingängige Motive und Wiedererkennungsmuster. Die nordische Mentalität äußert sich in breiten, fast ausufernden Themen und einer konsequenten Betonung des Klanglichen gegenüber der eingängigen Melodie. Auch wenn nicht als Programm-Musik konzipiert, kommt der erste Satz daher wie leicht bewegte, friedliche Meereswellen daher. Dem überlagert sich plötzlich Marschmusik, anfangs verhalten, dann mehr und mehr dominierend - Zitat des Ersten Weltkrieges? Dann wieder die reine Natur: wie Vogelstimmen gerieren sich Flöten und auch Streicher. Es klingt wie ein Spaziergang durch eine frühlingshafte Natur, der schließlich durch ein langes Solo der Klarinette beendet wird. Im dritten Satz herrscht Aufruhr. Auch hier drängt sich das Bild des Meeres auf mit Sturm und hochgehender See, Aufruhr der Elemente und Gefahr. Ebenso naheliegend ist jedoch das Bild des Krieges, der in diesem Satz sein Chaos und seine reine Destruktion zeigt. Zum Schluß flaut das Geschehen erschöpft ab und verhallt langsam, wie ein vom Krieg erschöpftes Volk. Merkwürdig bei dieser sich aufdrängenden Symbolik ist nur die Tatsache, daß ausgerechnet ein Komponist aus einem nicht am Krieg beteiligten Land ein solch eindrucksvolles Abbild der Katastrophe komponierte.

Der Schlußbeifall fiel eher verhalten und freundlich als begeistert aus. Nielsens Symphonie motivierte nicht zu impulsiven Beifallsbekundungen. Die Leistung von Dirigent und Orchester fanden jedoch die berechtigte Anerkennung.