Spanisches Nationalballett in der Jahrhunderthalle

Stolz, Stakkato, Stierkampf und viel Temperament
Am 13. November gastierte das "Ballet Nacional de Espana" in der Jahrhunderthalle in Höchst. Schon bei der Anfahrt signalisierten die Autokolonnen, daß der Zuspruch zu diesem Programm außergewöhnlich groß sein würde, und die vollbesetzten Ränge bestätigten diese Vermutung. Das Programm begann mit dem bekannten Ballett "Der Dreispitz" von Manuel de Falla. Die Kostüme und das Bühnenbild hierzu wurden nach Entwürfen von Pablo Picasso angefertigt. Der unsymmetriche Rundbogen und die stilisierte Ortschaft in einer ebenfalls nur angedeuteten Hügellandschaft im Hintergrund zeigen deutlich seine Handschrift.

Bei dem "Dreispitz" handelt es sich wie meistens im Ballett um Liebe, Eifersucht und Rivalitäten. Der gichtige Bürgermeister hat sich in die schöne, junge Müllerin verguckt, deren Mann ebenfalls hin und wieder nach einer anderen schielt. Als seine Frau zum Schein auf die arthritischen Avancen des alten Bürgermeisters eingeht, verprügelt und verhöhnt der Müller den Rivalen und wird dafür von der Obrigkeit eingesperrt - natürlich, um den Weg für den Bürgermeister frei zu machen. Die Angebetete verschmäht diesen jedoch und macht ihn lächerlich. Am Ende wird der in den Mantel des Ehemanns Geschlüpfte von seiner eigenen Wache irrtümlich abgeführt, während der aus dem Polizeigewahrsam entflohene Ehemann in den Kleidern des Bürgermeisters sogar dessen Frau narrt. Am Ende siegt die wahre Liebe, und der schmierige Bürgermeister wird von der Dorfbevölkerung davongejagt.

Diese Geschichte wird handlungsgetreu nachgetanzt, fast ein wenig bieder und trotz der farbenprächtigen Kostüme ohne überraschende choreographische Einfälle. Technisch perfekt und durchaus ansprechend interpretieren die Tänzer die nicht gerade revolutionäre Handlung, und der Zuschauer erlebt bis hierher einen traditionell-unterhaltsamen Ballet-Abend. Manuel de Falla hat durchaus humoristische Elemente eingearbeitet, so Zitate von Beethovens "Fünfter" mit dem berühmten Anfangsmotiv oder Mozart nachempfundene Passagen. Auch das Stierkampf-Motiv wird immer wieder parodistisch-tänzerisch eingeflochten. Die Choreographie verbleibt jedoch der traditionellen Aufführungspraxis verhaftet, bei der die Handlung wiedererkennbar nachgetanzt wird und die solistisch-technische Leistung im Vordergrund steht. Mit zunehmender Dauer gewinnt die Aufführung jedoch an Tempo und Witz und versöhnt am Schluß auch den eher dem modernen Ballett geneigten Zuschauer.

Die Pause wirkte wie eine Zäsur, denn nun stand kompromißlos das tänzerische Element im Vordergrund. In "Luz de Alma" eröffnet ein ausdrucksstarker Frauengesang mit stark arabischen Anklängen eine so rasante wie exakte tänzerische Umsetzung unterschiedlicher Emotionen. Mehrere Gruppen schwarzgekleideter Tänzer variieren in verschiedenen Anordnungen die Ausdruckselemente des Flamenco. Entkleidet von jedem folkloristischen Element treten hier die Grundzüge dieses spanischen Nationaltanzes in den Vordergrund. Stolz, Kompromißlosigkeit, Leidenschaft werden allein durch tänzerische Ausdrucksmittel und ohne Zugeständnisse an den mitterweile etablierten touristischen Massengeschmack umgesetzt. Beeindruckend vor allem immer wieder die musikalische Wirkung der Fußarbeit, die mit ihrem Stakkato eine eigene akustische und rhythmische Komposition darstellt.

Nahezu übergangslos entsteht aus dieser "harten" und männlichen Choreographie das nächste Stück, "Mensaje". Vier Frauen in fließenden roten Kleidern zeigen nun die weibliche Seite des spanischen Musikempfindens. Weich und erotisch, dabei jedoch temperamentvoll und von einem weiblichen Stolz durchdrungen. Diese vier Frauen wirken wie ein Versprechen, daß nicht nur männlicher Stolz die Welt regiert sondern eine zweite Welt aus fließenden, harmonischen Bewegungen und Emotionen existiert.

Die Solo-Vorführung von "Zapateado"(Musik: Pablo Sarasate) durch Jesús Cordoba beeindruckte durch die technische Perfektion der Fußarbeit. Cordoba setzt seine Füße wie ein sensibles Musikintrument ein. Mal klingen sie herrisch fordernd, mal zurückhaltend-zögernd, dann wieder nahezu zärtlich, und das alles nur mit dem Geräusch der Spezialschuhe auf dem Parkett. Raumgreifend nutzte der Tänzer die gesamte Bühne und schlug das Publikum in seinen Bann. Die Musik trat gegenüber dem Klang der Füße mehr und mehr in den Hintergrund, der Tanz wirkte nicht mehr länger als Interpretation der Musik, sondern diese eher wie eine Hintergrundbegleitung zum Wirbel der Füße.

Den Abschluß bildete eine tänzerische Umsetzung von Ravels "Bolero". Hier stand naturgemäß die starke Musik mit ihrer steten Steigerung bis zum finalen Höhepunkt im Vordergrund, und die Tänzer - rot die Frauen, schwarz die Männer - setzten diese Musik in Bewegungen um. Im Hintergrund aufgestellte große Jugendstil-Spiegel dienten gleichermaßen als Kulisse und Aufrittsportale für die Akteure. Vor allem die beiden Solisten Maribel Gallardo und Francisco Velasco überzeugten durch eine geschlossene Interpretation von Ravels Musik und vereinten nahtlos Klang und Körper zu einem Gesamtkunstwerk, das schließlich in dem allegorischen Tod des Paares endet.

Das Publikum spendete der Tanz-Compagnie begeisterten Beifall und holte die Tänzer und Tänzerinnen ein ums andere mal an die Rampe, um ihnen den verdienten Applaus zu spenden. Für Freunde des Balletts hat sich auch eine längere Anfahrt zu diesem Ereignis gelohnt, und man darf hoffen, daß die Organisatoren der Jahrhunderthalle noch mehr solcher hochkarätigen Veranstaltungen anbieten werden.