| Traumdeutung durch Tanz |
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Mendelssohns "Sommernachtstraum" vom Wiesbadener Ballett |
Im Austausch mit dem Darmstädter Staatstheater präsentiert das Wiesbadener Ballett von Zeit zu Zeit neue Inszenierungen. Nach der Giselle im letzten Jahr fand im Januar die Premiere von Mendelssohns "Sommernachtstraum" frei nach Shakespeare statt.
Ballettmeister Heinz Spoerli, im Hauptberuf Direktor des Zürcher Balletts, hatte für seine Choreographie neben Mendelssohns einschlägig bekannter Ballettmusik zum "Sommernachtstraum" zusätzlich Kompositionen zweier zeitgenössischer Komponisten hinzugezogen. Steve Reichs "Drumming"(1971) und "The Four Sections" sowie das Violinkonzert von Philip Glass(1987) bilden Rahmen und Interpunktionen für Mendelssohns neun Musiken zum "Sommernachtstraum".
Steve Reichs "Drumming" besteht aus einer intensiven Kette wiederkehrender kurzer Motive, die sich nur durch leichte Klangfärbungen unterscheiden. Zu diesem seltsam abstrakten und doch fesselnden Klangstrom entwickelt sich die Truppe der Tänzer, erst als Schattenrisse hinter einer hohen, durchscheinenden Wand, dann einzeln und als Gruppe auf der Bühne. Wie bei einer Ouvertüre werden Themen der späteren Handlung tänzerisch angedeutet, erfolglose und erfolgreiche erotische Annäherungen skizziert. Die Kostüme lassen auf eine Ballettprobe schließen, und damit ergibt sich auch schon die Überleitung: mitten in die Ballettprobe platzen die Handwerker hinein, die derb und geradlinig gerade diesen Ort für ihre dilettantischen Theaterproben ausgesucht haben. In einem komödiantischen Zwischenspiel verteilen sie die Rollen und trollen sich wieder. Nur der großmäulige Zettel schläft ein und träumt seinen "Sommernachtstraum".
In diesem Traum treibt der Puck - mitreißend und athletisch getanzt von Goyo Montero - sein Unwesen. Er verwirrt das Liebesleben der Menschen und läßt die Männer den falschen Frauen nachjagen, Titania läßt er gar in Liebe zu dem in einen Esel verzauberten Zettel entbrennen. Erst als es Oberon, dem Gatten Titania, zu bunt wird, rückt er alles wieder zurecht. Die Handwerker bringen recht und schlecht ihre Aufführung über die Bühne - als Parodie erntet diese Passage viel Gelächter bei den Zuschauern - und die "richtigen" Liebespaare finden sich wieder. Spoerli und dem Wiesbadener Ballett gelingt es, diese Geschichte glaubwürdig, liebenswert und gar nicht verstaubt auf die Bühne zu bringen. Die getanzten Liebeswirren der beiden Paare enthalten neben ausgeprägten tänzerischen Elementen viele humorvolle Varianten und lassen so auch das schauspielerische Element zu seinem Recht kommen. Großartig immer wieder Goyo Montero als wirbelnder, schmeichelnder und beherrschender Puck und vor allem die Frauen - Rosa Romero als Hermia und Daniela Severian als Helena - in ihrem verzweifelten Kampf um die erotisch verzauberten Männer Lysander (Vladimir Liakin) und Demetrius (James Anderton). Lars von Cauwenbergh gibt einen souveränen wenn auch jugendlichen Oberon und Sandy Delasalle überzeugt als selbstbewußte und verrückt verliebte Titania. Wilhelm Schlotterer meistert die Rolle des vereselten Zettel mit viel Humor und Selbstironie, so wenn ihn die Regie in einer Polonaise mit Titania und ihren Mädchen mit blödem Eselsgesicht über die Bühne tanzen läßt.
Die reinen Sprechszenen der Handwerker lockern den getanzten Handlungsfaden immer wieder auf und lassen so die einzelnen Ballett-"Nummern" konturierter hervortreten. Nach der holprig-rührenden Aufführung von "Pyramus und Thisbe" mit Doppeltod der beiden Protagonisten schließt sich der Vorhang jedoch nicht, sondern das Ballett tritt noch einmal mit einem getanzten "Traum" auf. In diesem Tanz zu dem Violinkonzert von Philip Glass beschwören die weißgekleideten Tänzer und Tänzerinnen den traumhaften Charakter des Stückes noch einmal herauf. Gleitende und schwebende Paar-Figuren, weiche Übergänge zwischen Einzelpaaren und dem gesamten Ensemble erzeugen eine dichte und entrückte Atmosphäre, die der hochromantischen Komposition der Mendelssohnschen Musik entspricht. Trotz dreier Jahrhunderte Unterschied wirkt die Musik von Glass angesichts der getanzten Interpretation durchaus nicht zeitgenössisch, sondern der bekannten Sommernachtsmusik sehr verwandt.
Das Orchester des Staatstheaters Darmstadt unter der Leitung von Oliver Stapel überzeugte durch exaktes und dabei dem Sujet angemessen sensiblen Spiel. Die doch nahezu als "Gassenhauer" bekannte Musik Mendelssohns wirkte nie süß-romantisch sondern jederzeit frisch und musikantenhaft. Balletfreunde, die diese Aufführung noch nicht gesehen haben, sollten sich die Chance nicht entgehen lassen. Die nächsten Vorstellungen in Darmstadt finden am 3., 6., 17. und 26. Februar statt. |