"One Man Show" eines Multitalents

"Die Sternstunde des Josef Bieder" mit Walter Renneisen im Auerbacher Schloss
Wie immer im Juni eröffneten die "Auerbacher Festspiele" (16.6. - 27.8.) unter der Leitung von Klaus P. Becker das umfangreiche Festival- Programm mit einem Theaterstück in der Ruine des Schlusses. Dieses Jahr präsentiert Walter Renneisen, bekannt aus Theater und Fernsehen, Eberhard Streuls und Otto Schenks Komödie "Die Sternstunde des Josef Bieder". Wer das Stück überhaupt nicht kannte, konnte meinen, er sei irrtümlich in ein Konzert geraten, stan- den doch sechs Instrumente - Posaune, Trompete, Saxophon, Bass, Gitarre und Klavier - wohl aufgereiht auf der Bühne. Mitten in die erwartungsvolle Runde schlurft ein Mann - Walter Renneisen - im Unterhemd und grauen Arbeitskittel rückwärts auf die Bühne, einen mit verschiedenem Gerümpel angefüllten Einkaufswagen hinter sich herziehend. Verdutzt bemerkt er das Publikum und lässt sich erst einmal durch Vorzeigen von Eintrittskarten der ersten Reihe davon überzeugen, dass man offensichtlich mit Recht eine Vorstellung erwartet. Völlig verun- sichert versucht er, den Intendanten zu erreichen - natürlich vergeblich, und bemüht sich gleichzeitig, das Publikum durch sein Geplapper hinzuhalten. So erfahren die Zuschauer, dass er "nur" der Requisiteur sei und eigentlich aufräumen sollte. Dabei fallen ihm so "en passant" Anekdoten und Sottisen über das Theaterleben ein. Anfangs hält er sich noch mit der Kritik zurück, doch von Minute zu Minute entlädt sich der Frust eines 30-jährigen Lebens hinter den Kulissen in eine Abrechnung mit der Scheinwelt des Theaters. Bald schon wissen wir über die Marotten der einzelnen Schauspieler Bescheid, und dass ein Opernheld nur mit seinem, Josef Bieders, Theater- dolch glaubwürdig sterben kann. Tricks des Bei- fallheischens und die Eitelkeit der Darsteller wer- den genauso entlarvt wie das profane Alltagsleben der großen Mimen. So donnert "Hamlet" nach dem Massensterben mit dem Golf-GTI zu Bieders Zieh- tochter Lini und entführt sie in die Disco. Bieder selbst hat Lini als Requisiteurin angelernt und bemüht sich angestrengt, die Zuschauer davon zu überzeugen, dass er lediglich väterliche Gefühle für das Mädchen empfinde. Und doch........

Eine weitere große Liebe des Josef Bieder - und offensichtlich auch Walter Renneisens - gilt der Musik. Und wie Josef Bieder so die Instrumente anschaut, parodiert er z.B. zur Gitarre einen Opernsänger, spielt einen geistlichen Choral auf der Trompete oder einen liebegsättigten Blues (Lini!) auf dem Saxophon. Auf allen Instrumente zeigt Renneisen beachtliche Fähigkeiten und ruft mit seinem Trompeten-Solo sogar stürmischen Szenenbeifall hervor.

Wenn er sich dann plötzlich hinsetzt und sein Frühstück hervorholt - standesgemäß Butterstulle und Thermoskanne - merken die Zuschauer erst nach einigen deutlichen Hinweisen, dass jetzt Pause ist.

In der zweiten Hälfte flacht das Stück leider etwas ab, weniger durch den Darsteller als vielmehr durch die Häufung von Theaterwitze, die schon bessere Tage gesehen haben. Aber Walter Renneisen steht auch kalauernde Versprecher wie die "Nusskacker-Suite von Scheisskowsky" oder die H-Mess-Molle von Bach mit steinerner Miene durch und greift zum Ausgleich wieder zu einem Instrument. Einen sicheren Lacher bringt dann wiederum die Imitation der Fontaine als "Sterbender Schwan" mit dem Lampenschirm als TüTü und stachligen Männerbeinen darunter...

Zwischendurch präsentiert er fast liebevoll das Gerümpel aus dem Einkaufswagen, das er bei dem von ihm so heißgeliebten Sperrmülltermin erwor- ben hat, und erklärt, wozu man solche Gegen- stände im Theater gebrauchen kann. Zwischen- durch verfällt er immer wieder in melancholisches Gedenken an seine kleine Lini und in bissige Bemerkungen über Hamlet.

Stück für Stück schält sich die Biographie eines Theaternarren heraus, der für sein Leben gern einmal den großen Auftritt als Opernsänger oder Theaterheld gehabt hätte. Dabei merkt er nicht, dass er mit diesem fiktiven ad-hoc-Vortrag gerade seine Sternstunde erlebt. Brummig und mit ewig pessimistischem Gesichtsausdruck gibt er seine nur scheinbar naiven Sottisen über das Theater zum Besten, nur um das Publikum irgendwie zu unterhalten. Walter Renneisen spielt diesen Josef Bieder mit genau der richtigen Mischung aus Kleinbürgerlich- keit und Aufsässigkeit. Dabei erliegt er nicht der Versuchung, seinen Protagonisten aus der höhe- ren Warte des intellektuellen Künstlers gnadenlos bloßzustellen, sondern präsentiert uns eine ver- letzte Seele, die auch gerne einen Platz an der Sonne gehabt hätte und doch dreißig Jahre nur in der Requisite verbracht hat. Am Ende belohnte lang anhaltender Beifall dieses so unterhaltsame wie treffsichere Selbstportrait des Theaters.

Weitere Vorstellungen finden am 25.6., 1. und 8. Juli sowie zwischen dem 10. und 25. August statt.






Zusätzliche Vorstellungen wegen der großen Nachfrage:

11.,17.,18.,19., 20. und 24. August sowie am 
2.,3. und 10. September!
 
 
 
 

Karten sind erhältlich über die Festspielleitung:
Tel.: 06251/2332
Fax: 06251/69139
oder per E-Mail