Multimediale Klangreise ins Jenseits

Uraufführung von Wolfgang Mitterers "Ka und der Pavian" in Darmstadt

Die multimedialen Trends der elektronischen Unterhaltungsbranche gestalten zunehmend auch das Bühnengeschehen. Schauspiele werden mit Video-Einspielungen angereichert, und in vielen Inszenierungen verschwimmt die klassische Trennung von Bühne und Zuschauerraum. Das musikalische Raumwerk "Ka und der Pavian" des Österreichers Wolfgang Mitterer, Jahrgang 1958, geht diesen Weg konsequent weiter und löst auch die bekannten Orchester- und Werkstrukturen auf.

Wenn die Zuschauer den Saal betreten, sind bereits auf der Bühne und im Parkett die Darsteller und die Ausrüstung verteilt. In der Mitte des Raums steht Katrin Gerstenberger, Darstellerin der "Tochter des Pharaos", in nahezu erstarrter Haltung. Auf der Bühne ihr gegenüber der Pharao (Rebecca Littig) mit kahlem Kopf. Vor der ersten Reihe sitzt mit Front zum Publikum der Chor mit fahl-gespenstisch mas- kierten Gesichter. Der zweite Teil des Chores ist in der letzten Reihe postiert. Rings um den Saal sind acht Lautsprecher montiert. Der blau angestrahlte Vorhang vor dem abgedunkelten Saal verbreitet eine kühle, fast jenseitige Atmosphäre.

Das Werk beginnt mit einem Prolog, der alte ägyptischen Rituale und Totensprüche zitiert. Die Ägypter verglichen den Tod mit der Nacht, die es zu bestehen gilt, da nach ihr wieder ein Morgen naht. Die Tochter des Pharaos beschreibt die typischen Grablegungsrituale. Der Pharao steht nach seinem irdischen Tod vor dem Tor zur Totenwelt und begehrt beim Türhüter (Johannes M. Kösters) Einlass. Folgt der Dialog anfangs noch einem sequentiellen Muster, überlagern sich die Stimmen bald in einer Art "Terzett", bei dem jeder Darsteller sei- nen Part wiederholt und abwandelt. Der Prolog geht direkt über in den ersten Teil, der jetzt jedoch wesentlich intensiver von den rund um den Saal postierten Instrumente begleitet und ergänzt wird. Am linken und rechten Bühnenrand greifen die Hörner, Posaunen und das Schlagzeug markant und bisweilen überfallartig in das Geschehen ein, im Rückraum schaffen die Violinen einen sirrenden Klangteppich, unterstützt von den Klarinetten.

Der erste Teil stellt die drei Solisten den Instrumenten gegenüber. Die Sänger erhalten für ihre mal durchdringend mal zart präsentierten Passagen viel akustischen Spielraum, den sie auch benötigen. Eine eigentliche Handlung sucht man vergebens, die Totentexte beschreiben den Zustand und die Umgebung des toten Pharaos - gesungen durch die Rolle der "Tochter des Pharaos" - sowie den verbalen Kampf des Pharaos um den Eintritt in die Unterwelt, die durch transparente Vorhänge versperrt ist.

Die musikalische und szenische Inszenierung führt den Zuschauer in eine transzendentale Zwischenwelt ohne emotionale Aufwallungen. Tod ist hier nicht Katastrophe, sondern natürliches Ereignis und Beginn einer Prüfung. Die nahezu abstrakten Gesangspartien und die knappen, jedoch unerbittlichen Instrumental-Einsätze schaffen eine Atmosphäre des Absoluten, allem Irdischen Enthobenen. Elektronische Einspielungen unterschiedlicher Klanggruppen über die acht Laustprecher ergänzen die akustische Szenerie. Auch ohne erkennbaren Handlungsfaden steigert sich die Spannung und verdichtet sich das Geschehen in einem solchen Maße, dass die Zuschauer buchstäblich gefangen sind von den sie umzingelnden Klanggebilden.

Zwischen den einzelnen "Szenen" mit den drei Protagonisten türmen sich die Klänge der Instrumentalgruppen übereinander bis zu einer bisweilen kakophonen Orgie, um dann wieder in flirrende Violinenteppiche oder verhaltene Klarinettensoli umzuschlagen. Hier gewinnt die Musik Eigenständigkeit über die Szenerie und statuarische Größe, dem Thema des Totenreiches angemessen.

Im unmittelbar anschließenden zweiten Teil treten die Solisten in den Hintergrund und bleiben nur physisch präsent. Der Chor als Ansammlung der in der Unterwelt "lebenden" Toten übernimmt die Hauptrolle und begrüßt den Pharao. Wie eine große Volksmenge klagen und klingen die Geister und zelebrieren die Totentexte als Requiem für die neu aufzunehmende Seele. Doch werden diese Texte nicht mehr distanziert und emotionslos wie im ersten Teil vorgetragen sondern mit all der persönlichen Lebenserfahrung, die diese Toten mit sich herumtragen. Da ertönt Ärger, Verzweiflung, Flehen - kurz die gesamte Bandbreite menschlicher Gefühlslagen. Immer wieder brechen einzelne Stimmen aus dem Chor aus und schleudern ihren kurzen Text in den Raum. Die Menge des Chors folgt diesen Ausbrüchen mit skandierten Antworten oder Kommentaren. Auch wenn man die Texte nur ansatzweise versteht - der fehlende semantische Zusdammenhang erschwert dies noch - gewinnt dieser Teil durch die sich laufend ändernde Anordnung der Stimmen rund um den Saal außerordentlich an Intensität, nicht zuletzt auch durch die zupackend einsetzenden Instrumente und durch eine Reihe von getanzten Ritualszenen hinter den farblich wechselnden Gaze-Vorhängen. Gegen Ende des zweiten Teils lassen zwei vermummte Türhüter den Pharo durch den Vorhang in die Unterwelt eintreten. Zu den eruptiven Stimmen des Chores schreitet er langsam dem Symbol des Sonnenrunds entgegen, das lange im Bühnenhintergrund geruht hat und sich jetzt langsam aufwärts bewegt, Anzeichen für einen neuen Tag und damit die kommende Wiedergeburt des Pharaos. Am Ende dunkelt die Tochter des Pharaos mit einer symbolischen Handbewegung die Projektorstrahlen auf den Vorhang ab, bis diese vollständig verlöschen.

Die Inszenierung lebt vor allem von den exakt einstudierten musikalischen - oder besser gesagt akustischen - Abläufen. Durch die Verteilung der Akteure über den gesamten Raum ist eine Synchronisation der Einsätze erheblich erschwert wenn nicht gar unmöglich. Daher hatte man nicht nur zwei Dirigenten eingesetzt, sondern auch an verschiedenen Stellen Monitore mit einer sekundengenauen digitalen Zeitanzeige angebracht, mit deren Hilfe die Einsätze auf Sekunden genau erfolgen konnten.

Doch auch trotz dieser Hilfen ist die Zusammenführung einer szenisch und akustisch so komplexen Inszenierung noch schwer genug. Es ist daher nicht hoch genug einzuschätzen, dass dies offensichtlich fehlerlos gelang. Dirigent Franz Brochhagen und und sein Co-Dirigent André Weiß nahmen daher zu Recht für sich und ihre Musiker den Beifall des Publikums entgegen.

Das Publikum musste das endgültige Ende mangels eines eindeutigen Schlussakkords wieder einmal erraten, steigerte den anfangs eher verhaltenen Beifall dann aber bis zu lautstarken Bravo-Rufen für Darsteller, Musik und Regie. Den Beteilgten sah man die Erleichterung und Freude über die begeisterte Aufnahme dieses doch sehr aus dem Rahmen fallenden musikalischen Werkes deutlich an.

Achtung: Weitere Aufführungen nur noch am 1.,2. und 3. Mai 2000

Frank Raudszus