| Wenn die Kameliendame an Schwindsucht stirbt.. |
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Alexandre Dumas´ Melodram im Schauspiel Frankfurt |
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Im 19. und noch im frühen 20. Jahrhundert spielte das Thema der erotischen Doppel- moral vor allem auf der Bühne eine zentrale Rolle. Eine patriarchalische Gesellschaft, die den Männern erotische Abenteuer jeder Art augenzwinkernd gestattete, sie aber gleichzeitig offiziell ablehnte und vor allem den Frauen ver- bot, bot sich dem Theater geradezu an als Feindbild und Objekt für Komödien und Tra- gödien aller Schattierungen. Alexandre Dumas jr. hat in der "Kameliendame" dieses Thema ebenfalls aufgearbeitet und gleichzeitig damit die Vorlage für Verdis Oper "La Traviata" gege- ben.
Marguerite Gautier ist die große Lebedame von Paris, wird von mehreren begüterten Männern ausgehalten und nimmt diese - ganz im Stile großer Kurtisanen - bedenkenlos aus. Dem alten Mauriac bleibt als Gegenleistung für seine finanzielle Großzügigkeit nur noch die stumme Anwesenheit, zu mehr reicht es nicht, während jüngere Männer ernten, was er gesät hat. In diese dekadente Gesellschaft gerät der junge Student Armand Duval und verliebt sich "stante pede" ernsthaft in die berechnende Edelprosti- tuierte, die bereits von der Schwindsucht gezeichnet ist.
Armand versucht allen Ernstes, Marguerite zu "retten" und sie in ein besseres Leben zu führen. Die anderen Liebhaber amüsieren sich könig- lich, doch Marguerite erkennt plötzlich den Wert dieser Liebe und will noch einmal in ihrem kurzen Leben dieses bisher nicht gekannte Gefühl genießen. Als Armands Vater ihr jedoch klarmacht, dass sie dessen bürgerliche Zukunft zu zerstören droht, verlässt sie Armand unter dem Vorwand, seiner überdrüssig zu sein. Unglücklich und vollständig desillusioniert stirbt sie an der Schwindsucht, nachdem sie auch noch Armands Verachtung wegen ihrer schein- baren Treulosigkeit hinnehmen muss.
Soweit die melodramatische Handlung, die heute bereits reichlich verstaubt wirkt. Regisseurin Amélie Niemeyer hat durch eher zeitlose Kostüme und vor allem eine mehr an der heutigen Umgangssprache orientierte Text- überarbeitung versucht, das Thema zu aktuali- sieren. Gefühle verkommen zur Ware und wer- den als solche feilgeboten und konsumiert. Der "reine Tor" mit seiner naiven Gefühlsvorstellung geht in dieser Welt unter oder passt sich ihr an.
Soweit die Absicht der Regisseurin. Leider ist sie von vornherein zum Scheitern verurteilt. Zu sehr ist das ganze Stück auf die Kategorien der "unstandesgemäßen" Liebe des 19. Jahrhun- derts ausgerichtet. Die Konstellation mag zur damaligen Zeit das Publikum schockiert oder bewegt haben, heute vermag sie das nicht mehr. Entkleidet man jedoch die Dialoge ihres melo- dramatischen Timbres, bleibt nicht viel Sub- stanz. Es ist und bleibt ein Konsalik des 19. Jahrhunderts. So klingen denn auch gerade die Dialoge zwischen Armand und Marguerite matt und ausdruckslos. Die beiden haben sich im Prinzip nichts zu sagen, hier werden keine Grundpositionen gegeneinander gestellt oder ausgefochten. Armand bleibt der naive Student, der ein gefallenes Mädchen liebt, und sie die dadurch gerührte Kurtisane. Am ehesten wirken noch die emotionellen Aus- brüche oder die saufenden und kiffenden Lieb- haber, die ihren sinnentleerten Tage durch irgendwelche Exzesse ausfüllen müssen. Hier ergeben sich ein paar nette Slapstick-Effekte, aber das sind ja sowie immer dankbare Szenen. Die Darsteller scheinen selbst unter dem schwa- chen Text zu leiden und zu spüren, dass aus ihm inhaltlich nicht viel herauszuholen ist. Gerade die Hauptpersonen Marguerite und Armand wir- ken dadurch oftmals etwas deplatziert, als fehle ihnen der Sinn ihrer Auftritte, während die mun- teren Lebemänner wie Chargen um sie herum- springen und darauf warten, dass die beiden endlich richtiges Theater spielen. Das können sie jedoch vor dem Hintergrund des altbacke- nen Themas nicht, und so stirbt das Stück zusammen mit Marguerite langsam aber stetig an Schwindsucht. Das Publikum würdigte jedoch die Bemühungen der Darsteller mit kräftigem Beifall und sogar einigen "Bravos". |