Karin Nohr ist Schriftstellerin und Psychoanalytikerin. Ihr 2019 erschienener Roman „Kieloben“ hat autobiographischen Hintergrund. Der Roman thematisiert unverarbeitete Kindheitserfahrungen, setzt sich mit der Rolle des Vaters auseinander, der seine Verwicklung in das Nazi-Regime verschweigt, und bearbeitet einen traumatischen Schicksalsschlag.
In ihrem neuen Roman „Mona Lisa auf der Couch“ schöpft Karin Nohr aus dem Fundus ihrer Erfahrungen als psychoanalytisch geschulter Therapeutin. Hier steht der Psychoanalytiker Pierre Nosse im Mittelpunkt. Pierre lebt in Paris, seine Mutter ist Französin, sein Vater Deutscher aus dem Saarland. Er trägt eine ungeklärte Kindheit mit sich herum. Niemand hat ihm erklärt, warum sein Vater den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen hat, dennoch aber den kleinen Pierre in den Ferien immer zu den Großeltern ins Saarland schickt.
Pierre befindet sich als etwa 50-jähriger in einer Lebenskrise. Die Ehe mit Colette schleppt sich dahin, Kinder wollten sich nach einer Fehlgeburt nicht mehr einstellen. Pierre und Colette leben nebeneinanderher. Bisweilen kommt es zwar noch zu intimen Begegnungen, die jedoch beide als „Rückfälle“ bezeichnen. Sie wissen beide nicht so richtig, was sie wollen.
Während er in seiner Praxis die Nöte und verdrängten Konflikte mit seinen Patienten aufarbeitet, verdrängt er die eigenen unverarbeiteten Erfahrungen. Die Lehranalyse hat ihm offenbar nicht viel gebracht. Statt authentisch seine Konflikte zu bearbeiten, hat er seinem Lehranalytiker eher Theater vorgespielt. Er erlebt sich als jemanden, der immer nur reagiert, ohne selbst eine Zielrichtung im Leben zu haben, die ihn als aktiv Planenden und Handelnden herausfordern könnte.
Das alles wird ihm erst bewusst, als er eines Morgens die Vision hat, dass Mona Lisa leibhaftig in seiner Praxis erscheint, sich – ohne ein Wort zu sagen – auf seine Therapie-Couch legt und nach einer Stunde wieder verschwindet. SIE, wie er sie nennt, ist nicht nur das bekannte Portrait, sondern eine vollständige Frauengestalt, die er aus seiner genauen Kenntnis des Bildes offenbar in seiner Fantasie entwickelt. Diese Erscheinung erschüttert ihn zutiefst. Seine Versuche, sie zu deuten, schlagen fehlt. Aber diese Gestalt wird für ihn zu einem Sehnsuchtsziel. Auf sie projiziert er alles, was ihm in der Beziehung zu Colette fehlt. Zu IHR kann er angstfrei sprechen, IHR gegenüber kann er seine Unsicherheiten und Ambivalenzen artikulieren. Die Erscheinung wird für ihn zu einem Medium der Auseinandersetzung mit sich selbst, mit seiner Kindheit, mit der Beziehung zu Eltern und Großeltern.
Um sich klarer zu werden, wie die für ihn als Kind scheinbar heile Welt der Großeltern ihn geprägt hat, reist er tatsächlich in das Dorf im Saarland, an das er die schönsten Erinnerungen hat. Aus der Sicht des Erwachsenen verändert sich seine Wahrnehmung der Vergangenheit. Er erkennt die unausgesprochenen Brüche im Leben der Großeltern, so dass sein Blick zunehmend realistischer wird.
Das ist die eine Seite seiner durch die Mona-Lisa-Erscheinung ausgelösten Selbstreflexion. Die andere Ebene bezieht sich auf sein Leben mit Colette in Paris. Er entzieht sich mehr und mehr der Gemeinsamkeit, verbringt mehr Zeit in der Praxis in der Hoffnung auf eine Wiederkehr der Erscheinung. Das tritt noch zweimal auf, und wieder löst die Gestalt Emotionen in ihm aus, die ihn in Unruhe versetzen und den Impuls setzen, sein Leben auf ein neues Gleis zu bringen.
Das aber wird dann wieder nicht von ihm selbst ausgelöst, sondern von Colette. Colette hat sich mit Madeleine angefreundet. Wie eng diese Beziehung ist, bleib unklar. Eines Tages trägt Colette den Wunsch an ihn heran, sich für Madeleine, die sich sehnlichst ein Kind wünscht, als Samenspender zur Verfügung zu stellen. Nach längerem Zögern willigt er ein. Als das Kind geboren ist, tun sich die Drei zusammen, um gemeinsam als Familie für das Kind zu sorgen. Pierre entdeckt in sich ganz neue Gefühle, die er bisher nicht kannte. Er wird zum hingebungsvollen Vater.
Die Dinge entwickeln sich jedoch ganz anders, als Pierre es sich vorgestellt hat. Er wird durch neue Bedingungen völlig aus der Bahn geworfen und tut im Kampf um das Kind Dinge, die er sich selber nicht hätte träumen lassen. Inhaltlich soll das hier nicht weiter verraten werden.
In dieser akuten Krise wird die Mona-Lisa-Figur für ihn zur virtuellen Therapeutin. Ihr stellt er seine Fragen, die eigentlich an ihn selbst gerichtet sind, ihr schlägt er seine Lösungen vor, für sie interpretiert er die Ereignisse um sich herum. Sie hilft ihm, die innere Einsamkeit zu überwinden und einen neuen Anfang zu finden. Colette hingegen begibt sich in eine psychiatrische Klinik.
Was bedeutet nun die Figur der Mona Lisa?
Für Pierre ist das Leonardo-Bild der Inbegriff des Schönen in der Kunst. Der Missbrauch der Kunst durch den Louvre-Massentourismus oder die Entstellung des Mona-Lisa-Bildes durch den kolumbianischen Maler Fernando Botero erregen in ihm einen unwiderstehlichen Ekel. Boteros Variationen des Mona-Lisa-Motivs als fettes, schweinchenrosa Kind von 6, 9 und 12 Jahren erzeugen in ihm so große Wut, dass er sich fast zu einem tätlichen Angriff auf diese Bilder hinreißen lässt.
Die Mona-Lisa-Erscheinung wird so zur Metapher für die Heilkraft des Kunstschönen schlechthin. Diese Aufgabe der Kunst ist für ihn heilig, sie ist die beste Therapie.
Pierre formuliert diese Wirkung des Kunstschönen – in der Erscheinung der Mona-Lisa-Vision – als neue Erkenntnis für sich: „SIE hat mich ausgesucht, einen Menschen, der nichts Großes darstellt, aber gern im Großen aufgeht. (…) Für eine Chance auf ihr Wiederkommen muss ich meine Antennen nach innen richten.“
Mit der zunächst irritierenden Einführung des Mona-Lisa-Motivs gelingt der Autorin ein großes Plädoyer für die Kunst, die uns herausfordert und auf uns selbst zurückwirft, wenn wir sie ernst nehmen. „Die Antennen nach innen richten“ heißt dann, sich selbst zu erforschen, Lebensentscheidungen zu überprüfen und gegebenenfalls neue Wege einzuschlagen.
In ihrem Roman entwirft Karin Nohr unterschiedliche Lebenswege, die in Sackgassen münden können oder aber auch immer wieder Richtungsänderungen ermöglichen.
Ihre Hauptfigur Pierre findet diesen neuen Weg. Von seiner Frau Colette wissen wir es nicht, auch ihre Vergangenheit, d.h. ihre Kindheit, birgt ein Geheimnis, das sie wohl nur in der Therapie wird bearbeiten können. Die Autorin gibt einen Hinweis darauf, dass es sich um Missbrauch im Kindesalter handeln könnte. Konsequent, aber rücksichtslos gegenüber ihren Mitmenschen geht Madeleine ihren Weg. Sie löst die dramatische Entwicklung der Handlung aus, bleibt aber als Figur blass. Eine Innensicht von ihr gibt es nicht. Colette hingegen lernen wir in ihrer Auseinandersetzung mit Pierre kennen.
Insgesamt ist das ein lesenswerter Roman, der uns hinter die Kulissen der Therapiewelt führt. Auch der Therapeut ist Produkt seiner eigenen Lebenserfahrungen. Die Frage ist, wie weit er diese Erfahrungen bewusst bearbeitet und verarbeitet hat. Aber jede Therapie lässt einen Rest, der nicht aufgeklärt werden kann. Ist hier die Kunst das Heilmittel?
Karin Nohr, Mona Lisa auf der Couch. EINBUCH Buch- und Literaturverlag Leipzig 2025, 230 Seiten, 15.40 Euro.
Elke Trost


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