Leila Slimanis Roman „Trag das Feuer weiter“ ist der dritte Band ihrer Trilogie über ihre marokkanische Familie. Sie schreibt über sich selbst, den Familienclan und besonders über ihren Vater. Es ist eine Spurensuche nach ihren Wurzeln, da sie an sich selbst krankt und die Ursachen für ihren Zustand aufspüren muss , um wieder zu gesunden.
Die Protagonistin Mia Daout passt nicht in das Klischee einer marokkanischen Tochter, die hauptsächlich zu Hause zu leben, Kinder großzuziehen und dem Mann den Rücken freizuhalten hat. Obwohl sie angepasst erzogen wurde, verspürte sie schon immer einen enormen Freiheitsdrang und opponierte gegen viele Regeln in der Familie, in der Schule und in ihrer Peergroup.
Mia ist im Wohlstand und mit Bildung aufgewachsen, ihre Mutter ist Gynäkologin, der Vater ein erfolgreicher Banker bei einer marokkanischen Bank. Beide Elternteile arbeiten viel, nehmen sich aber auch immer wieder Zeit für Gespräche mit den beiden Töchtern Mia und Inès. Den Rest regelt die Haushälterin.
Die erwachsene Mia lebt als Schriftstellerin in Paris, da ihr das teilweise rückständige Marokko zu eng ist. In Paris feiert sie durchaus Erfolge mit ihrer schriftstellerischen Arbeit. Doch eines Tages geht nichts mehr. Sie fühlt sich ausgelaugt, vollkommen erschöpft und hat noch dazu ihren Geschmacks- und Geruchssinn verloren. Sie leidet unter „brain fog“. Auf ihre Arbeit kann kann sie sich nicht mehr konzentrieren und traut sich nicht mehr aus der Wohnung. Für ihre Familie ist sie telefonisch nicht mehr erreichbar. Die Welt draußen existiert für sie nicht mehr.
Schließlich rafft sie sich zu einem Arztbesuch auf, doch mehrere solche Besuche verlaufen ergebnislos, bis sie auf einen Neurologen trifft, der ihr weiterhilft. „Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Mademoiselle: Finden Sie ihre „Madelaine“ (frei nach Proust). Die Madelaine ist hier als Symbol für die Macht der Erinnerung und die Wiederbelebung der Vergangenheit zu verstehen. Mit diesem Ratschlag kann Mia etwas anfangen und begibt sich auf die Suche nach ihren Wurzeln in der Familie.
Slimanis Roman nimmt die Leser mit auf eine Reise zu den Ursprüngen der Daout-Dynastie. Er fesselt durch seine Authentizität , denn die Autorin nimmt ihre eigene Biographie als Tonspur. Viele Einflüsse wirken auf Mia ein: Einerseits das konservative Familienleben, geprägt vom marokkanischen Konservatismus, andererseits die Freiheiten im europäischen Ausland, hier besonders Frankreich. Mia merkt irgendwann, dass sie sich mehr zu Frauen hingezogen fühlt, und muss erst einmal damit klarkommen. Als ihr erfolgreicher und bewunderter Vater eines Tages verhaftet und ins Gefängnis gesteckt wird, bricht für die gesamte Familie das stabile Gerüst zusammen. Von nun an ist jeder auf sich gestellt.
Beeindruckend an dem Roman ist, wie Mia sich selbst als aufgeklärte, gebildete Person begreift, aber von Vorurteilen der Pariser über Marokko immer wieder in eine isolierte Ecke gestellt wird. Wie man mit diesem Rassismus klarkommt, ist auch ein Thema dieses Romans und lässt die Leserin nach der Lektüre die eigene Einstellung überprüfen.
Das Buch ist im Luchterhand-Verlag erschienen, umfasst 441 Seiten und kostet 25 Euro.
Barbara Raudszus

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