| 4. Sinfoniekonzert im Staatstheater Darmstadt |
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Beethoven mit seidenweichem Anschlag |
Am 17./18. Januar 1999 fand im Staatstheater Darmstadt das 4. Sinfoniekonzert statt. Anstelle des "Hausdirigenten" Marc Albrecht hatte diesmal der slovenische Dirigent Marko Letonya den Taktstock übernommen. Auf dem Programm standen Beethovens 4. Klavierkonzert in G-Dur mit dem chilenischen Solisten Alfredo Perl und Prokofieffs Balletmusik "Romeo und Julia".
Beethovens Klavierkonzert zählt natürlich zu DEM klassischen Repertoire und unterliegt dabei immer der Gefahr, in einer sakrosankten Aufführungstradition zu erstarren. Dazu führt einerseits oftmals die Ehrfurcht der Solisten und Dirigenten, andererseits die hohe Erwartungshaltung eines Publikums, das besonders bei den Paradewerken der klassischen Musikliteratur auf gewagte Interpretationen ungnädig zu reagieren pflegt.
Alfredo Perl überraschte die Zuhörer schon mit den ersten Solotakten des Flügels: statt eines bestimmenden, energischen Auftaktes präsentierte er das einleitende Thema verhalten, fast versonnen. Das Orchester schloß sich dieser Tonlage an und begann nahezu in kammermusikalischem Stil. Erst langsam entwickelte sich der für dieses Werk charakteristische Dialog-Charakter zwischen Klavier und Orchester in aller Deutlichkeit. Mit der bewußt zurückgenommenrn Intensität wirkte der erste Satz wie eine langsame Hinleitung auf eine Auseinandersetzung zwichen den beiden Antipoden. Diese folgte denn auch im zweiten Satz, den man in einer solchen Intensität wohl selten gehört hat. Alfredo Perl präsentierte die Klaviereinsätze mit extrem zurückgenommenem Tempo und einem sehr weichen, fast zärtlichen Anschlag. Das Orchester setzte dagegen mit strengen, abweisenden Antworten. Alfredo Perl setzte dabei das Stilmittel der Pause sehr wirkungsvoll ein, indem er die Antwort des Klaviers immer wieder verzögerte und erst spät, fast flehend einsetzte. Die Interpretation erreichte gerade durch die extreme Dehnung eine hohe Spannung und Intensität, die den gesamten zweiten Satz hindurch anhielt und das Publikum in atemloser Stille hielt. Hier wurde der Satz bestätigt, der da besagt, daß Konzertbesucher nur dann dem Hustenreiz verfallen, wenn die Musik sie nicht fasziniert. In diesem zweiten Satz hörte man keinen einzigen Huster. Alfredo Perl selber sah man die hohe Konzentration bei aller Beherrschung am geröteten Gesicht und der gespannten - jedoch nicht verkrampften - Körperhaltung an. Erst mit dem Verklingen der letzten leisen Anschläge dieses Satzes entspannte er sich.
Der dritte Satz wirkte wie eine erleichterte gemeinsame Feier von Klavier und Orchester nach harter Auseinandersetzung und Versöhnung. Geradezu heiter spielten Orchester und Klavier miteinander, und die glasklaren Läufe zeugten von der hohen technischen Virtuosität des Interpreten. Nach dem fulminanten Schlußakkord benötigte das Publikum einige Sekunden, ehe der Applaus einsetzte. Nur langsam lösten sich die Zuhörer von der Wirkung der Musik, und der Applaus erreichte seinen Höhepunkt mit wiederholten Bravo-Rufen nach der Zugabe, den "Irrlichtern" von Franz Liszt.
Im zweiten Teil präsentierte das Orchester die Balletmusik zu "Romeo und Julia" von Sergej Prokofieff. Diese teilweise sehr burleske Komposition verhehlt nie den Zweck, Ballet zu intonieren, d.h. den Tanz musikalisch nicht nur zu begleiten sondern zu interpretieren und zu verstärken. Zu gern hätte man zu dieser Musik die entsprechende Ballettaufführung gesehen, so deutlich beschrieb die Musik das Geschehen und die Charaktere. Gleich zu Beginn charakterisiert Prokofieff die Montaguets und die Capulets mit zwei ganz unterschiedlichen Themen, später erscheint "Julia als Kind" verspielt und lustig. Die "Masken" wirken mal skurril, mal drohend, und der "Tod Tybalts"wird in heftige Schläge umgesetzt. Zum Schluß betrauert "Rome am Grabe Julias" seine Geliebte und findet am Ende selbst den Tod. Das letzte Thema zerfließt in in Stille und Abschied. Bestechend an dieser Aufführung war die Präzision vor allem der Bläser, bei denen die Hauptlast lag. Posaunen, Hörner, Klarinetten und Oboen, um nur einige zu nennen, waren jederzeit als einzelne Stimmen deutlich zu verfolgen und glänzten durch Präsenz und Klarheit. Zu Beginn setzten sich außerdem die Pauken mit geradezu durchschlagender Wirkung in Szene. Nach der emotionalen Intensität des Beethoven-Konzerts tat diese eher extrovertierte Musik dem seelischen Gleichgewicht der Konzertbesucher gut. Deren Dank war dem Orchester gewiß, und man feierte Dirigent und Orchester für den gelungenen Abend mit langanhaltendem Beifall. Orchester und Dirigent schanzten sich den Applaus jeweils gegenseitig zu, bis schließlich Dirigent Marko Letonya den ersten Geiger als Vertreter des Orchester wie einen Solisten mit von der Bühne nahm. Leider verklang gerade in diesem Augenblick der letzte Beifall, so daß die beiden nicht mehr zurückkehren konnten. Aber das werden sie wohl verschmerzt haben. |