Ausbruch als Bumerang

Premiere von Friederike Roths "Ritt auf die Wartburg" in Darmstadt
 
Der Traum vom Ausbruch aus dem Alltag, vom Vergessen der täglichen Probleme und dem Negieren aller Niederlagen geistert nicht nur nachts durch die schlafenden Köpfe, sondern setzt sich oft genug in den Tagträumen fort. Leider erweisen sich solche Ausbrüche - wie die aus echten Gefängnissen - oftmals als Bumerang, der die Träumenden in einem großen Bogen wieder an den Ausgangspunkt zurückführt, ohne einen Gewinn aus dem Ausbruchsversuch gezogen zu haben. Die Lyrikerin und Hörspielautorin Friederike Roth, Jahrgang 1981, hat diese Situation auf vier Frauen abgebildet, die irgendwann in den achtziger Jahren beschließen, gemeinsam ein verlängertes Wochenende weit weg vom häuslichen Elend zu verbringen. Geschieden, arbeitslos, allein erziehend - so stellt sich in Kurzform die Situation des Quartetts dar. Als Ziel der Reise hat man sich ausgerechnet die Wartburg nahe Eisenach in der damals noch real existierenden DDR ausgesucht.

Hier ist bereits ein Stück Programm zu erkennen mitsamt der Erkenntnis, dass die bisweilen überfallartigen Brüche der Weltgeschichte die Grundlage eines Sujets schneller veralten lassen als gedacht. Natürlich hat Friederike Roth den Gegensatz zwischen Ost und West und die Vorurteile über die jeweils andere Seite - hier vornehmlich die Vorstellungen der "Wessis" von den "Ossis" - in den Vordergrund stellen wollen. Die Wartburg gewinnt mit fortschreitender Handlung nahezu den Charakter des heiligen Grals, weil dieses nebulös-erlösende Ziel der Reise durch fremdes und eigenes Verschulden sich zur Hürde erhebt.

Anna (Gabriele Drechsel) - einzig Studierte und trocken-ironisch; Ida (Karin Klein) - ausgeflippte Dauerdreißigerin mit Hang zu Flasche und Fluppe; Lina (Susanne Burkhard) - frustrierte Zwillingsmutter mit leicht feministischer Attitüde: Thea (Nicole Averkamp) - sehnsüchtig auf ein geordnetes Leben hoffend. Das sind die vier Protago nistinnen, die sich eines Morgens am Bahnsteig treffen, um den Zug nach Eisenach zu besteigen.

Einzig Withold (Gerhard Hermann), der drög-einsilbige Freund Theas, schleppt Koffer und gönnt Thea einen maulfaulen Abschied. Die Bahnfahrt gerät zum Kabinettstückchen. Auf einem kleinen Podest wird die Enge eines Bahnabteils simuliert, ein flackernd erleuchtetes Fenster suggeriert vorbeihuschende Landschaft. Die Damen drängeln, stolpern, fallen übereinander, Ida greift bereits früh zur Flasche - eigentlich hatte sie sich eine Reise ohne "Stoff" vorgenommen - und alle schweben noch in der aufgekratzten Stimmung der Vorfreude.

Die verschwindet, als man morgens um fünf in Eisenach bei Regen und ohne Hotelzimmer auf dem Bahnhof steht. Regisseur Kreidl schickt als Gag einen einzelnen Passanten im eleganten DDR-Outfit - graue Stretchhosen, graue, eng geschlossene Joppe, Honecker-Brille, Hut, steinerne Miene - an den erstaunten Damen vorbei. Sein wiederholtes Erscheinen simuliert die Gleichartigkeit der Menge. Der erste Frust naht. Der zweite folgt auf dem Fuße, als die Frauen ihre zwei Zimmer mit dem Charme der späten DDR beziehen: schmuddelige Blümchentapete und spießige Billigmöbel. Da bietet sich der neuerliche Griff zur Flasche nicht nur Ida als Kompensation für eine so nicht erwartete Realität an.

Belebt und enthemmt durch den Alkohol, nimmt die Reise ihren zwar nicht beabsichtigten aber zu erwartenden Verlauf. Schrill in Aufmachung und Auftreten geraten die vier in ein Tanzlokal - Heimat tödlich langweiliger Freizeitbeschäftigung mit Alleinunterhalter, politisch korrekter Tanzmusik und braven Schrittkombination einzelner verbissen aber "ordentlich" tanzender Paare. Aufgrund des zunehmenden Sektkonsums entwickelt sich eine mittlere Orgie, als vier Grenzpolizisten das Lokal betreten und sofort in stramm militärischer Haltung die Damen umkreisen. Kreidl macht aus diesem Auftritt eine Farce, wenn er die vier Soldaten (Aart Veder mit unnachahmlicher Grandezza, Achim Barrenstein als junger Draufgänger, Gerhard Hermann und Siegfried Heinrichsohn) anfangs wie in ein groteskes Männer-Ballett auftreten lässt, bei dem sich jeder am Anderen festhält.

Natürlich endet das Ganze in einem mittleren Delirium, und die Rückkehr ins Hotelzimmer endet im Katzenjammer, noch bevor der eigentliche Kater einsetzt. Nun kommen einige Wahrheiten zur Sprache, und man sagt sich das, was man sich eigentlich immer schon sagen wollte, bis schließlich der Alkohol über die Aussprache-Wut siegt....

Die Szene am morgigen Frühstückstisch sagt alles über die vergangene Nacht - Kommentar überflüssig. Doch trotz rasender Kopfschmerzen und Übelkeit schwingt man sich auf zum Eselsritt auf die Wartburg; verzweifeltes Bemühen, die ursprüngliche Zielsetzung doch noch zu erfüllen.

Der Zusammenhalt der Gruppe ist jedoch weitgehend zerbrochen, und jede hängt den Verletzungen des letzten Tages nach. Dem alkoholischen Kater folgt der Katzenjammer über den Verlust der Vorstellungen und Wünsche. Noch ehe man es sich eingesteht, zeichnet sich ab, dass von dieser Reise außer einem kräftigen Suff, einem Kater und gegenseitigem "Ausmisten" nichts bleiben wird. Die zweite, etwas zu lang geratene Szene in den Zimmern zeigt den Abschwung der Euphorie zur Depression, und jetzt dient der Griff zur Flasche nicht mehr der Aufheiterung sondern dem Zuschütten. Die Szene zerrinnt im Nichts..

Am Schluss sitzen alle vier auf dem Eisenacher Bahnhof, die Rückreise und den trüben Alltag zu Hause vor Augen, und haben nur noch Kraft für einige gestanzte Gemeinplätze, die sie vor sich hinmurmeln. Kommunikation findet in dieser so aufgedreht gestarteten Truppe nicht mehr statt.

Regisseur Kreidl hatte bei diesem über weite Strecken durchaus witzigen und treffsicheren Stück mit dem Umstand zu kämpfen, dass ihm ein wichtiges Requisit und damit eine Voraussetzung abhanden gekommen war: die DDR. Forcierte Darstellung der Vorurteile westlicher Besucher im Ostzoo sind gegenstandslos, da Zoo-Insassen und -Besucher mittlerweile austauschbar geworden sind. So musste Kreidl die Schwerpunkte mehr auf die Gruppendynamik zwischen den Frauen legen, und da wiederholt sich vor allem im zweiten Teil Einiges. Dank kräftiger Kürzungen konnte er jedoch ein gewisses Grundtempo halten und ein zu starkes Abflauen vermeiden.

Natürlich dominieren bei diesem "Frauenstück" die weiblichen Rollen. Wenn man einmal von dem eher pantomimischen Auftritt der Grenzsoldaten und dem stummen Kellner (Rolf Idler) absieht, hatten die Männer nicht viel zu sagen, dafür die Frauen um so mehr. Dabei ging Friederike Roth mit ihren Geschlechtsgenossinnen durchaus nicht zimperlich um. Die Darstellerin verkörperten die vier unterschiedlichen Frauentypen glaubwürdig und differenziert: Nicole Averkamp spielte die Thea als immer noch hoffende Träumerin, die sich nichts sehnlicher als eine stabile Beziehung wünscht, jedoch ahnt, dass diese Hoffnung vergeblich ist. Gabriele Drechsels Anna fühlt sich unter den anderen drei Frauen zunehmend deplatziert, versucht jedoch Solidarität zu üben. Im Grunde genommen hat sie mit ihnen nichts gemein und zeigt dies auch symbolisch mit ihrer Weigerung, den Berg zur Wartburg hochzusteigen. Karin Kleins Ida war die dankbarste weil spektakulärste Rolle. Von einer Flasche zur nächsten hangelnd, meist schwankend und aus der Rolle fallend, die persönliche Verzweiflung über ein verpfuschtes Leben mit flotten Sprüchen maskierend und dann doch zusammenbrechend - diesen bunten Bogen spannte sie mit viel Temperament und überzeugenden Stimmungswechseln. Susanne Burkhard hatte als eher trockene und leicht griesgrämige Lina die undankbarste Rolle, immer nur räsonierend und den anderen die Stimmung vermiesend, wenn sie gerade schön in Stimmung waren. Diese Rolle gibt nicht allzuviel Gelegenheit zu brillieren, aber auch sie will glaubhaft und durchgängig ausgefüllt werden.

Das Bühnenbild spiegelt das Grau der DDR, das gleichzeitig die innerliche Befindlichkeit der vier Frauen wiedergibt. Hintersinnig und erhellend, dass sich dieser Hintergrund von Anfang bis Ende nicht ändert; es bleibt alles beim Alten.....

Die Zuschauer spendeten einhelligen und anhaltenden, wenn auch nicht begeisterten Beifall für die Leistung der Darstellerinnen, und auch die vier Soldaten bekamen ihren gerechten Anteil. Selbst für die Regie ergab sich diesmal ein "Buh"-freier Abend.
 
Frank Raudszus