Tod als Trost eines verlorenen Lebens

Büchners "Woyzeck" im Staatstheater Darmstadt
Bevor der Vorhang sich hebt, wird es stockdunkel im Saal, und nur langsam lichtet sich der Nebel über einer grauen Bühne. Die unerwartete Dunkelheit verscheucht die Zuschauer aus der angenehmen Erwartung des nahenden Schauspiels und verbreitet Beklemmung, die noch durch zwei ausdauernd schweigsame Personen auf der Bühne verstärkt wird. Woyzeck (Cristian Wirmer) und Andres (Olaf Weißenberg) liegen und sitzen dumpf ergeben in einer kahlen Kulisse, ohne Drang und Fahigkeit zur Kommunikation. Der erste Laut - von Woyzeck - lässt so lange auf sich warten, dass eine vorwitzige Stimme im Publikum fragt:"Kann der nicht reden?". Die erste Szene in Büchners Fragment in der Inszenierung von Thomas Janßen ist bereits Programm. Hier rollt keine Handlung mit dramatischen Höhepunkten ab, hier entfaltet sich die Beschreibung eines beklemmenden Zustandes, der wie ein alltägliches Naturereignis in die Katastrophe mündet. Die handelnden Personen haben dank ihrer Konditionierung keinen Einfluss auf die Geschehnisse, auch wenn sie sie auslösen.

Der Soldat Woyzeck lebt wie ein Obdachloser in äußerster materieller und seelischer Verarmung. Selbst sein Verhältnis zu Marie, der Mutter seines Kindes, lässt sich nicht Liebe nennen, da Woyzeck nicht in der Lage ist, ein solches Gefühl bewusst zu erleben. Er hängt im wahrsten Sinne des Wortes an Marie, passiv und ziellos. Seiner Umgebung ist er hilflos ausgeliefert, sein Hauptmann (Rolf Idler), selbst eine exzentrisch-hilflose Figur, führt ihn an einem Seil - Achtung: Metapher! - wie einen Esel um sich herum. Einen kärglichen Zusatzverdienst erarbeitet sich Woyzeck als Versuchsobjekt eines skrupellosen Arzt - in dieser Inszenierung einer Ärztin(Iris Melamed). Zur zielgerichteten Kommunikation unfähig, betrachtet Woyzeck das Anbändeln des Tambourmajors (Achim Barrenstein) mit Marie eher wehrlos und kann ihren Seitensprung nicht verhindern. Der Mord an Marie folgt nicht einem überlegten Kalkül, sondern ist eher Ausdruck der Hilflosigkeit denn rasender Eifersucht. Das Einzige, was Woyzeck zu besitzen meinte - die Frau - wird ihm einfach "en passant" genommen. Nach Maries Untreue steht er völlig allein da, und die Tat ist eher Bestätigung des Verlusts als Auflehnung dagegen. So nimmt er auch die Todesstrafe willig auf sich, da er sein Unglück letztlich als unveränderliches, in der eigenen Person begründetes Schicksal betrachtet.

Dieser in williges Sterben umgemünzte Verzweiflungsschrei ist Büchners Waffe gegen die Verhältnisse, die "nicht so sind". Der sogenannte "Bodensatz" der Gesellschaft ist von dieser so perfekt ausgegrenzt worden, dass er sich letztlich selbst als dort hingehörig definiert. Man kennt diese Selbstkasteiung aktuell von Arbeitslosen, die irgendwann ihren Zustand als selbstverschuldet empfinden und willig annehmen. Die Zweidrittel-Mehrheit der Gesellschaft benötigt die Ausgegrenzten zur eigenen Positionsbestimmung und -festigung und bestärkt die "Verlierer" in ihrer Eigenschau. Und wenn diese dann straffällig werden, muss man sie systemkonform entsorgen, bei Büchner auf dem Schaffott.

Das eminent Moderne an Büchners Stoff ist nicht nur die intellektuelle - weil handlungsarme - Darstellung, sondern die Verschlüsselung in Form scheinbar unzusammenhängender Szenen und Auftritte einzelner Personen. Wie bei einem Stück Becketts taumeln die Protagonisten in einer selbstgeschaffenen Welt ohne Außenbeziehungen über die Bühne. Der Eine singt nur kurze Reime vor sich hin, ein Anderer schwadroniert in endlosen Tiraden über pseudo-philosophische Themen, eine Magd (Siegfried Heinrichsohn in Frauenkleidern) trällert tanzend Schanklieder vor sich hin, und eine alte Frau (Charlotte Asendorf) brabbelt Kindermärchen vor sich hin. Jede(r) lebt in seiner eigenen schizophrenen Welt und wehrt sich auf seine/ihre Weise gegen die Zumutungen der Realität. In diesem Panoptikum des Irrsinns ist Woyzeck nur Einer von Vielen, und jeden seiner Zufallsgenossen hätte es genau so wie ihn treffen können.

Büchner und auch Janßen hüten sich jedoch vor einer populistischen Anklage an die "bessere Gesellschaft". Die ist nämlich - in Gestalt des Hauptmanns und der Ärztin - nicht weniger verbogen und verzweifelt als die "Underdogs". Die Ärztin igelt sich in einer Höhle aus medizinischen Fremdwörtern ein, die ihr nur vermeintliche Sicherheit verleihen, der Hauptmann eilt sinnlos von rechts nach links, Metapher eines ziellosen Lebens.

Ein solches Fragment ohne durchgängige "Handlung" kann man nur als Collage auf die Bühne bringen, und das tut Thomas Janßen konsequent. Alle Szenen gehen auf der Bühne ineinander über, nicht aktive Schauspieler überlassen den jeweiligen Akteuren die Sprache, um im nächsten Moment scheinbar in eine Szene einzubrechen, zu der sie nicht gehören. Mitten durch die kargen Wortwechsel auf der Bühne stolpern brabbelnd andere Rollenträger, um wieder im "Off" zu verschwinden. Die hingemordete Marie steht mitten in der Szene auf, steckt sich Haarschleifen an und wird zur Jette. Aus diesem Geflecht von Zufälligkeiten und sparsamen Interaktionen entwickelt sich ein Ambiente der Trost- und Hoffnungslosigkeit, das jedoch nicht nach gesellschaftlicher Aufhebung schreit, sondern lediglich grausam scharf sich selbst portraitiert.

Den Akteuren, allen voran Christian Wirmer als - mutig nackter - Woyzeck und Katharina Hofmann als "das Mensch" mit Balg und dem Funken Lebenslust, brachten die fragile Handlung mit Bravour über die Bühne und ernteten dafür mehr als freundlichen Beifall. Begeisterung wollte allerdings dank der deprimierenden Atmosphäre nicht recht aufkommen.