| Wer hat Angst vor Bobby Fisher? |
![]() |
Lars Noréns Theaterstück "Bobby Fisher wohnt in Pasadena" im Staatstheater Darmstadt |
Wer hinter dem Titel dieses Theaterstückes des schwedischen Schriftstellers und Theater- Intendanten ein Motto sucht, irrt. Wie in dem auch dramaturgisch ähnlichen Stück "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" stammt der Satz aus einer zusammenhanglosen Assoziation von Thomas, einer der Protagonisten, und steht damit auch für die Inkonsistenz menschlicher Kommunikation.
Vier Menschen betreten einen bürgerlichen Wohnraum, offensichtlich nach dem Besuch eines mäßig beeindruckenden Theaterstücks. Wie man bald erfährt, handelt es sich um die Eltern(Rosemarie Schubert und Bernd Stief) sowie die erwachsenen Kinder Ellen(Saskia Fischer) und Thomas(Michael Putschli). Die Tochter schützt wichtige Arbeiten zu Hause vor und folgt der Einladung zu einem letzten Drink nur sehr widerstrebend, während der Sohn im Hause wohnt. Die Mutter versucht durch einen geradezu hektischen Redefluss, eventuell auftretende Pausen zu vermeiden, und macht dadurch den Rest der Familie zu Statisten. Der Vater, den Redeschwall seiner Frau offensichtlich gewohnt, besorgt die Getränke, während die Tochter sich in stummer Auflehnung an ihre Handtasche klammert. Thomas, der sich anscheinend von einer psychischen Krankheit im Hause der Eltern erholt, hat sich vorerst in sein Zimmer zurückgezogen.
Während man zusammensitzt, beginnt die Tünche der bürgerlichen Familienordnung Stück für Stück abzublättern. Die Mutter blickt wehmütig auf ihren Beruf als Schau- spielerin zurück, den sie vor allem dem schon früh auffälligen Sohn geopfert hat. Ellen und später auch Thomas unterbrechen immer harscher und aggressiver den zwischen mütterlicher Fürsorge und Selbstmitleid changierenden Redestrom ihrer Mutter, während der Vater vergeblich versucht, die Gemüter zu besänftigen und den Ausbruch der Emotionen und Wahrheiten zu verhindern.
Am Ende des ersten Aktes ist es unter Schreien zur Abrechnung gekommen: Ellen ist nach dem Tod ihres Kinds und dem Verlust des Ehemanns zur Alkoholikerin geworden, Thomas ein kranker Autist, die Mutter von Schuldgefühlen zerrissen und der Vater steht hilflos dem Trümmerhaufen gegenüber. Der zweite Akt beginnt mit Ellens nächtli- chem Griff zur Flasche, als sie sich in dem zur Schlafstatt gewandelten Wohnzimmer unbe- obachtet wähnt. Mit dem zufällig hinzukom- menden Vater ergibt sich erst ein längeres Gespräch über ihr gescheitertes Leben, spä- ter ein handfester und entwürdigender Zwei- kampf um die Flasche. Der ebenfalls hinzu- kommende Thomas wirkt desorientiert und hat wenig teil an der Diskussion, und die durch den Lärm aufgeweckte Mutter setzt schließlich als Katalysator die finale Ketten- reaktion in Gang. Der ungelöste Konflikt zwischen Mutter und Tochter bricht in voller Härte aus: Ellen hat sich wegen ihres Bruders immer benachteiligt befühlt, daher früh gehei- ratet und alles wieder verloren. Vor allem der Mutter wirft sie mangelnde Trauer um die kleine Enkeltochter vor. Es kommt zu häss- lichen Schlägen unter die Gürtellinie, von denen sich keiner mehr erholen wird. Thomas haben seine Eltern schon lange als Geisteskranken abgeschrieben. Er wird nur noch verpflegt und verwaltet, hat jedoch keinen Anspruch mehr auf eine eigene Individualität. Er reagiert darauf nicht verbal, sondern nur mit plötzlichen, scheinbar unsinnigen Ausbrüchen an der Grenze zur Gewalt. Wenn man sich nach dieser Nacht endlich zur Ruhe legt, ist zwar vieles gesagt, aber nichts gelöst.
Im letzten Bild treten Eltern und Thomas ihren bereits am Vortag geplanten Tagesausflug an, als sei nichts geschehen, während Ellen es vorzieht, ein heißes Bad zu nehmen und dann nach Hause zu fahren. Man verzeiht sich gegenseitig die Äußerungen der Nacht, als seien dies nur peinliche, alkoholbedingte Ausrutscher gewesen, und wünscht der daheimbleibenden Ellen alles Gute. Diese begibt sich ins Bad, nimmt aus zwei Röhrchen eine Handvoll Tabletten ein und steigt in die Badewanne.......
Der Generationen-Konflikt innerhalb einer Familie und die Ansprüche der einzelnen Familienmitglieder an einander und an Zu- wendung stehen im Mittelpunkt der Hand- lung. Mangelnde Verantwortungsbereit- schaft, Furcht vor der Last des eigenen Lebens, Verdrängung durch den Beruf sind Facetten einer Gemeinschaft, die aus Tätern und Opfern in gleichem Maße besteht. Die Mutter versucht verzweifelt, nach außen das Bild einer harmonischen, erfolgreichen Familie aufrecht zu erhalten, und zieht dabei alle Register der Macht und versteckter Manipulation. Gleichzeitig quält sie sich mit Schuldvorwürfen wegen der Krankheit ihres Sohnes, denn "schließlich sind immer die Mütter schuld". Ohne die Fassade einer modernen und mondänen Frau meint sie dieses Leben nicht überstehen zu können. Der Vater flieht schon seit Jahren vor der häuslichen Situation und vor allem vor seiner Frau in seine Firma, nur um dort ähnliche Probleme zu erleben. Ellen, die Tochter, wird nicht mit der auf Grund der Krankheit ihres Bruders zwangs- läufigen geringeren Zuwendung ihrer Eltern fertig, flieht in eine frühe Ehe und in den Alkohol, verliert schließlich alles. Sie schwankt bis zur endgültigen Verzweiflung zwischen Vorwürfen an ihre Mutter und Selbstanklagen. Ihr Bruder Thomas lebt in einer autistischen Welt, aus der er nur kurzfristig und dann eruptionsartig ausbricht. Er kennt nur gestan- zte Ausschnitte des Lebens, die er nicht zu einem Ganzen zusammensetzen kann. Für ihn steht der Schachspieler Bobby Fisher aus Pasadena im Mittelpunkt einer künstlichen Welt, die mit seiner eigenen Umgebung nichts zu tun hat. Der tragische Schlusspunkt liegt darin, dass die Eltern nach der vermeintlich klärenden nächt- lichen Aussprache wieder zur Tagesordnung übergehen und die Tochter ihrem Schicksal überlassen - Ohren, Augen und Münder geschlossen. Das Ensemble des Wiesbadener Staats- theaters präsentierte das handlungsarme aber vielschichtige Stück mit hoher Konzentration und Präsenz. Vor allem die beiden Frauen glänzten mit nuancenreichem Spiel - Rosemarie Schubert als harmonie- und herrschsüchtige Mutter, Saskia Fischer als aufbegehrend- verzweifelnde Tochter. Die Männer hatten dagegen schon aufgrund ihrer Rollen etwas weniger Gelegenheit Brillanz zu zeigen. Einen besonderen Spaß leistete sich die Regie mit dem Schluss, der eine leere, beleuchtete Bühne zeigte und das Publikum lange im Unklaren ließ, ob denn die seelische Horrorschau nun endlich vorbei sei. Der schließlich zögernd einsetzende Beifall blieb freundlich, was wohl vorrangig auf das nicht gerade erheiternde Sujet zurückzuführen ist. |