Eine Stimme, die die Realität aufhebt

9. Kammerkonzert mit Liedern von Schumann und Brahms
Wer zum 9. Kammerkonzert mit dem Bariton Thomas Quasthoff unvorbereitet erschien, sah sich mit dem Unerwarteten konfroniert. Quasthoff, Professor für Musik in Detmold, ist ein schwer betroffenes Opfer der Contergan-Affäre - mit der Größe eines Kindes und den typisch verkümmerten Armen. Dieser vom Schicksal schwer getroffene Körper beherbergt jedoch eine einmalige Stimme mit einer selten gehörten Aus- drucksbreite und einem erstaunlichen Umfang. Gleichzeitig präsentiert sich ein Mensch, der mit all seinem ironischen Charme und einem natürlichen Humor das Leben ohne jede Bitterkeit akzeptiert hat. Nachdem Quasthoff das extra für ihn installierte Podium bestiegen hatte, ließ er binnen kurzem die Äußerlichkeiten vergessen und schaffte es mit seiner sängerischen Darstellung sogar, die Husterei bis auf ein Minimum zu reduzieren. Wie er später bemerkte, hätten sich die wenigen Huster jeden- falls auf die leisen Stellen beschränkt, um ihre akustische Untermalung um so besser zu Geltung bringen zu können....

Der erste Teil enthielt eine Auswahl aus Robert Schumanns "Dichterliebe", op. 48. Schumann hat mit diesem Zyklus Gedichte von Heinrich Heine vertont, die ihn gerade durch die ungewöhnlich ironische Distanz zum Thema Liebe gereizt hatten. Heine hat in den Gedichten seinen eigenen eroti- schen Nöte Ausdruck verliehen und gerade wegen des Verzichts auf jegliche sentimentalen Elemente die Wirkung gesteigert. Schumann hat sich diese Eigenart musikalisch zunutze gemacht und die breite Palette der Emotionen wahrhaftig und spannungsvoll in Töne gesetzt.

Das Klavier ist in diesem Zyklus nicht nur Akkord- geber, sondern führt ein ausdrucksvolles Eigen- leben, ohne dabei mit dem Sänger zu konkurrieren. Oft setzt das Klavier nach dem kurzen, fast ohne jegliche Wiederholungen gesungenen Text zu einem ausgedehnten Nachspiel an, das die Eigenart des jeweiligen Lieds noch einmal anders aus- drückt.

Thomas Quasthoff zeigte sich nicht nur stimmlich als idealer Interpret, sondern lebte die einzelnen Strophen bis in das letzte Wort und den letzten Konsonanten aus, wobei der den Text im wahrsten Sinne des Wortes nachmodellierte. Diese Bildhaf- tigkeit des Ausdrucks faszinierte das Publikum im nahezu ausverkaufte Haus so sehr, dass man in einzelnen Momenten die sprichwörtliche Nadel hätte fallen hören können. Der Pianist Justus Zeyen vollendete diesen Eindruck als Ko-Interpret, nicht als Begleiter. Sein Spiel nahm die Interpre- tation des gesungenen Parts auf und führte sie eigenständig weiter. Nach der Pause brachten die beiden Solisten eine Auswahl von Brahms-Liederen nach Texten von August Graf von Platen und Georg Friedrich Daumer. Die Gedichte Platens durchzieht eine düstere Todessehnsucht, Ausdruck seines persön- lich als gescheitert betrachteten Lebens. Daumers Texte dagegen besingen den Eros der Antike in schwärmerisch-romatischem Ton. Quasthoff brachte die verschiedenen Grundstimmungen dieser ein weites Spektrum abdeckenden Lieder mit seiner Interpretation überzeugend zum Aus- druck.

Den Schluss bildeten vier statuarische Brahms- Lieder, die "Vier ernsten Gesänge", komponiert nach berühmten Bibelstellen, die sich alle mehr oder weniger mit der Vergänglichkeit befassen. Wenige Monate vor Brahms´Tod geschrieben, strahlen sie Todesergebenheit und Resignation aus. Der einfache, ja strenge Aufbau erhöht den Charakter des Endgültigen noch. Auch in diesen vier Liedern brachte Thomas Quasthoff die Grundstimmung so intensiv zum Ausdruck, dass die Zuhörer nach dem Verklingen der letzten Worte und Anschläge einige Sekunden reglos sitzen blieben, ehe sie sich zu anfangs zögernd- befangenem, dann frenetisch-begeistertem Beifall entschlossen.

Die nicht enden wollenden "standing ovations" brachten dem Publikum noch drei Zugaben ein, zuletzt - etwas ungewöhnlich für ein solches Programm - eine sehr frei und ausdrucksstark interpretierte Version von "Swing low sweet Chariot".