| William Shakespeare:"Wie es Euch gefällt" |
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Shakespeare als Spagat zwischen Kalauer und Klassiker |
Natürlich muß man heute Shakespeare spielen. Nicht nur das konservative Repertoire-Publikum fordert es, sondern auch das Selbstverständnis des Theaters kann solche Klassiker nicht als verstaubte Literatur vergangener Zeiten links liegen lassen und sich auf zeitnahe Stücke beschränken. Wie spielt man jedoch diese Stücke aus dem 16. Jahrhundert, die natürlich viel Zeitkolorit enthalten und gesellschaftliche Konventionen jenes fernen Jahrhunderts teils kritisieren teils verinnerlichen. Die großen Tragödien stellen dabei noch geringere Probleme, da sie zeitlose Themen wie gemeißelt präsentieren. Die Komödien jedoch kommen mit viel Verwechslungskomik und Liebeständelei daher, die heute anachronistisch wirkt.
Die eigentliche Stärke der Shakespearschen Komödien liegt in ihrem sprachlichen Witz, der die Dinge vom Kopf auf die Füße oder auch von den Füßen auf den Kopf stellt. Die Handlung bietet nur den Rahmen, in dem diese Verwandlungen von Realität und Fiktion, von Gut und Böse, von Richtig und Falsch ablaufen. So ist auch die notgedrungene Verwandlung von Rosalind in einen Mann und die virtuelle Rückkehr in eine Frau eine Metapher für die Wandelbarkeit und Fragwürdigkeit der Welt. Der dunkle "Wald von Arden" fügt diesem Bild einen mythischen Farbton bei, steht doch der Wald seit jeher für Geheimnis, Verirrung und Zauberei.
Was geschieht? Herzog Frederick(Aart Veder) hat seinen Bruder (Till Sterzenbach) vom Thron und in den Wald von Arden verjagt, wo er sich mit seinen Getreuen versteckt hält. Die Töchter der verfeindeten Brüder, Celia(Iris Melamed) und Rosalind(Franziska Sörensen), sind unzertrennliche Freundinnen und beobachten den siegreichen Ringkampf des jungen Orlando (Christian Wirmer), Sohn eines hochangesehenen früheren Gefolgsmannes des verbannten Herzogs. Rosalind und Orlando verlieben sich ineinander ohne sich zu erklären. Bald danach flieht der vom Herzog und von seinem Bruder Oliver(Achim Barrenstein) verfolgte Orlando in den Wald von Arden, ebenso Rosalind als Tochter des verbannten Herzogs zusammen mit der treuen Celia. Aus Sicherheitsgründen verkleidet sich Rosalind als Mann und nennt sich Ganymed. Im Wald treffen sich alle wieder, Rosalind kann Orlando täuschen und bietet ihm an, ihn von seiner Liebe zu Rosalind zu heilen, wenn er nur heftig um ihn(sie) - Ganymed - werbe, als sei er(sie) Rosalind. Kurz, Ganymed-Rosalind gelingt es nicht, Orlando von der Liebe zu heilen, sie gibt sich am Schluß zu erkennen, der auf der Jagd nach seinem Bruder zum Guten bekehrte Oliver vereint sich mit Celia, und die in Liebe zu Ganymed entbrannte Schäferin Phebe(Veronika Nickl) heiratet enttäuscht den Schäfer Silvius (Richard Saringer). Herzog Frederick wird beim Versuch, den Wald von Arden mit einem Heer auszuheben, von einem Eremiten bekehrt, gibt den Thron an seinen Bruder zurück und zieht sich ins Kloster zurück. Am Ende erstrahlt diese beste aller möglichen Welten in einem kollektiven Happy-End. Die von einem Schäferspiel des 16. Jahrhunderts abgeleitete Komödie parodiert diese Kunstgattung und mit ihr gleich die ganze menschliche Gesellschaft in überspitzter Form. Der schöne Schein überdeckt eine mediokre Realität, Böses wird im Nu in Gutes verzaubert, Tyrannen werden zu Büßern, Löwen zu Schafen. Mit dieser von vornherein satirisch angelegten Aussage nimmt Shakespeare nicht nur die Mächtigen seiner Zeit aufs Korn, sondern auch die menschlichen Sehnsüchte, Triebe und Schwächen. Um Macht und Liebe dreht sich alles, und beide machen die Menschen(Männer) schwach und dumm. Regisseur Thomas Janßen hat sich einer neueren Übersetzung von Christiane Fenge bedient, um das Stück vom Staub der Jahrhunderte zu befreien und die satirische Aussagen paßgenauer zu gestalten. So bedienen sich vor allem Celia und der Narr Prüfstein einer sehr zeitgemäßen Sprache mit Alltags-Bonmots und "coolen Sprüchen". Dagegen hat die Übersetzerin die zentralen, liebe- oder machtgetränkten Auftritte von Orlando oder Herzog Frederick in einer eher archaischen Sprache belassen, die Atmosphäre des ursprünglichen Stückes bewahrend. Dieser Spagat zwischen alt und neu wird so selbst - ob bewußt oder unbewußt - zum Vexierbild wie das ganze Stück. Mal extrapoliert der Narr Prüfstein die mittelmäßigen, in die Baumrinden geschnitzten Liebesgedichte von Orlando an Rosalind durch ein Feuerwerk von Kalauer- Knittelversen heutigen Zuschnitts auf den Reim "Rosalind", dann wieder schwärmen Rosalind und Orlando abwechselnd in reinster Poesie über ihre Liebe. Im Zentrum der Satire steht der von Olaf Weißenberg hinreißend porträtierte Narr Prüfstein. Im roten Morgenrock und Schlafmütze schreitet er scheinbar unberührt von dem Aufruhr um ihn herum durch das Geschehen und kommentiert alles und jeden mit mal blöden mal brillanten Sprüchen, die vom bitterbösen Kalauer bis zum philosophisch tiefgründigen Apercu reichen. Herrlich, wenn er mit seinen gut 100 Kilo im Tanga unter dem Baum wie eine aufreizende Schöne mit neckisch angezogenem Knie sich aalt und gleichzeitig seine neue Flamme, das Mädchen Audrey(Leonore Endreß), belehrt und schurigelt. Schon allein seinetwegen lohnt sich der Besuch im Theater. Grotesk auch seine abgebrochene Hochzeit mit Audrey unter Aufsicht des schwachsinnigen Landpfarrers Wirrtext (Aart Veder in einer Doppelrolle), der erst die falschen Liturgien stammelt und dann mit "Gallia es omnis divisa in partes trest..." abgeht. Iris Melamed als Celia und Franziska Sörensen als Rosalind verstehen sich in ihrem zeitweise gemischten Doppel blind und beleben die Inszenierung eins ums andere Mal mit temporeichen, witzigen und überraschenden Einlagen. Lange Zeit spielt Celia die Amme der blind-verliebten Rosalind, ermuntert und bremst sie und tadelt sie auch schon mal als echte Feministin wegen ihrer frauenfeindlichen Worte gegenüber Orlando, als sie dessen Liebe zu Rosalind testen will. Im Augenblick der höchsten Not jedoch, als Oliver mit einem blutigen Kleidungsstück von Orlando vor den beiden steht, verliert sie sich selbst in Liebe zu Oliver. Alles das kommt mit dem Quentchen Übertreibung daher, das die Ironie ausmacht. Eine herausgehobene Rolle kommt dem Melancholiker Jacques zu, einem Höfling des verbannten Herzogs. Er geistert über die Bühne und kommentiert als echter misanthropischer Intellektueller alles, was ihm begegnet, ob es ihn etwas angeht oder nicht. Immer trifft er den Nagel auf den Kopf und nervt alle mit seinem sokratischen Gehabe, er selbst bleibt jedoch immer "außen vor" und entzieht sich zum Schluß auch dem großen Siegesfest. In ihm kann man durchaus den Autor sehen, der sich mit dieser Rolle selbst in das Stück hineingeschrieben hat. Wer Shakespeares Sinn für Humor kennt, wird diese Art von Selbstreferenz durchaus seiner würdig erachten. Überhaupt kommen die Männer wieder einmal schlechter weg als dier Frauen. Sei es Orlando, der zwar standhaft bleibt aber nicht gerade vor Esprit glänzt, sei es der Tyrann Frederick oder sein Verschnitt Oliver, sei es der Höfling Le Beau(Lutz Zeidler) oder der blöde Schäfer Silvius. Entweder sind sie arme Tropfe, Bösewichte oder eitle Opportunisten oder sie spielen eher eindimensionale, wenig spannungsvolle Rollen. Letzteres trifft vor allem auf den vertriebenen Herzog zu. Till Sterzenbach legt ihn als toleranten, gebildeten Intellektuellen mit Baskenmütze und Brille an, der sich nie provozieren läßt, das Unglück mit Anstand erträgt und allen wohl will. Lobenswert als Vorbild, eher unergiebig als Rolle. Als Kontrapunkt zu der komödiantisch-parodistischen Handlung untermalt der Counter-Tenor Peer Abilgaard als Gott Hymen Pausen und auch spracharme Passagen mit Vertonungen von Original-Versen aus Shakespeares Komödie. Als Maler im Kittel und mit Farbeimer verschönert er die Kulissen mit Bronzefarben in verinnerlichter Abkehr von dem Trubel um ihn herum und entrückt mit seinem Gesang das Publikum in andere Sphären und Zeiten. Am Schluß entblößt er sich dann zum Punk und dirigiert vom Bühnenrand die frohgemute Hochzeitsgesellschaft beim Festgesang. Bleibt noch das Ringen zwischen dem schmächtigen Christian Wirmer und dem Schwergewicht Frank Faßmann als Ringer zu nennen, das dank seiner Akrobatik und dem völlig unwahrscheinlich für Orlando-Wirmer siegreichen Ausgang viele Lacher und Szenenapplaus erntete. Offensichtlich hatten sich beide intensiv mit der Ringerei beschäftigt, denn das ganze sah recht professionell aus. Das Bühnenbild kochte auf Sparflamme. Imitierte Gobelins an den Wänden kennzeichnen Garten und Schloß, der Wald von Arden senkt sich in Form eines einzelnen großen Baumes auf die Bühne, von grüner Illuminierung der Kulisse unterstützt. Zweimal senkt sich zusätzlich ein Guckkasten-Rahmen herab, der vor allem in der Schlußszene die Kern-Worte "Das Leben ist nur eine Bühne" bildhaft werden läßt und natürlich Jacques mit bitterem Gesichtsausdruck "außen vor" läßt. Das war´s, aber für ein von der Sprache lebendes Stück reicht dieses Bühnenbild. Das Schäfer-Duo kommt mit einem alten Kühlschrank auf die Bühne marschiert, deponiert diese deplazierte Requisite auf der Bühne, und fortan schaut nahezu jeder Auftretende neugierig in den offensichtlich leeren Kühlschrank. --?? --. Mit dieser Inszenierung ist Thomas Janßen eine Auffrischung des klassischen Stoffes gelungen, die sowohl unverkrampften Zeitbezug als auch viel Humor und neue Leichtigkeit in die Komödie gebracht hat. Das Publikum dankte es Darstellern und Regie mit langem, stürmischem Beifall und einzelnen Bravo-Rufen. Die nächsten Aufführungen finden am 5., 17. und 26.11. |