| Freizügiger Ringelreihen um "das Eine"..... |
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Arthur Schnitzlers "Reigen" im Staatstheater Darmstadt |
Eine wenn auch ernüchternde so doch um so treffendere Er- kenntnis lautet, dass trotz aller großen Gedan- kenflüge die meisten mensch- lichen Regungen der Tätigkeit gelten, die man früher verschlei- ernd als "das Eine" bezeichnete. Dies gilt vorzüglich für die männliche Hälfte der Menschheit, vor allem in den vergangenen Jahrhunderten.
Der Österreicher Arthur Schnitzler hat sich in seinen Novellen und Schauspielen vor allem diesem Aspekt des menschlichen Zusammen- lebens gewidmet, eine zum Ende des 19. Jahrhunderts durchaus mutige Entscheidung, pflegte doch die Zensur neben politischen auch erotische Texte mit ihrem Bann zu belegen.
Der "Reigen" besteht aus einer Reihe von Zweierbeziehungen, die sich kettenartig fortsetzen. Zu Beginn bandelt der Soldat (Edmund Jäger) in seiner sexuellen Not mit dernicht mehr ganz jugendlichen Dirne (Karin Nennemann) an, nur um anschließend nach dem Tanz die junge Dienstmagd Marie (Astrid Rashed) hinter dem Tanzlokal zu verführen. Marie wiederum, enttäuscht vom raschen Abgang des Soldaten, bedient den "jungen Herrn"(Michael Fuchs) ihrer Herrschaft nicht nur mit einem Glas Wasser, sondern auch mit der gebotenen Hingabe. Dieser empfängt später eine verheiratete Frau (Franziska Sörensen), die Abwechslung von ihrem langweiligen Ehemann sucht und sie auch im zweiten Anlauf findet. Nach Hause zurückgekehrt, muss sie philister- hafte Sprüche des nichtsahnenden Gatten Karl (Gerhard Hermann) über untreue Ehefrauen sowie seinen Leib über sich ergehen lassen. Karl zieht es anschließend zu einem "süßen Mädel" (Janina Sachau) von 17, an der er seine seltsame Neigungen ausleben kann. Von Liebe keine Spur. Das Mädchen fällt anschließend dem eitlen und Phrasen dreschenden Dichter (Christian Wirmer) zum Opfer, bevor dieser zu einem amourösen Wochenende mit der exaltier- ten Schauspielerin (Katharina Hofmann) auf- bricht. Diese wiederum verführt mit einiger Mühe einen stocksteifen und verklemmten Grafen (Lutz Zeidler), der es jedoch lieber im Suff mit der Dirne (siehe Anfang) treibt. So schließt sich der Kreis.
Alle die erotischen Zweikämpfe verlaufen nach dem selben Mus- ter: anfangs drängt es beide Seiten aufeinander zu, vor allem die Män- ner buhlen mit allen Mitteln - Komplimente, Schmeicheleien, Drauf- gängertum, Hinterlist - um die körperliche Gunst der Damen. Kaum ist jedoch der Rausch verflogen, wün- schen sie sich meilenweit fort, und die Frau langweilt oder nervt sie nur noch. Mit dem Geschlechtstrieb verschwindet auch die vor- gebliche Zuneigung. Die Frauen sind dabei meist die Dummen. Selbst die freiwillig untreue Ehefrau wünscht von ihrem Ehemann so etwas wie stille Absolution und bittet - vergebens - um seine Zuneigung. Nur die Dirne und die Schau- spielerin können das Spiel ausgeglichen gestal- ten. Die eine treibt "es" nur noch aus beruflicher Pflicht und investiert keinerlei Gefühle oder Hoffnungen in die Freier, die andere dreht den Spieß um, verführt die Männer und lässt sie dann eiskalt stehen.
Am Ende bleiben alle Beziehungen ephemer und beiläufig, die Beteiligten sind wieder auf sich zurück geworfen und müssen weiterhin auf den erhofften Beistand des Gegenübers verzichten.
Regisseur Robin Telfer hat die zehn "erotischen Dialoge" recht drastisch inszeniert. Da es um handfeste Erotik geht, verzichtet er auch weit- gehend auf Kleidung, das heißt die Schau- spieler legen diese sehr zügig ab und streben mehr oder weniger un- bekleidet aufeinander zu, von einander angezogen wie durch Magnete. Die Nacktheit dient hier der Glaubwürdigkeit der gegenseitige Anziehung und die beiderseitigen Absichten. Dabei leistet so ein Paar auch schon mal nahezu eine ausgedehnte Szene im Adams- bzw. Eva- Kostüm auf der offenen Bühne ab. Nicht immer wird der Tonfall im Schnitzlerschen Sinn getroffen. Teilweise wirken die Dialoge zu seriös, distanziert. Etwas mehr "Wiener Schmäh" und Gehässigkeit hätte das Stück durchaus vertragen können. Überzeugend Gerhard Hermann als bigotter Ehemann und Christian Wirmer als schwadronierender Dicher, beides zugegebenermaßen dankbare Rollen. Da hatten es Edmund Jäger als Soldat, Michael Fuchs als gelangweilter "junger Herr" oder "Lutz Zeidler" als erstarrter Adliger schon schwerer.
Die Frauen hatten durchweg die profi- lierteren Rollen. Müssen sie doch immer den männlichen Attacken mit wehrhaftem Anstand nachgeben. Dieses Doppelspiel zwischen Verlangen und Abwehr bietet viele Möglichkei- ten der schauspieleri- schen Darstellung, und die Schauspielerinnen nutzten sie weidlich. Ob Karin Nennemann als schnoddrige Dirne, Franziska Sörensen als fremd gehende doch anhängliche Gattin, Katharina Hofmann als unterkühlte Diva, Astrid Rashed als liebebedürftiges Hascherl oder Janina Sachau als durchtriebene Lolita - jede spielte ihre Rolle weitgehend aus.
Trotz den bisweilen schwer verständlichen Texten und der auf Grund der wiederkehrenden Handlungsmuster fehlenden Spannung bot die Inszenierung satirische Unterhaltung mit einer Botschaft, die durchaus nicht nur für das aus- gehende 19. Jahrhundert galt. Das Publikum dankte den erkältungsgefährde- ten Darstellern mit freundlichem aber nicht begeistertem Beifall. |