| Klang - the missing link - Bewegung |
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Uraufführung von Christopher Links "Missing Link" im Tanz/Theater |
Tanz/Theater geht im Gegensatz zum klassischen Ballett immer wieder an die Grenzen des eigenen Reviers und überschreitet sie bewusst aus Neugier auf die Nachbargebiete und im Drang, die neue Nähe kreativ umzusetzen. Das Darmstädter Tanz/ Theater - hier gibt es kein Ballett - unter der Lei- tung von Birgitta Trommler hat sich diese Devise ganz bewusst zum Motto gesetzt und sucht immer wieder das Neue, nie Gewagte in der Grauzone zwischen Körperausdruck und Klangsprache.
Die Produktion "Missing Link" entstand aus dem Wettbewerb "Cutting Edge" von 1999. Der Preis- träger jenes Wettbewerbes, Christopher Martin, erhielt als Preis die Möglichkeit, mit dem Ensemble des Darmstädter Tanz/Theaters eine eigene Insze- nierung einzustudieren. Nun hat Martin zwar mit verschiedenen Theatergrößen wie Heiner Goebbels gearbeitet, der Tanz jedoch gehörte bisher nicht zu seinem Metier. Er hat sich in den letzten Jahren auf Klang-Installationen spezialisiert und dabei eine eigene Sensibilität für die Geräusche und Klänge des täglichen Lebens entwickelt. Klanggebilde können für ihn genaus so viel aussa- gen wie für Andere Kino oder Fernsehen. Dabei interessiert ihn besonders die Mischung von Geräuschen des menschlichen Alltagslebens mit synthetischen Klängen und die Spannung zwischen diesen beiden Welten. In der Produktion "Missing Link" kam jetzt das erste Mal auch die Bewegung des menschlichen Körpers hinzu. Martin war trotz seiner Jugend so klug, nicht sein Klangkonzept durchzusetzen, sondern die Mitglie- der des Ensembles ihre eigenen Ideen entwickeln zu lassen. So ist das einstündige Werk als Gemein- schaftswerk Christopher Martins und des Darm- städter Tanz/Theater-Ensembles zu begreifen, und das nicht nur deswegen, weil Letztere die Auf- führung betreiben...
"Missing Link" ist eine einzige Bewegungs- und Klangstudie. Drei Tänzerinnen - die jungenhafte, sprühende Vera Bilbija, die damenhafte Amy Coleman und die "Powerfrau" Barbara Sternberger - und ein Tänzer (Octavio Campos) bewegen sich zwischen transparenten Wänden und Schwing- türen zu Klängen, die entweder vom Band kom- men oder aus ihren eigenen Bewegungen stam- men. So ensteht durch die akrobatischen, fast turnerischen Bewegungen - Sprünge, Rollen, Aus- fälle, ausgreifende Gestik mit den Extremitäten - eine eigene Geräuschkulisse aus Stampfen, Schla- gen und Schleiftönen, die durch den Rhythmus der Bewegungen zu deren klanglicher Begleitung mutieren und wie eine Schlagzeug-Gruppe im Hintergrund wirken.
Genau diese Wirkung hat Christopher Martin beab- sichtigt - den "missing link" zwischen Tanz und Klang einzufügen. Natürlich kann das nicht durch Hinzufügen von Klangelementen geschehen, wie es in vielen klassischen Ballettstücken der Fall ist. Für ihn darf der Klang nicht der Taktgeber oder die klangliche Interpretation des Getanzten sein, er soll aus den Bewegungen erwachsen und dadurch eine Eigenständigkeit ganz eigener Art entwickeln. Was landläufig als bloßes "Geräusch" wahrgenommen und oft sogar als lästig empfunden wird, betrach- tet Martin als elementaren Bestandteil des Lebens, vornehmlich der künstlerischen Betätigung. Nicht allein die Bewegung darf dem Klang folgen - noch einmal der Hinweis auf das klassische Ballett - sondern der Klang ensteht aus der Bewegung und kehrt als formendes Element in diese zurück. Ein solches Konzept lässt sich nur in enger Zusam- menarbeit mit den Ausfüh- renden reali- sieren. Sie müssen die Klänge aus ihren Bewe- gungen heraus erzeugen, sei es durch quietschendes Ziehen der nackten Füße über den Holz- boden, durch das Aufschlagen der Körper und Extremitäten, durch Sprache oder auch durch Atmen. Alle Äußerungen tragen zu diesem Konzept bei, soweit sie bewusst eingesetzt werden. Das heißt jedoch nicht, dass der Klang zum Selbst- zweck wird. Das Tanz/Theater mutiert durchaus nicht zum Sprechtheater Jandlscher Prägung. Im Mittelpunkt steht immer noch die Bewegung, je- doch in enger Koppliúng mit den klanglichen Ele- menten. Ein ausgefallener Einfall war auch die Trennung des Publikums in eine rechte und linke Hälfte. Zwar wurden beide "Publika" gleichmäßig "bedient", jedoch sahen beide Seiten ihr eigenes Stück, so dass man eigentlich zwei Rezensionen hätte verfassen müssen. Hier wusste tatsächlich die Rechte nicht, was die Linke erlebte. Man gewann eine blasse Ahnung über die Darbietungen auf der anderen Seite der Trennwände, das Meiste jedoch blieb Mutmaßung. Diese Ambiguität der Darstellung verleiht der Inszenierung einen eigenen Reiz. Das dichte Programm mit schnell wechselnden Szenerien, Verschiebungen der Perspektiven durch periodisches Drehen der Türen und mit dem per- manenten Wechsel der Darsteller zwischen den beiden Publikumsfronten dauerte nur knapp eine Stunde. Viel mehr hätten die Darsteller bei den technisch und körperlich ausgesprochen anspruchsvollen Figuren gar nicht bewältigen können. Das Publikum dankte allen Beteiligten für dieses innovative wie mutige Konzept mit anhaltendem Beifall, wenn auch Manche sich über den Sinn erst anschließend bei der Premierenfeier klar werden mussten. |