Blutiges Ende eines Familiendramas

Premiere von Marius von Mayenburgs "Feuergesicht"
Die Schrecken der Kleinfamilie haben es den Darm- städter Theater- machern in dieser Saison angetan. Nach "Steinzeit" und "Bobby Fisher..." feierte mit "Feuergesicht" des jungen Autors Marius von Mayenburg die dritte Abrechnung mit der Kleinfamilie Premiere. Die halbwüchsigen Kinder von Mutter und Vater - sie sind bewusst namenlos geblieben - sind etwas aus der Art geschlagen. Der pubertierende Kurt lehnt seine Eltern radikal ab und suhlt sich in Feuer-Phantasien, während seine etwas ältere Schwester Olga ihn praktisch in die geschlechtli- chen Geheimnisse einweiht und ansonsten mit dem jungen Motorradbesitzer Paul befreundet ist. Ihren Eltern gegenüber zeigt sie spöttisch-gelangweilte Ablehnung. Die Eltern schauen dem Treiben der Jungen hilf- und tatenlos zu und verdrängen es als typische Probleme des Erwachsenwerdens.

Als Kurt jedoch eines Tages mit verbranntem Gesicht nach Hause kommt, weil er in der Schule die Vorhänge angezündet hat, gewinnt die Ent- wicklung eine immer zunehmende Eigendynamik. Aus Eifersucht brüstet sich Kurt Paul gegenüber mit seinen initimen Kontakten zu seiner Schwester, worauf die Beziehung auseinander geht. Paul warnt die Eltern eindringlich vor der Unzurechnungs- fähigkeit ihres Sohnes, findet aber kein Gehör. Kurt zieht die nun zunehmend haltlose Olga in seine nächtlichen Brandstifitungen mit ein und weckt bei ihr die Faszination des heimlichen Feuerlegens. Die immer noch ahnungslosen Eltern schicken ihn aufgrund seines unerträglichen Beneh- mens aufs Land zur Tante, um durch körperliche Arbeit zur Besinnung zu kommen.

Als er von dort - offensichtlich wegen weiterer Zündeleien - wieder nach Hause gejagt wird, haben seine Eltern mittlerweile das pyromanische Labor entdeckt und kündigen ihm an, ihn am nächsten Morgen bei der Polizei zu melden. Darauf schleicht Kurt in der Nacht zusammen mit Olga mit dem Hammer in der Hand ins elterliche Schlaf- zimmer.....

Olga bricht angesichts der blutigen Realität zusam- men und rettet sich unter Lügen als angebliches Opfer ihres geisteskranken Bruders in die Arme von Paul, während Kurt das Haus in einen Schei- terhaufen für sich und seine Eltern verwandelt.

Mayenburgs Schauspiel ist als schnelle Folge kur- zer Szenen reiner Handlung ohne psychologische Deutungen konzipiert. Dies stellt sich schnell als Stärke und Schwäche des Stücks heraus. Einer- seits gewinnt es dadurch an Tempo und Intensität und verzichtet auf wohlfeile oder kurschlüssige Erklärungsmuster, andererseits bleiben die Perso- nen weitgehend austauschbaren Protoypen ver- haftet. Die Situation ist von vornherein verfahren, die Protagonisten haben bereits ihre endgültige Entwicklungsstufe erreicht. Der Vater lebt in seiner Zeitungslektüre und reagiert ansonsten nur - hilflos - auf den Extremfall, die Mutter changiert zwi- schen der betulichen Hausfrau und der verzwei- felten Mutter.

Vor allem Kurt ist von vornherein von der Idee des Zündelns und einem tiefen Hass auf seine Eltern besessen. Die Gründe für diese Entwicklung werden jedoch nicht erwähnt geschweige denn - wie im klassischen Drama - aus der Handlung zwingend hergeleitet. Auch Olga befindet sich bereits auf einem Trip außerhalb jeglicher gesell- schaftlichen Normen, und für das Verhalten der beiden Jugendlichen stehen als Verantwortliche etwas schwammig nur die Eltern als Vertreter einer ganzen Generation.

Dieser Ansatz mag gewollt sein, führt jedoch zu einer gewissen Schematisierung der Charaktere, die dem Stück letztlich die menschliche Tiefe rauben. Der Zuschauer sieht nur existierende Monster, aber nicht ihren Weg zu diesem Zustand. Die Dialoge sind äußerst karg und erlauben nur kurze Monolog-Ausbrüche, in denen die Personen ihr Innenleben offenbaren. Die Eruptionen sind durchaus eindrucksvoll, vor allem aufgrund der darstellerischen Leistungen, sie schildern jedoch wiederum nur eine nicht begründete Befindlichkeit. Es bleibt unklar, auf wessen "Seite" der Autor steht: klagt er eine spießige, unsensible Eltern- Generation aus den Augen seelisch vernachlässig- ter Kinder an oder schildert er mit kühlem Blick die weshalb auch immer ziel- und haltlose Jugend- Generation? Der konsequente Weg zum blutigen Finale ist - aufgrund der Ausgangsbedingungen - durchaus nachvollziehbar und lässt sich in der Tagespresse der letzten Jahre in ähnlicher Form nachlesen. Der Verzicht auf Lösungsvorschläge ist verständlich, da diese im Theater leicht billig oder ideologisch wir- ken. Die Beschränkung auf die reine Situations- schilderung ohne jegliche Ursachenforschung rückt das Stück jedoch in die Nähe des reinen Aktionstheaters. Aber vielleicht war dies auch so gewollt. Dann sieht sich der Autor nur als der Zeigefinger auf die Zustände und verweist den Zuschauer auf sich selbst und seine gesellschaftliche Umgebung. Aber ähnlich den Brechtschen Lehrstücken besteht dann die Gefahr der rein intellektuellen Verarbeitung, die persönliche Betroffenheit weitgehend ausschließt.

Regisseurin Bernarda Horres hat das Stück als rasche Szenenfolge in einem kargen Ambiente inszeniert. Die Szenen gleiten von rechts auf einem Laufband wie "lebende Bilder" auf die Bühne, bevor sie aktiv werden. Zeitweise bleiben die Personen der vorange- gangenen Szene als stumme Zeugen auf der Bühne. Bisweilen wirken die Szenen wie Slapstick, vor allem wenn Paul der Motorrad- fan im Spiel ist. Doch das Lachen bleibt immer im Halse stecken. Die Dialoge sind bewusst abstrakt-distanziert gehalten, um nicht das menschliche Einzelschicksal in den Vordergrund zu rücken sondern das Proto- typische der Situation hervorzuheben.

Diesen Thesencharakter unterstützt auch das äußerst karge Bühnenbild. Nur die nötigsten Requisiten wie Tisch und Bett kommen zum Einsatz, ansonsten wirkt nur der nackte Büh- nenraum als Sinnbild einer sinnentleerten, nackten Welt. Im Hintergrund laufen über- lebensgroße Kinderbilder vorbei, mit weißer Kreide auf eine schwarze Tafel gekritzelte Strichmännchen im heimischen Haushalt. Die Naivität der kindlichen Darstellung kontras- tiert dabei bitterbös mit dem Geschehen auf der Bühne.

Ein einhelliges Lob ist den Schauspielern zu zollen, die aus diesem nur scheinbar einfachen Text das Beste machten. Olaf Weissenberg spielt den bräsigen, alles verdrängenden Vater mit überzeugendem Phlegma, Franziska Sörensen bringt glaubhaft mütterliche Ver- zweiflung und Hilflosigkeit zum Ausdruck. Astrid Rashed glänzt als verspielt-verrückte Olga und spielt ihr gesamtes Repertoire aus Aufmüpfigkeit, Protest und erotischer Sehnsucht aus. Phillip Hunscha stellt Paul, den Katalysator des Familiendramas, als einen einfach gestrickten Vorstadt-Macho mit sympathischen Zügen dar. Jens Ochslast hat den schwierigsten Part zu bewältigen, einen eher sprachlosen und erup- tiven pubertierenden Jugendlichen. Er tut dies mit viel stummen Blicken, dumpfem Brüten in einer Ecke und plötzlichen Ausbrüchen, wirkt jedoch eher wie ein schwer gestörter Erwach- sener denn wie ein pubertärer Junge. Sicher spielt bei diesem Eindruck auch die äußere Diskrepanz eine Rolle - man sieht in einem Erwachsenen schwerlich den pickligen Vier- zehnjährigen - aber eine Spur mehr halb-kind- licher Unsicherheit täte seiner Interpretation sicherlich gut.

Der Beifall des doch beeindruckten Publikums war lang und - angesichts der blutigen Bühne erstaunlicherweise - frei von jeglichen Buhs. Anlass zu anschließenden Diskussionen dürfte dieses Stück auf jeden Fall gegeben haben.