Berlins "Wintergarten"

Varieté wie in den Zwanzigern
Das Berlin vor und nach dem Ersten Weltkrieg genoß einen geradezu legendären Ruf als Stadt des Varieté-Theaters. Der "Wintergarten", 1988 in der Nähe des Bahnhofs Friedrichstraße im Hotel "Central" als Stätte für Unterhaltung und Musik gegründet, gehörte zu den bekanntesten Etablissements dieses Genres. Größen wie die "Mistinguette", die Tiller-Girls, Otto Reutter und Claire Waldorf waren hier zuhause, um nur einige zu nennen. In einer Bombennacht im Jahre 1944 fiel der Palast in Schutt und Asche und konnte sich zu DDR-Zeiten nicht mehr etablieren. Erst 1992 erfuhr das alte Ambiente in der Potsdamer Straße unter Mitwirkung von André Heller eine Wiedergeburt unter demselben Namen. Nur wenige Jahre nach der Wiedereröffnung hatte sich das Haus offensichtlich soweit etabliert, daß man an eine "Rundumerneuerung" denken konnte. Seit kurzem erstrahlt das Haus in altem Glanze mit viel rotem Samt, verschwenderischem Blattgold und restauriertem Stuck - kurz, die Varieté-Nostalgie feiert fröhliche und unbekümmerte Urständ, und man fühlt sich zurückversetzt in die Zeit des Kaisers oder der Weimarer Republik. Das Programm hält mit dem neuen Ambiente Schritt und konzentriert sich auf das klassische, sprich zeitlose Varieté-Programm aus Akrobatik, Slapstick, Tanz und Musik. Als einziges Zugeständnis an die neue Zeit kommt mehr Humor und "Entertainment" ins Spiel. Fingerfertigkeit und akrobatische Kunststücke alleine reichen im Fernsehzeitalter nicht mehr, um das Publikum bei der Stange zu halten, es will amüsiert sein. Das beginnt schon mit Conferencier René Bazinet, einem multilingualen Franzosen, der weniger ein Moderator als selbst Darsteller ist. Immer wieder versucht er parodierend und selbstironisch zugleich, die Kunststücke der gerade abgetretenen Künstler nachzuahmen, natürlich mit den erwarteten Patzern. Seine hervorstechendste Fähigkeit ist jedoch die Stimmakrobatik, mit der er alle möglichen Geräusche und Menschen imitiert oder ganze Geschichten wortlos aber stimmig präsentiert.

Natürlich stehen die Künstler selbst im Mittelpunkt, so die "Schlangenfrau" Kristina Kireeva mit ihrer kaum noch nachvollziehbaren Körperbeherrschung, die Seilakrobatin Julia Kolossova oder Elena Borodina, die vor allem mit ihrem sinnlichen Schleierspiel begeisterte. Vater und Sohn Thurano aus Düsseldorf brachten neben der humoristischen eine neue Altersdimension der Artistik auf die Bühne. Vater Thurano wird 90(!) und verblüffte mit einer für dieses Alter nicht mehr für möglich gehaltenen Körperbeherrschung. Wenn diese aufgrund des Alters dann doch nicht mehr reichte - Salto, Drahtseilakt - lockerte der im karierten Clownsanzug auftretende Vater Thurano das Geschehen durch gekonnten Slapstick und Clownerien auf. Die Truppe "Imago" begeisterte durch Tierdarstellungen, bei denen hinten und vorne, oben und unten im Verhältnis von Tier und Darsteller verschwammen, so daß ein Hinterteil schon einmal zum Kopf einer überdimensionalen Küchenschabe mutierte. Bleiben noch Slava und Oksana mit ihrem magischen Würfel oder dem Ausdruckstanz zu erwähnen sowie "Les Rados" mit ihren fliegenden Jonglierkeulen und rasenden Tellern.

Alles in allem ein unterhaltsames Programm nicht nur mit hohem künstlerisch-akrobatischem Niveau sondern auch mit viel Amüsemang und Humor. Ob nun Berliner oder Tourist, ein Besuch im Wintergarten lohnt sich allemal und bietet sich als ideales Geschenk für die liebe Verwandschaft aus nah und fern an.

Tickets sind unter folgenden Nummern erhältlich:

Tel.: 030/ 230 88 230
Fax: 030/ 230 88 299

Gruppenarrangements ab 20 Personen sind unter

Tel.: 030/ 250 088 66
Fax: 030/ 250 088 55

zu erfragen

Über eine Homepage verfügt der "Wintergarten" leider nicht!