Ausbruch moralischen Eiferertums

Arthur Millers "Hexenjagd" im Darmstädter Staatstheater

Bigotterie und religiöses Eiferertum haben vor allem im christlichen Kulturraum über Jahrhunderte Angst und Schrecken verbreitet, jedoch haben andere Ideologien diese religiöse Eigenart fortgeführt und zu trauriger Blüte gebracht. Das Staatstheater Darmstadt hat sich dieses Themas mit der Inszenierung von Arthur Millers "Hexenjagd" angenommen. Arthur Miller hat in diesem Stück ein historisch belegtes Ereignis aus dem Jahr 1692 aufgegriffen. Einige junge Mädchen wurden damals bei seltsamen nächtlichen Vergnügungen im Wald erwischt und der Hexerei verdächtigt. Um selber der Verurteilung zu entgehen, behaupteten sie, den Teufel gesehen zu haben, und denunzierten unschuldige Frauen des Ortes der Hexerei. Da damals aufgrund der kirchlichen Lehre Hexen als grundsätzlich existent vorausgesetzt wurden, folgte die gerichtliche Unter- suchung auf dem Fuß und endete in einer Reihe von Hinrichtungen.

Miller hält sich bis auf einige dramaturgisch bedingte Änderungen weitgehend an die vorliegenden Dokumente und breitet die dumpf-religiöse Atmosphäre eines kleinen Ortes des ausgehenden 17. Jahrhunderts aus. Alles Unerklärlich-Gefährliche wird im Nu zum Werk des Teufels und ist damit von der ideologisch-dogmatischen Seite her - vermeintlich - beherrschbar. Pastor Parris (Lutz Zeidler) beobachtet nicht nur die verrückten und deutlich früh-erotischen Spiele der Mädchen, sondern muss sich auch mit seiner anschließend einem dumpfen Wahn verfallenden Nichte Betty auseinandersetzen. Da bereits Gerüchte über eine Verhexung des Mädchens durch den Ort geistern, greift er dankbar die von der Anführerin Abigail Williams (Susanne Burkhard) aufgestellte Behauptung auf, die Mädchen hätten mehrere Frauen des Ortes mit dem Teufel gesehen. Im Verein mit dem Ehepaar Putnam, das den Verlust von sieben Kindern im Kindbett dem Wirken von Hexen zuschreibt, verfolgt er die Anklagen der Mädchen und holt mit Pastor Hale (Gerhard Hermann) sogar einen klerikalen Experten zur Hilfe.

Abigail war bei Paul Proctor (Achim Barrenstein) als Hausgehilfin angestellt, wurde jedoch von dessen Frau Elizabeth hinausgeworfen, da sie ein Verhältnis mit Paul hatte. Abigail versucht, sich für die Schmach des Hinauswurfs zu rächen, und bald steht auch Elizabeth (Nicole Averkamp) auf der Liste der Hexen und wird verhaftet. Als sich erst einmal die ordentliche Gerichtsbarkeit in Gestalt des Unterstatthalters Danforth (Hubert Schlemmer) einschaltet, ist das Unheil nicht mehr aufzuhalten, betrachten doch die Behördenvertreter die Wiederherstellung der sittlichen Ordnung als oberstes Ziel und sehen den Vorwurf der Hexerei mehr oder weniger als willkommene Gelegenheit, ein Exempel zu statuieren.

Pauls Versuch, durch das Eingeständnis des Ehebruchs Abigail zu entlarven, scheitert an deren kalter Berechnung und dem Wunsch der Richter ihr zu glauben. Auch er wird zum Tode verurteilt. Elisabeth entgeht diesem Schicksal - vorerst - nur aufgrund ihrer Schwangerschaft. Den Tod vor Augen, ringt sich Paul zum rettenden Eingeständnis eines angeblichen Bündnisses mit dem Teufel durch, zieht jedoch schließlich den Tod einer öffentlichen Falschbeichte vor. Auch der vom anfänglichen Ankläger zum engagierten Verteidiger gewandelte Pastor Hale kann sich nicht gegen die dumpfe Bigotterie der Richter und seines Kollegen Parris durchsetzen und muss den Hinrichtungen machtlos zusehen.

Arthur Miller hat dieses Stück 1953 nicht aus rein historischem Interesse für die Bühne aufbereitet, sondern zielte damit auf die Entlarvung der krankhaften Kommunistenjagd unter McCarthy. Amerikas Puritanismus hatte sich damals dem Politisch-Moralischen gewidmet und stellte Kommunisten sozusagen den Hexen gleich. Politische Ansichten gewannen den Wert allgemein moralischer Grundsätze, und dabei standen die "Guten" und "Bösen" von vornherein fest. Die gleichnishafte Verpackung eines aktuellen Missstands in ein historisches Pendant dient dabei nicht nur der Umgehung einer direkten oder indirekten Zensur, sondern erhöht durch den notwendigen gedanklichen Prozess beim Zuschauer die Wirkung. Dieser ist allemal stolzer, wenn er die Parallelen selbst entdeckt, als wenn ihm die politische Botschaft plakativ vorgehalten wird. Trotz dieses Gleichnischarakters bleibt Miller den historischen Personen treu und verfällt nicht in die Brechtsche Langeweile eines Lehrstücks. Borniertheit, Hass, Angst und Verzweiflung der Protagonisten kommen glaubhaft zum Ausdruck und die Menschen spielen im Gegensatz zur Ideologie die wichtigere Rolle.

Diese Sicht hat auch Davud Bouchehri in seiner Inszenierung aufgenommen. Er siedelt das Stück in einer für ihn typischen Kargheit des Bühnenbilds an und überlässt wie auch im "Clavigo" lange Zeit dem Wort den Vortritt. Das führt vor allem im ersten Teil zu einigen Längen, wenn Erklärungen zu ausladend ausgebreitet werden und die Handlung in langen Dialogen erstarrt. Im zweiten Teil jedoch gewinnt die Aufführung deutlich an Dichte und Dramatik, was sowohl der Zuspitzung der Handlung als auch den darstellerischen Leistungen zuzuschreiben ist. Die vier Mädchen kommen wie eine Schar apokalyptischer Plagegeister über die Stadt und Bouchehri lässt sie ihre vermeintlichen Obsessionen mit wachsender Lust herausschreien. Abigail Williams wird zur "femme fatale", die ihre Truppe fest im Griff hat und sie jederzeit durch eigene Zuckungen oder Himmelsanrufungen in Raserei versetzen kann. Die anderen Mädchen sind ihr hörig, und nur Paul Proctors neue Hausgehilfin Mary Warren (Iris Melamed) versucht - vergeblich - sich ihr zu entziehen. Abigail hat die Mechanik der Gesellschaft verstanden und nutzt sie skrupellos aus, um sich zu retten und zu rächen.

Von den Längen vor der Pause abgesehen wirkt Bouchehris Inszenierung glaubhaft und überzeugend. Auch den aktuellen Bezug lässt er den Zuschauer selbst herstellen und verzichtet auf jegliche vordergründige Bezüge etwa zum Kosovo oder Nord-Irland, was wahrlich nahegelegen hätte. Das einzige Zugeständnis an die Aktualität liefert Jo Kärn als Giles, wenn er überdeutlich aussagt, er könne den Namen eines Informanten nicht nennen, da er sein Ehrenwort gegeben habe. Gelächter im Publikum. Allerdings hinkt der Vergleich, weil Giles wirklich ein Ehrenmann ist und den Informanten vor der Willkür des Gerichts bewahren muss.....

Das umfangreiche Ensemble aus 21 Darstellern setzte die kongruenten Absichten Arthur Millers und Davud Bouchehri überzeugend um. Man sah, dass hier kein Deutungsbruch zwischen Autor, Regisseur und Schauspielern bestand. Angesichts der Leistung des gesamten Ensembles mag es ungerecht erscheinen, einige Darsteller hervorzuheben, aber allein die Schwerkraft einiger Rollen erfordert dies.

Hervorzuheben ist vor allem Achim Barrenstein mit seiner überzeugenden Darstellung des Paul Proctor im Spannungsfeld zwischen Vernunft, Schuldgefühlen, verzweifeltem Kampf gegen den religiösen Wahn und Todesangst. Seine "Ehefrau" Nicole Averkamp stand ihm als eine verletzliche und doch mutige Elisabeth in nichts nach und bestach durch die Reife ihrer Darstellung. Susanne Burkhart brillierte als umtriebig-intrigante Abigail auf der Schwelle zwischen jungem Mädchen und Frau, sprunghaft und gefährlich wie eine Raubkatze. Iris Melamed meisterte die emotionellen Wechselbäder der gedemütigten Mary Warren ebenso überzeugend wie Gerhard Hermann die Wandlung vom eher teufelsgläubigen Kleriker zum massiven aber scheiternden Aufklärer. Lutz Zeidler gab einen von der Angst um sein eigenes Wohlergehen und das seiner Verwandten getriebenen Pastor Parris, der seiner eigentlichen Rolle nicht gerecht wird und sich kompromisslos den Vertretern der Staatsmacht andient. Hubert Schlemmer charakterisierte treffend die Mischung aus Eitelkeit und Machtlust des selbstgerechten Statthalters Danforth. Bliebe noch Katharina Hofmann zu erwähnen, die diesmal nicht auf den Brettern agierte sondern das Geschehen auf der Bühne musikalisch mit Gesang zu Harmonium und Klavier begle tete und dabei ungeahnte Talente zeigte.

Das Publikum dankte Darstellern und - ja, auch - Regie mit langanhaltendem Beifall und vereinzelten Bravo-Rufen. Mehr Begeisterung verhinderte offenbar nur die bedrückende Handlung der gerade zu Ende gegangenen Aufführung.

Frank Raudszus