| Klangvolle Beschwörung der Bilder |
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Tanz/Theater-Premiere "The Photographer" in Darmstadt |
Die neuartige Stilrichtung des Tanz/Theaters wird immer noch vom traditionellen Publikum weitgehend mit Ballett gleichgesetzt und weckt dadurch zwangsläufig und wiederkeh- rend Ernüchterung und Enttäuschung. Ballet- und Opernliebhabern sei hier noch einmal gesagt, dass Tanz/Theater den Versuch dar- stellt, alte Muster der Bühnenproduktion aufzubrechen und die drei Elemente Sprache, Tanz und Musik neu zusammenzusetzen. Dabei spielt die Erzählung einer zusammen- hängenden Geschichte oder die Behandlung eines dramatischen Stoffes eine untergeord- nete Rolle. Der logisch-diskursive innere Zusammenhang der Oper oder des Schau- spiels wird in Bilder und Assoziationen auf- gelöst. Wichtig ist die Idee und ihr Abbild.
Birgitta Trommler hat in "The Photographer" versucht, dieses bereits zweimal aufgeführte Stück - oder besser diese Choreographie - unter neuen Gesichtspunkten zu inszenieren. Grundidee des von der Musik des Ameri- kaners Philip Glass unterlegten Stückes sind die frühen Photografie-Pioniere des letzten (ja, das ist immer noch das 19.!) Jahrhun- derts, die versuchten, die Bewegungen und Emotionen des Menschen durch eine Reihe von immer enger beieinanderliegenden Fotos zu analysieren und zu beschreiben.
Das Vorwort des Programmheftes schildert diesen Versuch apodiktisch, fast schon ideo- logisch, als gescheitert, da die komplexe Umwelt des Menschen sich nicht erschöpfend in Einzelbildern darstellen lasse. Dies mag als Behauptung zutreffen, die drei Protagonisten - die Franzosen Marey und Duchenne sowie der Ameri- kaner Muybridge - sind jedoch als Wegbereiter des Films und auch persönlich nicht gescheitert. Soweit zur Grundidee des Stücks. Die Bühne ist dem Labor von Muybridge nachempfunden, eines der drei Fotografen. Ein Geflecht eng aneinander liegender Drähte - im historischen Fall als Maßstab für die Bewegungen gedacht - bildet den raumhohen Hintergund der Bühne. Der "Photographer" (Rolf Kast) - hier stellvertretend für alle drei Vorbilder - tritt ans Mikrophon und beschreibt in wissenschaftlicher Sprache minütiös das Schließen einer Tür, während dazu Tänzer in schwarzen Overalls mensch- liche Bewegungsabläufe und Auseinander- setzungen darstellen. Dazu ertönt aus dem Hintergrund die durch permanente Wieder- holung kleiner Klangmuster gekennzeichnete Musik von Philip Glass, die sich wie ein Klangteppich über das Geschehen legt. Diese Musik wirkt am Anfang noch unspekta- kulär, gewinnt jedoch im Laufe der Zeit zu- nehmend an Dichte und entwickelt sich zum tragenden Element der Inszenierung. Wenn sie mal aussetzt, dann, um einem Trio oder Quar- tett von Chormitglieder den akustischen Raum für eine fugenartig angeordnete Sprechrolle zu geben, in der die Sprecher identische Texte über Bewegungsabläufe oder ähnliche dem Sujet entlehnte Themen in verschiedenen Sprachen präsentieren. Hier übernimmt Spra- che überzeugend die Rolle der Musik. Birgitta Trommler setzt diese Technik symmetrisch ein: einmal mit Männern und später mit Frauen. Ausgefeilte Video-Installationen, u.a. aus Bildern des Fotografen Muybridge zusam- mengestellt, ergänzen und bebildern die Aufführung überlebensgroß auf der Bühnen- Rückseite.
Nach dieser "Ouvertüre" schiebt der Fotograf die Wände zu einem Käfig - Metapher für das Labor - zusammen und plaziert dort eine Versuchsperson (Hans Kohnle), bei der er durch äußere Manipula- tionen der Gesichtsmuskeln Gefühle hervor- zurufen versucht, die als Fotos einer anderen Person großformatig auf einer eigenen Lein- wand projiziert werdeen.
Diese Versuche im Laborkäfig werden nun durch das "reale" Leben außerhalb des Labors konterkariert. Hier treten Einzel- personen, Paare und Gruppen in den verschiedensten Lebenssituationen und Gefühlszuständen auf, mit Blick zum Publikum und die Vorgänge im Labor ostentativ ignorierend. Da sind die Mädchen im Look der 50er Jahre, die sich Eis lutschend gleichgültig der erotischen Attacken der Männer nur lustlos erwehren oder diese gewähren lassen. Da ist der Verrückte, der "Entschuldigung" stammelnd sich mit Schlag- sahne einschmiert. Da ist eine Gruppe von jugendlichen Machos, die ihre Agressionen zuerst an Dingen, dann an einander auslassen. Und da ist die spießig-kleinbürgerliche Amerikanerin, die sich ausführlich über ihre "Happiness" auslässt, bis sie vollständig in Tücher eingewickelt wird. All dies wird szenisch-tänzerisch dargestellt, wobei der Tanz weniger durch akrobatische Perfektion als durch den Ausdruck wirkt, bis hin zur Nachbildung einfacher oder para- doxer Alltagssituationen. Der "Photographer" beobachtet die Realität aus seinem Käfig und wird sich immer stärker der Diskrepanz zwischen Experiment und Wirlichkeit bewusst. Anfangs mit selbst- bewusstem Lächeln sein Versuchsobjekt vorführend folgt er dem Treiben um ihn herum bald nur noch mit hilflosen Gesten und sieht sich schließlich mit dem Scheitern seiner Versuche konfrontiert. Verzweifelt zerreisst er alle Aufzeichnungen, symbolisiert durch die große Papierfahne, und versinkt in ihnen. Dem Darmstädter Ensemble ist es gelungen, diese spröde und im ersten Moment nur schwer zugängliche Vorlage in eine konsistente und über lange Strecken faszinierende Choreographie zu verwandeln. Die Musik mit ihren nahezu rauschhaft beschwörenden Wiederholungen leistet dazu einen wesentlichen Beitrag, lässt deshalb jedoch den Tanz nicht als bloße Zugabe erscheinen. Birgitta Trommler hat den Ablauf durch viele ausgefallene Ideen aufgelockert und teilweise bis hin zum Surrealen verfremdet, so, wenn die Tänzerinnen wie bei der Verrichtung der Notdurft mit herunterhängenden Slips auf simulierten Toiletten sitzen und die Musik des Orchesters mit einem zwanghaften Singsang begleiten. Oder wenn die Frauen wie Schmetterlinge um den "Photographer" schwirren, diesen teils umgarnend teils verlachend. Die reichlichen Zwischentöne dieser Szenen erzeugen eine doppelbödige Atmosphäre und geben viel Raum für individuelle Inter- pretationen. Die Reaktionen der Protagonisten sind halt doch nicht durch die minütiöse optische Bannung der Bewegungen zu interpretieren, die wahre Bedeutung liegt im Augenblick, im nicht-visuellen Kontext, der sich auch durch die feinste Auflösung in Einzelbildern nicht künstlich herstellen lässt. Der Beifall des Premierenpublikums kam spontan und begeistert. Einhellig wurden die Darsteller und das Orchester bejubelt, als sich Birgitta Trommler dem Publikum stellte, gesellten sich jedoch unüberhörbare "Buuhs" in die Beifallskundgebungen. Ganz verständlich war diese Diskrepanz der Bewertung von Darstellung und Regie nicht, jedoch gibt es auch beim Tanz/Theater unterschiedliche und künstlerische Strömungen, die sich in dieser Form äußern. |