Thomas Melle: „Haus zur Sonne“

Der neue Roman „Haus zur Sonne“ von Thomas Melle stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2025 und das zurecht, denn „Haus zur Sonne“ wäre des Preises durchaus würdig gewesen. 

Thomas Melle mutet uns als Lesern einiges zu, müssen wir doch mit dem Protagonisten dessen Erwachen aus einer extremen manisch-depressiven Phase mit allen Folgen für seine weitere Lebensperspektive durchmachen

Es ist bekannt, dass Mele selber an einer bipolaren Störung leidet, dennoch ist sein neues Buch kein autofiktionaler Roman, vielmehr ein Entwurf, welche Möglichkeiten es geben könnte, Betroffene aus ihrer Krankheitsnot zu retten.

Der mittlerweile 50-jährige Ich-Erzähler – ich identifiziere ihn bewusst nicht mit dem Autor – kennt manisch-depressive Phasen aus seinem früheren Leben. Nach einer schweren Krankheitsphase in seinen 30ern kann er sich erholen und sein Leben auf eine neue, sichere Grundlage stellen, privat wie auch beruflich als Schriftsteller und Journalist Das dauert 10 Jahre an, bis ihn plötzlich die mediale Reaktion auf seinen kontroversen Artikel zur Nobelpreisvergabe an Peter Handke völlig aus der Bahn wirft. Er versinkt in einer zweijährigen katastrophalen manischen Phase, in der er alles zerstört, was er sich zuvor an solider Lebensgrundlage aufgebaut hat.

Die manische Phase wird von einer wiederum zweijährigen schweren depressiven Phase abgelöst, aus der er schließlich auftaucht und erkennt, dass er vor dem Nichts steht. Was bleibt, ist der dringliche Todeswunsch, weil er keine Möglichkeiten eines stabilen Lebens sieht. Allerdings fehlt ihm die Kraft, den Selbstmord in die Tat umzusetzen.

Durch Zufall fällt ihm ausgerechnet in der Arbeitsagentur ein Flyer in die Hände, in dem Menschen wie ihm mit dem „Haus zur Sonne“ eine letzte Rettung angeboten wird.

Er bewirbt sich um Aufnahme und erhält tatsächlich einen Platz. Der Leiter der Einrichtung klärt ihn über das Angebot auf. Alle „Klienten“ sind von dringlichstem Todeswunsch durchdrungen. Das „Haus zur Sonne“ bietet einen einmaligen Handel an: Wer sich darauf einlässt, erfährt in lebensechten Simulationen die größten Glücksmomente, die er sich wünscht. Das Haus bietet darüber alle Annehmlichkeiten wie in einem guten Hotel. Das Personal hilft ihm, seine Wünsche und Sehnsüchte herauszufinden und sie in eben jenen Simulationen zu durchleben. Am Ende aber steht die finale Forderung, den Todeswunsch mit Hilfe der Einrichtung wirklich umzusetzen.

Das Modellprojekt wird staatlich gefördert, für die Klienten ist der Aufenthalt kostenlos. Die zynische Begründung, wie der Leiter erklärt: Für den Staat ist es billiger, einen 2- bis maximal 3-monatigen Aufenthalt zu finanzieren als lebenslang für die lebensunfähigen Klienten Sozialhilfe zu zahlen.

Der „Deal“ ist also ein totaler: Der Klient muss sich den Gesetzen des Hauses hundertprozentig beugen, er gibt sein Leben in die Hände der Anstaltsleitung.

Unser Protagonist lässt sich darauf ein. Er erlebt Phasen der größten Glückserfahrung in den Simulationen, in den „wachen“ Phasen stehen die Reflexion des eigenen Todeswunsches und der Austausch mit anderen Klienten im Vordergrund. Je mehr jedoch das sichere Ende mit Selbstmord in zeitliche Nähe rückt, desto ambivalenter wird der Todeswunsch. Lohnt es vielleicht doch weiterzumachen? Oder gibt es noch Aufschub? Die Entscheidung zum letzten Schritt, der schließlich eingefordert werden wird, erscheint ihm unmöglich.

Mehr soll hier inhaltlich nicht ausgeplaudert werden, zumal das Ende sehr verrätselt ist. Ist der in dem Vertrag festgelegte Selbstmord nur ein letztes Mittel, das den Klienten zur Annahme des Lebens zwingt?

Was den Roman auszeichnet, ist die eindringliche Darstellung sowohl der manischen als auch der depressiven Phase. Es ist ganz offenbar Melles Intention, uns als Leserinnen und Lesern und gerade solchen, die diese Krankheit nicht aus eigener Erfahrung kennen  –  die Krankheit anschaulich zu machen und unser Verständnis zu schärfen.  Jeder psychotische Schub zerfetzt offenbar das Leben des Erkrankten. Die ganze Kraft wird nötig, um die Krankheit in Schach zu halten, so dass eine Aufarbeitung möglicher Traumata und tiefer liegender Konflikte gar nicht möglich ist. So können frühe Kindheitstraumata zu einer so grundlegenden „Verpanzerung“ der Seele führen, dass die „Detonationen von innen (…) vielleicht erst so lautstark und zerfetzend geschehen“ können. Das erinnert an die Kraft eines Vulkans.

Ebenso eindringlich lässt Thomas Melle seinen Protagonisten beschreiben, was eine Depression für den Erkrankten bedeutet. So intensiv und nachvollziehbar kann das wohl nur jemand tun, der diese Erfahrungen selbst durchgemacht hat. Die zentrale depressive Erfahrung so Melle – ist die Summierung von „Nullpunkten“. Depression sei eine seelische Behinderung, die alle Aktivität lähmt. Der Erkrankte fühle sich wie in einem Vakuum, das zu einem ständigen Kreisen um den eigenen Todeswunsch führt. Die Krankheit erscheint als unberechenbar, sie kann jederzeit wieder zuschlagen.

Mich hat der Roman sehr gefesselt, ohne dass ich die Darstellung des Krankheitsverlaufs als Leserin deprimierend fand. Das liegt wohl auch daran, dass der Erzähler immer wieder auf Distanz zu sich selbst geht, so als betrachte er sich von außen. Damit ist das ein Roman der Reflexion, weniger der Handlung, denn es passiert eigentlich nicht viel in dem Roman. Der Raum der Klinik ersetzt äußere Handlungsräume, alles wird nur in Simulationen konstruiert, besteht also nur in der Vorstellung des Halluzinierenden. Wenn er erwacht, befindet er sich wieder in der Routine des Klinikalltags. Wie diese Simulationen technisch bewirkt werden, wird nicht weiter entwickelt. Hier bedient sich der Roman der Elemente der Science Fiction. Irgendwie lässt sich das eben machen. Wichtig ist, was die Simulationen mit den  Klienten machen. Sie sollen noch einmal alle denkbaren Glückserlebnisse haben, ohne dass ihre Realität sich ändert, und vor allem, ohne dass der Todeswunsch aufgegeben wird.

Der Roman liest sich fast wie ein Krimi. Thomas Melles Sprache ist sehr präzise und eindringlich, so dass die Nöte des Kranken unmittelbar sichtbar werden. Auch die konsequente Ich-Perspektive führt zur Identifikation mit dem Protagonisten. Als Leserin wünsche ich mir, dass er doch geheilt werden möge und wieder in ein normales Leben zurückkehren kann. Melle jedoch führt uns vor, dass das wohl eine illusionäre Hoffnung ist. Die Krankheit wird man nicht los.

„Haus zur Sonne“ ist ein Roman, der mich noch länger verfolgt hat, denn gerade das rätselhafte Ende lässt viele Optionen offen.

Macht Melle den Kranken Hoffnung auf das Leben? Oder fordert er gerade im Gegenteil Respekt für den Wunsch nach selbstbestimmtem Sterben, auch wenn es für die Außenwelt unverständlich und viel zu früh ist?

Lesen Sie selbst. Es lohnt sich.

Thomas Melle, Haus zur Sonne. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2025, 316 Seiten, 24 Euro.

Elke Trost     

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