Der Untergang des Hauses B.

Thomas Manns Roman „Die Buddenbrooks“ als Theaterstück im Staatstheater Darmstadt

Die Versuche, berühmte Romane der Weltliteratur auf die Bühne zu bringen, 
sind ebenso zahlreich wie problematisch. Sei es Cervantes‘ „Don Quichotte“, Bulgakovs „Der Meister und Margarita„, Musils „Mann ohne Eigenschaften“ oder eben Thomas Manns „Buddenbrooks“. Von allen diesen Werken hat man bereits Bühnenfassungen erstellt 
oder zumindest geplant. Der unerreichte Höhepunkt dieser „Bühnenrally“ wäre natürlich eine dramatische Fassung – natürlich ein Einakter! – von Prousts „à la recherche du temps perdu“…..

Gustl Meyer-Fürst (Konsul), Christina Kühnreich (Toni), Margit Schulte-Tigges (Konsulin)

Problematisch sind solche Bearbeitungen deshalb, weil ein Roman grundsätzlich anderen Wirkungsgesetzen als ein Theaterstück folgt. Breitet man im Roman die Charaktere bis ins Detail aus und lässt die Entwicklung der Handlung und der Protagonisten sich langsam entfalten, so benötigt das Theater eine knappe, man möchte sagen „geballte“ Handlung, die auf den Dialog setzt und Konflikte auf den Punkt bringt statt psychologische Feinheiten zu erarbeiten. So kann denn eine solche Theaterfassung leicht in Langeweile erstarren oder aber das Wesentlliche eines Romans durch das Sieb eines stark reduzierten Handlungsrahmens rinnen lassen.

Auf die Suche nach der verlorenen Zeit wollte sich der Autor John van Düffel zwar nicht begeben, aber doch auf die Suche nach der verlorenen „Fortune“ einer Lübecker Kaufmannsfamilie, wie sie Thomas Mann in den „Buddenbrooks“ mit ironisch-epischer Fülle dargestellt hat. Für van Düffel stellt dieser wohl bekannteste und eingängigste Mannsche Roman ein ideales Analogon zur heutigen Zeit dar, in der ebenfalls die wirtschaftlichen und damit gesellschaftlichen Randbedingungen – Stichwort „Globalisierung“   – sich rasant ändern, Gewinner zu Verlierern und Verlierer zu Gewinnern werden. Gerade die überzeitliche Gültigkeit von Thomas Manns Roman, dessen Konflikte sich eher in den Menschen als aus bestimmten zeitgebundenen Umständen entwickeln, lässt ihn als prädestiniert erscheinen für eine neue Rezeption, die sowohl den Kern des Werks erhält als auch ihn mit neuen Bedeutungen auflädt. Das Staatstheater Darmstadt hat sich mutig dem Wagnis dieser „Umdeutung“ gestellt und mit Peter Hailer einen Regisseur gefunden, der für John van Düffels Text die entsprechenden Regiemittel entwickelt hat.

Die aristotelische Forderung „Einheit der Zeit“ ist hier zwar nicht mehr einzuhalten – schließlich erstreckt sich der Roman über vierzig Jahre -, doch „Einheit des Ortes“ und „Einheit der Handlung“ sind durchaus gegeben, und so standen die Chancen auf eine erfolgreiche Verlagerung des Romans auf die Bühne recht gut. Um es gleich vorab zu sagen: Peter Haile hat alle eventuellen Skeptiker Lügen gestraft und dem Darmstädter Publikum über zwei Stunden das sehr aktuelle und fast beklemmende Abbild einer Gesellschaft im Umbruch geboten. So mancher der Zuschauer dürfte während der Aufführung an die eigene Firma oder die seines Arbeitgebers gedacht haben…..

Andreas Manz (Christian), Matthias Kleinert (Thomas)   

Im Zentrum der Bühnenfassung stehen die drei Geschwister Thomas – der Älteste -, Christian und Antonia, genannt Toni. Zu Beginn geht es um die von Konsul Jean Buddenbrook und seiner Frau geförderte – fast geforderte – Verheiratung Tonis mit dem vermeintlich glänzend eingeführten Geschäftsmann Bendix Grünlich. Toni erahnt im sommerlichen Zusammensein mit dem Studenten Morten zwar kurz die Möglichkeiten einer echten Beziehung, doch die Familienraison siegt über das Gefühl – schließlich mussten damals für die unselbständigen Töchter standesgemäße und lukrative Partien gefunden werden. Sie heiratet Grünlich trotz ihres Widerwillens und findet sich prompt nach vier Jahren als geschiedene Frau eines betrügerischen Bankrotteurs wieder im elterlichen Haus ein. Thomas übernimmt nach dem Tod des gebrochenen Vaters – schließlich hat er die Ehe forciert und viel Geld dabei verloren – die Firma und damit die Rolle des Familienoberhaupts und muss dabei feststellen, dass die Firma in den letzten Jahren viel Geld verloren hat. Sein jüngerer Bruder Christian ist ihm auch keine Stütze, da er schon seit Jugendtagen eher die Künste und flüchtige Vergnügungen vorgezogen hat und sich der Verantwortung durch zunehmende Hypochondrie entzieht. Gerade die Erkenntnis seiner eigenen Schwäche und der – vermeintlichen – Stärke des Bruders treibt ihn immer weiter in innere Fluchtwelten, bis diese sich zu veritabler Lebensuntüchtigkeit und echter seelischer Erkrankung verdichten. Thomas hat seit Kindertagen die Rolle des zukünftigen Firmenchefs verinnerlicht und alle eventuellen anderen Sehnsüchte und Wünsche diesem Ziel untergeordnet. Seine Welt besteht aus Pflichterfüllung und dem Wohl der Firma, die Familie hat für ihn eine schwere aber ehrenvolle Rolle in der Gesellschaft zu spielen. Als einziger – außer dem Vater – erkennt er auch nüchtern die wahre Lage der Firma und flüchtet sich nicht in großbürgerlichen Dünkel wie seine Mutter und Schwester. Zu seiner eigenen Frau Gerda entwickelt er nur ein distanziertes Verhältnis, so dass die beiden schon bald nach der Geburt des Sohnes Hanno ein Leben nebeneinander führen. Toni bleibt trotz ihrer Erfahrungen mit Grünlich und später Permaneder Zeit ihres Lebens ein zwar gutmütiges und fröhliches, aber auch naives und verwöhntes Geschöpf. Sie ist in eine großbürgerliche, einst reiche Familie hineingeboren worden, und ihre Mutter bestärkt sie in ihrem festen Glauben an ein Leben mit Personal und mehr als großzügiger Haushaltung. Als die Realität um sie herum ihr nicht mehr den standesgemäßen Partner zur Verfügung stellen kann oder will, bleibt sie resigniert im Schoße der Familie.

Van Düffels durchläuft die oben skizzierten Stadien der Familie Buddenbrook im Zeitraffer, indem er wichtige Ereignisse  schlaglichtartig in den Vordergrund rückt. Die zum Teil Jahre überspannende Zeitsprünge deutet er mit knappen Hinweisen an, so, wenn unmittelbar nach der Verlobung mit Grünlich Toni schon am ehelichen Tisch sitzt, grünlich desinteressiert Zeitung liest und im Hintergrund ein Kind schreit. Oder wenn unmittelbar nach der Besiegelung von Grünlichs beruflichem Ende durch den alten Konsul Buddenbrook dessen Familie seinen Nachlass regelt. Zwar kann ein des Romans nicht kundiger Zuschauer durchaus der Handlung folgen, aber angesichts der Dichte der Handlung ist eine Kenntnis des Buches schon hilfreich. Erstaunlicherweise hat van Düffel es mit seiner Theaterversion geschafft, aus der wahrlich nicht knappen und eher episch orientierten Romanvorlage ein spannungsgeladenes Bühnenstück zu formen. Vor allem im zweiten Teil, wenn sich der Niedergang des Hauses beschleunigt und  Thomas verzweifelt versucht, die Entwicklung gegen gesellschaftliche Gegner und die Unvernunft oder das Unvermögen der Familienmitglieder aufzuhalten, entwickelt sich eine geradezu dramatische Situation auf der Bühne.

Andreas Manz (Christian), Christina Kühnreich (Toni)

Das ist natürlich zum großen Teil auf die Regie und die Darsteller zurückzuführen. Peter Hailer lässt die Szenen bewusst ineinander  übergehen, auch wenn er dabei locker größere Zeitsprünge riskiert. Das Ineinanderfließen der Szenen erzeugt Dynamik und Dichte, die dem Stück außerordentlich gut bekommen. Man ahnt dadurch den Druck, unter dem die Familie steht, wenn auch nur Thomas das begreift. Größere Zeitsprünge – Zäsuren – markiert Hailer mit subtilen Beleuchtungsänderungen, die eine Szene langsam verlöschen und die nächste heraufdämmern lassen. Ein Symbol für die verstreichende Zeit und die verrinnenden Hoffnungen. Etienne Pluss hat dazu ein Bühnenbild geschaffen, das  an ein biedermeierliches „Interieur“ erinnert. Vorne umrahmt ein (Bilder-)Rahmen die Bühne, der sich an der Rückwand wiederholt. Die agierenden Personen betreten die Bühne der Gesellschaft wie zu einem Generatiionenbild, verweilen dort eine Zeitlang und treten dann wieder von diesem Bild ab.  Vorder- und Hinterausgang symbolisieren den unaufhaltsamen Fluss des Lebens, der keine Beständigkeit erlaubt, obwohl die Protagonisten, vor allem Toni und ihre Mutter, nichts mehr ersehnen und erwarten als die ewige Kontinuität. Das Problem der wechselnden Kostüme – schließlich vergehen vierzig(!) Jahre – löst Heiler, indem er es erst gar nicht angeht. Kostümwechsel, die der jeweiligen Mode und dem aktuellen Alter der Protagonisten folgen wollten, sind in den kaum vorhandenen Pausen nicht möglich und würden überdies eine unerwünschte zeitliche Fixierung bewirken. So lässt Hailer seine Schauspieler in heutiger Kleidung spielen, die jedoch – soweit möglich – den jeweiligen Charakter widerspiegelt: Matthias Kleinert trägt als Thomas Buddenbrook vom Beginn bis zum Ende den selben grauen Anzug mit Weste, Andreas Manz stattet Christian mit wechselnder und stets etwas derangierter Freizeitkleidung aus, Christina Kühnreichs Toni zeigt luftige, weibliche Kleider und Hosenanzüge, Gustl Meyer-Fürst und Margit Schulte-Tigges bewegen sich als Konsul und Konsulin Buddenbrook in der auch heute noch standesgemäßen Kleidung der älteren Generation. Warum Etienne PLuss jedoch den jungen Morten Schwarzkopf als lächerliches Landei mit blonder Pagenkopffrisur und eher kindlichem Aufzug – es fehlt nur der Matrosenanzug! – darstellt, bleibt unklar. Gerade diese Figur hätte man sehr gut als Gegenentwurf zu Grünlich positionieren können.

Im Rahmen der gegebenen Kostümierung werden Alterungsprozesse – soweit nötig – durch Gestik und Mimik markiert. So kraucht die Konsulin als alte Frau verbittert und mit Untertützung ihrer mittlerweile resignierten Tochter Toni gebeugt von der Bühne, wenn ihr Thomas die eigenmächtige Schenkung eines Großteils des restlichen Familienvermögens an die Kirche vorhält. Christian mutiert im vorgerückten Alter – auch er ist am Ende des Stückes um die sechzig – zum verwirrten Hypochonder, der laut greinend seine Qual über ein vertanes Leben hinausschreit.

Tom Wild (Grünlich), Christina Kühnreich (Toni)

Damit sind wir schon bei den darstellerischen Leistungen, die durchweg zum Gelingen der Inszenierung beitragen. Allen voran ist Andreas Manz zu nennen, der mit Christian Buddenbrook geradezu eine Paraderolle gefunden hat. Er schafft es, diesem verlorenen Genie von eigenen Gnaden so etwas wie tragische Tiefe einzuhauchen. Sein Christian möchte gerne überall mitspielen, dabeisein und etwas bedeuten, doch er verfügt nicht über die entsprechenden Fähigkeiten. Durch permanentes und lautes Schönreden der Situation kann er die Realität nur kurzfristig verdrängen und landet stets wieder in der Verzweiflung, die er durch Hypochondrie kompensiert. Die Labilität und die dadurch bedingte, stetig zunehmende Zerrissenheit bringt Manz sowohl gestisch als auch mimisch derart überzeugend zum Ausdruck, das man beginnt, mit diesem Menschen mitzuleiden. Die Momente des Auflebens – fernab im sündigen London – wirken geradezu erfrischend, rufen aber wegen ihres unverkennbaren Fluchtcharakters Beklemmung hervor. Christian Buddenbrook ist in seiner inneren Unstimmigkeit wohl die komplexeste Figur des Romans und bei Andreas Manz in den besten Händen. Ihm zur Seite steht – wie eine Doublette des „zerbrochen Kruges“ – Matthias Kleinert, der hier wie dort die Rolle des stets Kontrollierten, der Rationalität und der praktischen Vernunft Verpflichteten spielt. Während sich bei Christian eine stete Verschlechterung seines Zustandes abzeichnet, bleibt Thomas bis zum Schluss der selbe: in sich verschlossen und sich keine Gefühlsregung außer der des gerechten Zorns erlaubend. Selbst seinen kleinen Sohn nimmt er nicht in den Arm, sondern fordert von ihm frühe Einsicht in die spätere Pflicht als Firmeninhaber. Matthias Kleinert verleiht diesem Thomas die fast tragischen Züge eines Selbstverstümmelten, der sich jegliche irrationale Anwandlung verbietet und ein Leben der asketischen Pflichterfüllung buchstäblich „verlebt“. Der plötzliche Ausbruch gegen seine präsenile Mutter angesichts der Verschleuderung des Familienvermögens wirkt wie der Ausbruch eines lange unter hohem Druck vor sich hinköchelnden Vulkans.

Christina Kühnreich überzieht anfangs die Lebendigkeit der Toni ein wenig, gerät aber mit zunehmender Spieldauer in etwas ruhigeres Fahrwasser und verleiht der zunehmend zaghaften und später resignierenden Toni ein facettenreiches Profil. Tom Wild ist als Bendix Grünlich eine Spur zu sympathisch, mehr Luftikus als schmieriger Betrüger; er könnte dieser Figur noch mehr widerwärtige Züge verleihen, um Tonis mehrfache Beteuerungen ihres Widerwillens glaubhaft erscheinen zu lassen. Gustl Mayer-Fürst spielt den zunehmend verunsicherten und schuldgeplagten Konsul Buddenbrook mit der richtigen Mischung aus Grandseigneurtum und Desorientierung, und Margit Schulte-Tigges lässt ihre Konsulin fest und unbelehrbar in der großen Tradition des Hauses Buddenbrook verweilen und dabei alle Änderungen in vermeintlicher Souveränität verleugnen. Hubert Schlemmer spielt einen aalglatten Bankier Kesselmeyer, der sich für Grünlichs Schulden am Konsul schadlos halten will, Iris Melamed hat nach längerer Pause mit der Gerda nur eine Nebenrolle, die sie aber mit der von ihr gewohnten Selbstsicherheit gestaltet, Gerd K. Wölfle gibt einen herrlich bauernschlauen und bodenständig-direkten Permaneder – ein Bayer in Lübeck! – und Stefan Schuster schließlich in der Rolle des Morten Schwarzkopf darf aus dieser Rolle leider nicht mehr als die eines jugendllichen Verehres machen.

Das Premierenpublikum zeigte sich von diesem bürgerlichen Untergangstableau fasziniert und folgte vor allem dem zweiten Teil geradezu gebannt. Der anschließende Beifall kam spontan, von Herzen und mit vielen „Bravos“ vor allem für das Geschwister-Trio durchsetzt. Diese Inszenierung hat das Zeug zum „Saisonrenner“.

Frank Raudszus

No comments yet.

Schreibe einen Kommentar