| Blut zwischen Müttern und Töchtern |
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"Im Sandkasten", eine neue Produktion des Tanz/Theaters |
Zu Beginn sitzt eine einsame Frau (Brigitte Cuvelier) im weißen Kittel auf einer abschüssigen Empore in einer weißen, krankenhausartigen Umgebung. Während das Bühnenbild nahezu aseptische Reinheit ausstrahlt, läuft unter der Frau Blut über die Schräge. Dieses Blut weist jedoch nicht auf eine übliche Verletzung oder Krankheit hin, sondern steht für einen zentralen Aspekt im weiblichen Leben, der sich sowohl bei der Menstruation als auch bei der Geburt zeigt. Bei der Kranken hört die Blutung nicht auf, sondern dauert fort wie ein ewiges Übel, das ihr Leben zerstört. Schon hier wird auch die Symbolik deutlich: Frauen leiden unter seelischen Dauerb- lutungen, die durch Erziehung und Rollenbild entstehen.
Von Zeit zu Zeit erscheint wie ein Schatten der Psychiater (Octavio Campos) mit eher verwal- tenden als hilfreichen Bemerkungen und Fragen. Menschlich anrührend dagegen die Szene, in der die beiden Brüder (Giuseppe und Michele de Filipis - zwei echte Brüder!) sie reinigen und trösten.
In Birgitta Trommlers Inszenierung spielt die Mutter (Barbara Sternberger) die bestim- mende Rolle im Leben der Kranken. Wenn Sie die Kranke in der Klinik besucht, er- scheint sie im hochgeschlossenen Kleid, ein Bild der Strenge und Unkörperlichkeit. Die verzweifelten Annäherungsversuche der Tochter weist sie kühl und angeekelt ab, ihre weißen Handschuhe vor der Berührung mit dem Blut bewahrend. Akrobatisch bewegen sich die beiden Frauen um den Sandkasten, die eine Nähe suchend, die andere sie ver- weigern, und theamtisieren mit dieser Szene den alten Konflikt zwischen Mutter und Tochter. Bereits hier jedoch ist anzumerken, dass Birgitta Trommler ein eher überkom- menes Mutterbild thematisiert, die körper- und sinnenfeindliche, frustrierte Frau. Ob diese das heutige Mütterbild wirklich noch repräsentiert, darf jedoch im Zeitalter der eher kumpelhaften und im Zweifelsfall mit der Tochter konkurrierenden Mütter bezweifelt werden. Der Sandkasten gewinnt im weiteren Verlauf seine tiefere Bedeutung, wenn in einer Art Rückblende die Jugend der Kranken darge- stellt wird. Vera Bilbija zeigt ein Mädchen, das im Sandkasten mit Stoffresten naiv-aus- gelassen Puppen spielt. Dabei wirkt jedoch der Ausbruch auf Russisch und das mehrfach deutlich hervorgestoßene Wort "Grosny" etwas zu aufgesetzt und um politische Aktuali- tät bemüht. Die Thematik jedenfalls hat mit Grosny genauso viel zu tun wie mit Darm- stadt. Als dann jedoch der Vater (Thomas Langkau) dem heranwachsenden Mädchen ein durch- sichtiges Kleidchen schenkt und mit ihr eroti- sche Spielereien treibt, fällt die Mutter über beide her und reißt dem Mädchen die Kleider vom Leib. Vater und Mutter tanzen einen verzweifelten Tanz, sie verweigert sich seiner verzweifelten Bitte, sich an schönere Zeiten zu erinnern, und wird nur für kurze Augenblicke schwach. Hier lässt "American Beauty" grüßen. Die verstörte Tochter jedoch verkraftet die ihr unverständ- liche Situation nicht und leidet zunehmend unter der stren- gen und alles Erotische ver- neinenden Mut- ter. Als sich die Verstörung zur Hysterie stei- gert, zerrt die Mutter sie gewaltsam unter die kalte Dusche, und damit ist der Übergang zur Kranken des Beginns hergestellt.
Diese jedoch hat durch den intensiven Rück- blick auf ihre Vergangenheit den Konflikt für sich bewältigt und wird zum Schluss in ein blütenweißes (Braut?-)Kleid gesteckt, um sich gesundet der Zukunft zu stellen. Die Mutter dagegen zerbricht an der Situation und fällt in eine kindische Verzweiflung, die sich durch blindes Wühlen im Sandkasten ausdrückt.
Diese "Szenen einer Beziehung" werden durch die Tanztruppe in thematisch orientierten Tänzen kommentiert und illustriert. Herrlich der Reinigungstanz, in dem die Truppe alle Bewe- gungen der Morgentoilette - vom Abtrocknen über das Zähneputzen bis zur Ohrreinigung - parodiert. Oder der Stuhltanz, wenn drei Frau- en auf Stühlen über die Bühne rutschen - einge- engt und bewegungsgehemmt, während die Männer sich frei um sie herum bewegen. Ein andermal haben die Frau Tücher eng um die Brust gewickelt, um jede Art von Weiblichkeit zu unterdrücken.
Mit diesen Tanzeinlagen verweist Birgitta Trommler eindringlich auf die - ihrer Meinung nach auch heute noch - typischen Erziehungs- rituale bei Töchtern.
Wenn die Truppe dagegen mit Kopien des mütterlichen Kleides einen erotischen Tanz hinlegt, ist dies als Hinweis auf die Defizite der Mütter zu verstehen. Ob´s der Realität ent- spricht, sei dahin gestellt....
Die Musik von Moritz Eggert begleitet nicht, sondert wirkt wie ein weiterer Künstler mit eigenem Anspruch auf eine Hauptrolle. Der langandauernde Ton in der Anfangsphase der delirierenden Kranken erzeugt eine ebenso dichte und verstörende Atnmosphäre wie die späteren Ausbrüche der Frauen, bei denen sich Bewegungen und Musik in synchronen Span- nungsbögen steigern. Zeitweise wirkt die Musik erstaunlich "naturalistisch" - man vermeint Anklänge an russische oder fernöstliche Musik zu hören, dann wieder sehr modern, dem atonalen Klang verpflichtet. Die gesamte Inszenierung wirkt - auch dank der Spieldauer von nur 80 Minuten - sehr kompakt und dicht. Die Spannung lässt nie nach, und Birgitta Trommler reduziert die Interpretation auf die wesentlichen Elemente der Mutter/- Tochter-Beziehung, wie sie sie sieht. Man mag in Manchem anderer Meinung sein, die Darstel lung jedoch überzeugte. Auch wenn diese Inszenierung in erster Linie von Frauen für Frauen gemacht zu sein scheint, greift sie dennoch weit über das reine Frauenthema hinaus und versucht, Konflikte innerhalb der Familie auf der Bühne zu thematisieren. Die Mittel des Tanz/Theaters ermöglichen im Vergleich zum klassischen, kopfgesteuerten Schauspiel weitere Ausdrucksvarianten, und Birgitta Trommler hat diese Mittel klug aingesetzt, wenn auch die Blutorgie zu Beginn vielleicht etwas zu deutlich und damit etwas nötigend wirkte. Man weiß auch ohne rotgefärbte Schamgegend, worum es geht. Das Publikum würdigte die Leistung von Darstellern und Regie am Ende mit anfangs zögerlichem, dann begeistertem Beifall und vielen, bisweilen jedoch etwas aufgesetzt wirkenden "Bravo"-Rufen. |