| Monolog über einen Monolog |
![]() |
Becketts "Das letzte Band" im Werkstatt-Theater Darmstadt |
Becketts Stücke galten den Kritiker schon immer als Herausforderung für ihre Interpretationskraft, und viel Mythisches wurde in die bis zum Äußers- ten reduzierten Stücke des schwierigen Iren hin- eingelesen. Becketts Werke sperren sich der ein- fachen, einem schlüssigen Handlungsstrang ent- lehnten Deutung. Sie verweigern die klare Aus- sage, wie wir sie im anderen Extrem bei Brecht kennen - plakativ und lehrhaft. Beckett kann jeder interpretieren wie er will, und man kann ihn kaum widerlegen.
Das heißt nun natürlich nicht, dass die Beliebigkeit der Deutung Triumphe feiern darf, denn Becketts Stücke sind von einer solchen existenziellen Karg- heit, dass sich jede "hausgemachte" Interpretation für den menschlichen Alltag von selbst ad Absur- dum führt. Jedoch muss jeder Versuch einer Sinn- findung mit einem großen Teil subjektiver Empfin- dung sich zufrieden geben, der objektiv nicht un- bedingt nachweisbar und vermittelbar ist. In "Das letzte Band" zeigt Beckett einen alten, abgerissenen Mann, der sich auf einem Tonband alte Berichte seiner selbst anhört und die Weishei- ten seiner jüngeren Jahre mit Hohn und Bitterkeit kommentiert. Ausgefeilte Stellungnahmen zu seinen früheren Aussagen will oder kann er nicht mehr von sich geben, er reagiert nur noch aus einem emotionellem Urzustand, auf den sein Leben ihn reduziert hat. Nur Gelächter bleibt ihm zu den intellektuellen Selbstbespiegelungen seiner Man- nesjahre oder den vermeintlich abgeklärten Ein- sichten in den Weltenlauf. Jetzt, im Alter, sind all die Worte Schall und Rauch, sie haben ihn im Leben keinen Gewinn gebracht, herunter gekom- men fristet er seine letzten Tage. Mit bitterem Lachen kommentiert er die eher gönnerhaften und seltsam distanzierten Hinweise auf Frauen. Es gab Gelegenheiten, dem Leben einen Sinn zu geben oder zu entreissen, er hat diese Gelegenheiten jedoch nicht genutzt, warum auch immer. In der Darmstädter Inszenierung spielt Helmut Düvelsdorf unter der Regie von Horst Schäfer den alten Krapp. Gebrechlich und brabbelnd schlurft er um den einsamen Tisch herum, muffelt seine Bananen aus der Schublade und wühlt sich durch das Archiv alter Tonbänder. Mit geiferndem Gesicht und brennenden Augen verfolgt er die selbstsicheren und lebensbewussten Monologe seines früheren Ichs und kommentiert sie mit ver- zweifeltem Spott. Die Intensität seiner Darstellung lässt ihn von Minute zu Minute altern, bis man wirklich meint, einen uralten Mann vor sich zu haben. Welch Kontrast, wenn dann zum Applaus ein drahtiger und humorvoller Mensch erscheint und freundlich ins Publikum lächelt. Die Inszenierung von Horst Schäfer hält sich eng an den Text und Becketts Regie-Anweisungen und verzichtet auf jegliche modische Gags oder falsche Aktualisierung, wie es einmal eine Darmstädter Inszenierung von "Warten auf Godot" mit einem Verweis auf das Heinerfest tat. Das Bühnenbild besteht lediglich aus dem Tisch vor der schwarzen Rückwand, und die Requisiten beschränken sich auf das Tonband und die Papp- schachteln. Die beiden Personen, einer vom Band und einer "live", beherrschen die Szene und fesseln das Publikum bis zum Ende. Dabei sollte man die Gedächtnisleistung betonen, die erforderlich ist, um den Text einer ganzen Stunde ohne Stichwortgeber nicht nur widerzugeben sondern zu interpretieren. Da erschien es dann angesichts der schauspieleri- schen Leistung angemessen, die Ehrung für Helmut Düvelsdorf nach 25 Jahre Tätigkeit am Staatsthea- ter unmittelbar nach dem Schlussapplaus durch den Oberbürgermeister stattfinden zu lassen. Die Premiere erhielt dadurch eine zusätzliche Aufwer- tung, die hoffentlich zu regem Besuch weiterer Aufführungen dieses Stücks führen wird. |