| Mit vielen Worten aufgeblähte Symbolik |
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Kurt Drawerts "Steinzeit" in Darmstadt |
Mit diesem "Lustspiel" hat es einige Besonderheiten auf sich: der in der DDR aufgewachsene und nach der Wende in den Westen übersiedelte Autor lebt heute in Darmstadt und brachte das Stück im Juni 1999 im Darmstädter Staatstheater kurz vor der Sommerpause zur Uraufführung.
Wenn sich der Vorhang teilt, präsentiert sich ein grellgrüner Kunstrasen bis zu einer "half-pipe"-förmigen Rampe im Bühnenrückraum. Ein leeres Schwimmbecken - Thema und Mittelpunkt dieses Lustspiels, dominiert die Bühne, einige Gartenmöbel ergänzen die Ausstattung.
In diesem Ambiente verbringt die Familie Huhn ein geruhsames Wochenende am - trockenen - Pool, den der Hausherr Herbert (Gerhard Hermann), seines Zeichens Architekt, offensichtlich auf den Druck seiner standesbewussten Frau Elvira (Karin Klein) als Wohlstandsfanal für die gesamte Nachbarschaft errichtet hat. Zur Einweihung ist am 25. des Monats eine grosse Party geplant. Der Pool hat nur einen Nachteil: er kann sein Wasser nicht halten, und Elvira beschimpft ihren Herbert in trauten Momenten der Zweisamkeit als grenzenlosen Versager, der ihre bevorstehende Demütigung verschuldet. Die airobic-versessene und ganz dem "Mainstream" folgende Elvira zeichnet sich nicht unbedingt durch Intelligenz aus, hat aber klare gesellschaftliche Ziele. Beim Besuch des Ehepaars Kiesel aus der Nachbarschaft zeigen sich die typischen Brüche in Beziehungen gesellschaftlich gefährlich dicht beiander plazierter Paaren. Die fehlende klare Hackordnung muss laufend neu hergestellt werden, sei es durch ritualisierte Hinweise auf berufliche Erfolge und unfähige Konkurrenten wie bei Herbert Huhn, sei es durch das pseudo-philosphische Harald Kiesels (Jens Ochslast) Geschwafel über Wohlstand und Bettelei. Männer konkurrieren im Beruflichen und Intellektuellen, Frauen im Erotischen, so wenn sich Frau Kiesel (Nicole Averkamp) im Beisein von Elvira wohlig vom Hausherrn einreiben lässt. Die Kinder der Huhns passen nicht ins elterliche Weltbild. Der Sohn läuft seltsam abwesend und unter coolen Sprüchen über die Bühne, die Tochter Jana (Susanna Burkhard) ist psychisch krank und verliert sich des Öfteren in depressiven Selbstgesprächen.
Der betreuende Psychiater der Tochter, Dr. Freudenstein (Lutz Zeidler), dient dem Autor als Blitzableiter für die gesamte Mediziner-Innung. In eitler Selbstbespiegelung präsentiert sich Freudenstein als Wissenschaftler und hochmusischer Mensch und vermischt die Nabelschau mit zynisch-heiteren Bemerkungen über Kranke und den Alltag in der Klinik. Nebenbei nutzt er jede Gelegenheit, der Hausfrau (zu) nahezutreten. Höhepunkt seiner Selbstentlarvung ist jedoch die krankhafte sexuelle Nötigung der ihm schutzbefohlenen Tochter, bei der er sich als der eigentlich geistig Kranke entpuppt.
Als makabre Zugabe sitzt Herberts Mutter(Sigrid Schütrumpf), schon weit über 90, stumm und bewegungslos im Rollstuhl dabei. Es ist nicht zu festzustellen, ob sie überhaupt noch lebt, doch Herbert hängt gegen den Widerstand seiner Frau an diesem Symbol einer Gesellschaft, die ihre Alten künstlich am Tropf des Lebens hält. Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass der berufliche Erfolg Herberts eine Chimäre ist - ein leeres Schwimmbecken! Er ist pleite und sucht einen Käufer für das Haus, nur seine Frau darf dies nicht wissen. Schon an dieser Stelle drängen sich die Symbole geradezu auf. Das leere Schwimmbad als Zeichen einer sinnentleerten Gesellschaft, die alte Frau als Symbol der mit dem Jahrhundert/tausend sterbenden Kultur, die Tochter als Vertreterin einer sich versagenden jungen Generation(versagt sie sich wirklich?), der Arzt als Vertreter der selbstherrlichen und skrupellosen Wissenschaft. Jede Figur spielt so eine doppelte Rolle: einmal die in der eigentlichen - dünnen - Handlung, und dann den Stellvertreter für eines der vielen Weltübel. Wie so oft versucht auch dieser Autor sich am großen Bogen des weltumspannenden, themenübergreifenden Gesamtkunstwerks und läuft dabei Gefahr, kläglich zu scheitern. So lassen zum Beispiel die beiden Gottesanbeterinnen (Karin Nennemann und Gabriele Drechsel) mit ihrem religiösen Wahn kaum in den Zusammenhang des Stücks einordnen. Zwar ist der Verweis auf die Bedeutung der Kirche durchaus erkennbar, aber ein inhaltlicher Zusammenhang mit der Handlung fehlt. Es gibt jedoch auch gelungene Szenen, zumindest im ersten Teil. Die Vorstellung des Performance-Künstlers Ernesto bei Elvira Huhn gerät zu einer temperamentvollen Parodie auf Kunst und Erotik. Hier spielt auch Karin Klein ihre mimischen Fähigkeiten voll aus. Präsentiert sich das Stück bis zur Pause noch als "Lustspiel" mit zumindest teilweise komödiantischen Zügen, so entgleist es danach vollständig. Als die große Einweihungsparty beginnt, muss der Pool natürlich abgedeckt bleiben, da eine erfolgreiche Reparatur dem Grundtenor des Stücks widersprochen hätte. Als sich die Partygesellschaft gelangweilt gegenseitig anzuöden beginnt, erscheint Dr. Freudenstein mit der Tochter Jana als Hund an der Kette. Anschließend beginnt er, die Teilnehmer in Hypnose zu versetzen. Als dann die Alte wirklich verstirbt, seziert er sie auf dem für das Mahl festlich hergerichteten Tisch und kopuliert anschließend über der Leiche mit der ihm mittlerweile verfallenen Hausangestellten Anna (Franziska Sörensen). Überdeutlich wird hier im wahrsten Sinne des Wortes die Symbolik aufgetischt: hier wird ein vergreistes Jahrhundert nach dem Tode ausgeweidet, zugenäht und anschließend geschändet. Litt der erste Teil der düftigen bis nicht vorhandenen dramatischen Handlung bereits an einem Übermaß an - satirisch geschwollener - Rede, so endet das Ganze in einem Chaos aus Theaterblut und durch Gemüse symbolisierte menschliche Innereien, das die anderen Teilnehmer tatenlos beglotzen, während Frau Kiesel - zu Recht - in die Dusche kotzt.
Hier beginnt die anfangs noch nachvollziehbare Gesellschaftssatire in eine Eruption aus einem alles nivellierenden Hass auf die gesellschaftlichen Zustände zu entarten. Die differenzierend kritische Sicht des ausgehenden Jahrhunderts mutiert zum blutgetränkten Blick eines literarischen Amokläufers. Am Ende präsentierte sich ein ziemlich genervtes und gar nicht heiteres Ensemble dem müden Beifall des verbliebenen Publikums, denn viele Besucher hatten schon in der Pause die Entscheidung getroffen, den Rest des Abends in einem netteren Ambiente zu verbringen. Schade nur um die Leistung der Schauspieler, die sich bis zum bitteren Ende alle Mühe gegeben hatten, diesem Stück wenigstens durch die Darstellung noch etwas abzugewinnen. Ihr Einsatz wurde vor allem durch die letzte Szene zunichte gemacht. Lobenswert seien im Nachsatz noch die Zwischenszenen vor dem Vorhang vermerkt, die eine satirisch angehauchte Tour durch heutige (Klein-)Kunst und Medienrummel boten. Hier steckte teilweise mehr Witz als in dem gesamten Stück. |